Unser Kind soll Adolf heißen

Der Vorname ist ein dankbares Theaterstück. Es braucht nur sechs Personen, drei Männer und drei Frauen (wobei eine der Frauen nur via Telefon anwesend ist) und kein aufwendiges Bühnenbild. Die gut geölte französische Konversationskomödie, in der sich die Kommunikation bei einem familiären Abendessen in wechselnden Streits entzweit, findet am Schluss zu einem Ende, das das Publikum gut gelaunt nach Hause entlässt. 2012 hatten die Autoren Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte ihren Text fürs Kino adaptiert. In Frankreich wollten damals Millionen Menschen Le Prénom sehen, hierzulande gerade 50.000 Leute.

Das kann sich mit dem Remake von Sönke Wortmann ändern, denn hier trifft man auf bekannte Gesichter: Caroline Peters als gastgebende Grundschullehrerin Elisabeth Berger-Böttcher ist vielleicht die überraschendste Wahl. Denn für die kochende, den Laden mit Mann und zwei Kindern managende Frau erscheint Peters zu spröde und eigensinnig; ihr komisches Talent hat sie in der Fernsehserie Mord mit Aussicht bewiesen. Christoph Maria Herbst bringt als ihr diskursiv emsiger, im Haushalt fauler Gatte dagegen das pedantische Anscheißertum seiner Stromberg-Figur in die Rolle des Literaturprofessors Stephan Berger ein.

Florian David Fitz gibt Thomas Böttcher, den Elisabeth-Bruder, als vergleichsweise kulturlosen Sunnyboy, dem der Reichtum durch Immobilienmaklerei recht gibt. Justus von Dohnányi ist als konsequent allen zugewandte Scharnierfigur besetzt – von der Böttcher-Mutter Dorothea (kraft all ihrer Prominenz: Iris Berben) und ihrem verstorbenen Mann aufgenommen als quasi drittes Kind, ist dieser René der beste Freund von Elisabeth und Thomas und Stephan lange vertraut.

Verspätet gesellt sich Thomas' Frau Anna zur Runde, wobei GZSZ-Star Janina Uhse vermutlich ein jüngeres Publikum adressieren soll. Anna ist in freudiger Erwartung eines Sohns, und die Wahl des Vornamens, den Thomas zuvor ausgeplaudert hat, setzt den innerfamiliären Disput in Gang. Das Kind soll Adolf heißen, was zu Stürmen der Entrüstung bei Stephan, Elisabeth und René führt.

Die wie in einer aufwendig entworfenen Domino-Anordnung nur weitere Böen und Platzregen im eigentlich plaudernden Miteinander nach sich ziehen: "Was-ich-dir-schon-immer-mal-sagen-wollte"-Tiefs wechseln sich mit "Du-hast-doch-nie"-Gedonner ab. Weil die Mechanik von Der Vorname von überraschenden Wendungen lebt, soll an dieser Stelle über den konkreten Fortgang der Verwicklungen geschwiegen werden.

Die Übersetzung des Stoffes gelingt nicht ohne Schwierigkeiten. Dass zum Eintritt in deutsche Wohnhäuser keine Zahlencodes an der Haustür notwendig sind, wäre eine Sache. In Le Prénom verschafft dieses Detail der Stephan-Figur Anlass zu besserwisserischen Quizfragen an seinen weniger gebildeten Bruder (Wann war die Schlacht bei Marignano?). Bei Wortmann wird daraus ein übereifriger Wissenstest durch die geschlossene Tür hindurch.

Bedeutender ist, dass die Wahl des Vornamens Adolphe fürs Französische etwas anderes bedeutet als Adolf im Deutschen. Nicht, dass sich darüber nicht auch hier empört werden könnte, auch wenn es, wie Stephan auf dem Smartphone recherchiert, nicht verboten ist, sein Kind heute so zu nennen, sondern im Ermessen der zuständigen Ämter liegt. Aber es mangelt an Plausibilität für die Wahl: Im Original führt Thomas eine literarische Figur als vermeintlichen Grund an (den Titelhelden aus Benjamin Constants Roman Adolphe von 1816). In der Wortmann-Version (Drehbuch: Claudius Pläging) wird auf den weit weniger kanonisierten Kulturpolitiker Adolf Grimme ausgewichen, nach dem der Fernsehpreis benannt ist.

