Florence Kasumba ist in Deutschland bisher vor allem durch ihre Hollywoodproduktionen bekannt: Zuletzt spielte sie in der Marvel-Verfilmung "Black Panther" die Elitekriegerin Ayo. Nun wirkt die 41-Jährige in zwei prominenten deutschen Produktionen mit: in der Spionageserie "Deutschland 86" und als neue "Tatort"-Kommissarin an der Seite von Maria Furtwängler.

ZEIT ONLINE: Frau Kasumba, was hat es mit den kleinen, bunten Karteikarten vor Ihnen auf sich? Lernen Sie damit Ihre Texte? 

Florence Kasumba: Ja, man sieht mich immer mit diesen kleinen Kärtchen. Auf die eine Seite schreibe ich, was mein Gegenüber in der Szene sagt, auf die andere meine Zeilen. Wie beim Vokabeln lernen. Jeder Drehtag bekommt außerdem eine eigene Farbe. So fühle ich mich gut organisiert und weiß genau, wann ich was sagen muss.

Florence Kasumba, geboren 1976 in Kampala, Uganda, ist in Essen aufgewachsen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung an der Fontys Dansacademie in Tilburg und spielte in Musicals wie "Der König der Löwen" und "Cats" mit. 2011 übernahm sie eine Hauptrolle im "Tatort". 2016 gelang ihr der Sprung nach Hollywood mit "The First Avenger: Civil War". Kasumba lebt mit ihrer Familie in Berlin. © Mike Marsland/WireImage/Getty Images

ZEIT ONLINE:  Sie haben in den vergangenen Jahren in zwei der größten Hollywoodproduktionen mitgespielt: Wonder Woman und Black Panther. In Amerika sind sie ein Star. Wie ist es hier in Berlin? Können Sie noch unerkannt durch die Straßen laufen? 

Kasumba: Ja, das ist ein großer Vorteil. Mein Privatleben ist mir sehr wichtig und wenn man in Berlin nicht gerade mit Kappe und großer Sonnenbrille rumläuft, bemerken die meisten einen auch nicht. Dass ich berühmt bin, ist mir erst richtig bewusst geworden, als wir die Pressearbeit für Black Panther gemacht haben. Ich weiß noch, wie ich aus dem Flieger in Los Angeles stieg und zur Limousine gebracht wurde. Auf einmal waren überall Fotografen. Ich drehte mich zu meinem Mann und fragte: "Wen fotografieren die hier eigentlich?" Er lachte: "Honey, dich!"

ZEIT ONLINE: Sie sind 41 Jahre alt. Würden Sie sagen, Ihr Durchbruch und Erfolg als Schauspielerin kam eher spät?

Kasumba: Nein, ich habe in meinen Leben schon sehr viel gearbeitet und viel erreicht. Die Frage ist, wie man Erfolg definiert. Als ich anfing, wollte ich vor allem als Musicaldarstellerin Fuß fassen. Dafür habe ich eine klassische Ausbildung mit Tanz, Gesang und Schauspiel gemacht und mir einfach nur gewünscht, dass ich ein paar Erfahrungen sammeln und irgendwann vielleicht davon leben kann. Für mich bedeutet Erfolg nicht, dass ich auf jedem Magazin bin und mich jeder auf der Straße erkennt, sondern, dass Leute mich anrufen und mit mir arbeiten wollen. 

ZEIT ONLINE: Als Nächstes sind Sie in der Serie Deutschland 86 zu sehen. Darin spielen Sie Rose Seithathi, die in Südafrika gegen das Apartheidregime kämpft und dabei von der DDR-Regierung und deren Spionen unterstützt wird. Kannten Sie die Geschichte und Verbindung zwischen den Ländern schon vor der Serie? 

Kasumba: Ich kannte die Geschichte der Apartheid in Südafrika, aber nicht die Verbindung mit der DDR. In der Schule hat man ja nur die Basics über die DDR gelernt. Als ich die ersten Episoden gesehen haben, kamen viele Fragen auf: Wie hätte ich reagiert? Was hätte ich damals gemacht? Der Mut vieler Menschen damals war enorm. Mir ist noch einmal bewusst geworden, wie gut es uns geht, und wie viele Dinge es gibt, für die man dankbar sein muss. 