Dem gut konstruierten Text von de La Patellière und Delaporte geht es um die Aktualisierung eines Musters, die Variation eines zeitlosen Arrangements – dass in dem äußerlich perfekten Bild einer wohlständigen, gesitteten bürgerlichen Familie allmählich Risse sichtbar werden. Der Vorname entfaltet davon eine gesittete Version und ist darin am ehesten politisch, weil symptomatisch für die Gegenwart von 2010 steht, dem Jahr seiner Entstehung – und dabei weder so böse-kritisch wie die Bürgerschichtsentwürfe von Buñuel oder Chabrol ist noch so konservativ wie ähnlich gelagerte Theatertexte von Yasmina Reza (Kunst, Der Gott des Gemetzels).

Der versöhnliche deutsche Blick auf Konflikte

In der Eindeutschung fallen noch einmal Implikationen weg, die dem Stoff größere gesellschaftliche Anmutung verschafft haben. Wortmann hat Der Vorname vermerkelt, wenn man so will, allen in den Dialogtext eingeworfenen Updates wie AfD und Flüchtlinge zum Trotz: Lasst uns doch nicht über die anstrengende Politik reden. So kippt die Opposition aus linkem Bobo (zu dem Stephan im Original zählt und der in der deutschen Version gar kein Milieu mehr hat) und konservativem Lebemann (eigentlich Thomas) bei Herbst und Fitz in die Vertikale von Geld haben versus sehr viel Geld haben.

Entsprechend wird Stephans Geiz in der deutschen Version ausgewalzt in knickerige Status-Blenderei, die den Literaturprofessor teure Wein-Etiketten auf billige Flaschen kleben lässt – die Figur in der französischen Version hätte sich den teuren Wein einfach nicht gekauft.

Auf diese Weise schummelt sich Wortmanns Adaption an einem durchaus neuralgischen Punkt des Originals vorbei, der am ehesten eine Idee von Gesellschaft sichtbar macht. Und der für das Heute tatsächlich größere Bedeutung bekommen hat: Wie kann man miteinander reden, wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt und das Sein eben finanziell verschieden abgefedert ist? Und was nützt das kluge Reden, die Verhandlung großer Fragen in der Theorie, wenn daraus nichts für die Praxis des Lebens folgt?

Das sind Fragen, die in der französischen Variante durchaus aufscheinen – von der deutschen aber eilig passiert werden. Das stilistische Mittel dieses Desinteresses an Differenz ist die Kamera von Jo Heim, die in Der Vorname beim Essen alle gleichmachend um den Tisch kreist, während im Original Le Prénom dieselbe Szene in statische Schuss-, Gegenschuss- und Frontalaufnahmen auflöst, die die Personen eher voneinander trennen. So macht der innereuropäische Vergleich deutlich, wie versöhnlich der deutsche Blick auf Konflikte ist.

Das beginnt bei der indifferent-gefälligen Musik (Helmut Zerlett) und führt in das diffusere Spiel der Darsteller. Vor allem Justus von Dohnányi stattet seinen René mit viel mehr outrierter Watte aus, als Guillaume de Tonquédec das bei der entsprechenden französischen Figur tut. Wo sein nach allen Seiten hin offener und konfliktscheuer Familienfreund sich trocken auf eine personelle Neutralität zurückzieht, die im Text adäquat "Schweiz" genannt wird, spielt Dohnányi dieselbe Figur viel zu mitleidsheischend und gestenreich als Treudoof-Untergebutterten.

Hinzu kommen Einfälle der deutschen Regie, die sich bei genauerem Hinsehen als überflüssig erweisen. Warum etwa die Geschichte in Wortmanns Der Vorname mit dem Off-Ton von Caroline Peters' Elisabeth gerahmt werden muss (im Original ist es die Thomas-Figur von Patrick Bruel, die mit ihrer Vornamenswahl ja den Stein als Anstoß für alle Streitereien liefert), erschließt sich nicht.

Aber wo Le Prénom am Ende der Streitigkeiten kurz ironisch-kokett bescheidet, es sei innerfamiliär "ein Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt", heißt es in Der Vorname leitartikel-salomonisch, in einer "zunehmend" auseinanderdriftenden Welt müssten wir auf die Beziehungen bauen, die wir haben. Das ist natürlich nicht verkehrt, aber doch arg brav.

"Der Vorname" läuft ab 18. Oktober in den deutschen Kinos.