ZEIT ONLINE: Sind Sie ein politischer Mensch? 

Kasumba: Ich bin gar nicht politisch. Ich versuche, menschlich zu bleiben und alles zu hinterfragen. Es ist leicht, darüber zu urteilen, was gut und was schlecht ist. Aber so lange man nicht in den Schuhen des Anderen steckt, finde ich, darf man sich kein Urteil bilden. Nehmen wir Chemnitz als Beispiel. Wenn man Menschen sieht, die marschieren und Parolen schreien, dann ist es – vor allem aus dem Ausland – leicht zu sagen: "In Deutschland gibt es so viele Nazis." Aber nur die wenigsten kennen die ganze Geschichte. Natürlich gibt es in Deutschland Nazis, aber die gibt es überall. Ich möchte lieber weiterfragen: Warum denken diese Menschen in Chemnitz so? Was ist ihnen widerfahren? 

Florence Kasumba als südafrikanische Widerstandskämpferin Rose Seithathi in der Spionageserie "Deutschland 86" © Amazon 2018 and its affiliates

ZEIT ONLINE: Sie klingen überraschend unaufgeregt. 

Kasumba: Natürlich mache ich mir Sorgen. Aber ich mache mir allgemein Sorgen, wie wir miteinander umgehen. Nicht nur wegen dieser Geschichte in Chemnitz. Der Rechtsruck ist ja ein Trend in ganz Europa. Aber ich will nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen, sondern lieber zu Hause anfangen. Was kann ich der nächsten Generation vermitteln? 

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie Ihren Kindern denn Themen wie Apartheid oder Rassismus?  

Kasumba: Das Thema Apartheid kann man ganz leicht erklären und darüber haben wir zu Hause natürlich auch schon vor der Serie Deutschland 86 gesprochen. Meine Kinder wachsen schließlich mit einer schwarzen Mutter und einem weißen Vater auf und das findet nicht jeder toll. Es gab mal eine Situation, als ich mit meinen Kindern in einem Laden hier in Berlin stand und jemand sagte: "Solche Kinder gehören verboten." Ein Mitarbeiter hat die Äußerung mitbekommen und sich tierisch aufgeregt. Aber für mich war das normal, weil ich ja oft beschimpft werde. Den Kindern habe ich dann erklärt: "Leute, so ist das, es wird Menschen geben, die euch alleine wegen eurer Hautfarbe nicht mögen werden." Ich will, dass meine Kinder vorbereitet sind und die Realität begreifen, ohne dabei ihren Humor zu verlieren.

ZEIT ONLINE: Wie schaffen Sie es, in solchen Momenten humorvoll zu bleiben? 

Kasumba: Einmal habe ich meine kleine Tochter zum Ballett gebracht. Wir waren in der Umkleide, neben uns stand ein Mädchen, das meine Tochter anstarrte und dann zu ihrer Mutter sagte: "Mama, die ist so schwarz." Meine Tochter hatte das vorher noch nie gehört. Die Mutter des Mädchens sagte nichts. Grundsätzlich denke ich, Kindern fallen andere Sachen auf und das zu hinterfragen ist völlig in Ordnung. Diese Äußerung war aber nicht freundlich, sondern sehr abwertend und das hat meine Tochter gespürt. Deshalb habe ich ihr erklärt: "Pass mal auf Schatz, das mit den Farben hat sie jetzt durcheinandergebracht. Es gibt schwarz, braun, hellbraun. Ist doch klar, dass du nicht schwarz bist. Sie muss einfach noch die Farben richtig lernen." Wir haben sehr gelacht. 

ZEIT ONLINE: Sind Sie auch so erzogen worden?  

Kasumba: Total. Und dafür bin ich meiner Mutter unheimlich dankbar. Meine Mutter hat auch immer Klartext geredet und mir gleichzeitig beigebracht, dass man Dinge nicht sofort persönlich nehmen darf, sondern erst mal versuchen sollte, zu verstehen, warum sich der oder die andere so verhält.