Der Tatort, so wird häufig kolportiert, sei das letzte Lagerfeuer des deutschen Fernsehens. Bleibt man bei diesem Bild, so hat die neue TV-Plattform der Deutschen Telekom nun einen neuen Platz zum Füßewärmen.

Die Plattform Magenta TV, die am 24. Oktober offiziell eröffnet wird, enthält nämlich mehr als 8.000 Inhalte aus den öffentlich-rechtlichen Archiven. Darunter 200 Folgen des Tatort (200 weitere sollen folgen), beliebte Serien und Mehrteiler wie Großstadtrevier, Bares für Rares, Ku'damm und Unsere Mütter, unsere Väter. Auch 2.500 Titel aus dem Kinder- und Jugendprogramm von ARD und ZDF gibt es, wie etwa Die Sendung mit der Maus, Sandmännchen und Sesamstraße. Einzelne Produktionen wie Der Tatortreiniger laufen auch jetzt schon auf Netflix oder anderen Video-on-Demand-Plattformen. Eine so große Bündelung öffentlich-rechtlicher Inhalte hat es bisher aber noch nicht gegeben.

Megathek nennt die Telekom ihren neuen Bestand selbstbewusst und tatsächlich ist Wolfgang Elsäßer, seit 18 Monaten verantwortlich für das TV-Geschäft, ein ziemlicher Scoop geglückt. Seit einem Jahr schon treibt die Telekom den Ausbau ihrer Fernsehsparte voran; im Oktober 2017 stellte der Konzern sein Serienportal EntertainTV vor, das Premiumserien wie Der Report der Magd (The Handmaid’s Tale) umfasst und sich Erstausstrahlungsrechte für deutsche Produktionen wie die TNT-Komödie Arthurs Gesetz sicherte. Im November kommt die erste Telekom-Eigenproduktion heraus: die französisch-deutsche Culture-Clash-Komödie Deutsch-Les-Landes mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle. 

Der Haken war bisher gewesen, dass das Angebot allein für Telekom-Kunden zugänglich war. Nun ist diese Hürde gefallen, Magenta TV kann ab sofort betreiberunabhängig abonniert werden. Mit 7,95 Euro pro Monat ist das Angebot sogar vier symbolische Cent billiger als ein Netflix-Abo. Man verstehe sich aber nicht als Konkurrenz zu den Streamingdiensten, sagt Elsäßer zu ZEIT ONLINE. "Wir sind Partner." Über eine Suchfunktion gelangte und gelangt man auch künftig über das Telekom-Portal auf die Inhalte anderer Plattformen und Sender wie Amazon, Netflix, Sky oder Maxdome sowie auf die Mediatheken von ARD, ZDF und arte. Die 8.000 neuen öffentlich-rechtlichen Inhalte, genannt ARD Plus und ZDF select, sind hingegen direkt in Magenta TV eingebettet und für Neukundinnen nur gegen die Abogebühr abrufbar.

Über die Kosten wird geschwiegen

Wie viel Geld für diese Kooperation geflossen ist, ist nicht bekannt. Über die Summe haben sowohl die Telekom als auch die Verwertungsgesellschaften der öffentlich-rechtlichen Sender (darunter Studio Hamburg, Bavaria unf ZDF Enterprises) Schweigen vereinbart. Regina Henrich-Dieler vom ZDF sagt, solche Kooperationen seien ein ganz normaler Vorgang: "Die Lizenzierung von Inhalten an Video-on-Demand- oder Streamingplattformen im Internet an nationale und internationale Partner gehört seit Jahren zum Aufgabengebiet von ZDF Enterprises."    

Tatsächlich ist durch die sogenannte Beihilfeentscheidung der Europäischen Kommission vorgeschrieben, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen der staatlichen Unterstützung den Markt nicht unzulässig beschränken darf. Für die kommerzielle Weiterverbreitung öffentlich-rechtlicher Inhalte mussten daher eigens Tochterunternehmen geschaffen werden, die selbständig unternehmerisch handeln und nicht vom Rundfunkbeitrag profitieren. In bestimmten Fällen sieht es sogar so aus, dass eine Tochtergesellschaft einen Film produziert, ARD oder ZDF die Ausstrahlungs- und Onlinerechte nur für einen bestimmten Zeitraum besitzen und dann an die Tochter zurückgeben. Die diese dann, wie nun im Fall der Telekom geschehen, an ein privates Unternehmen weiter lizenziert.

Dennoch ist jetzt schon abzusehen, dass diese neueste Kooperation nicht gerade zum Imagegewinn der öffentlich-rechtlichen Sender beitragen wird. Es ist für Zuschauerinnen schwer vermittelbar, dass sie jetzt bei der Telekom für Inhalte bezahlen sollen, die sie schon einmal von ihrem Rundfunkbeitrag "finanziert" haben. Warum nicht eine öffentlich-rechtliche "Megathek"? Immerhin schlummern Schätze wie mehr als 1.000 Tatort-Folgen oder andere Filme im Archiv der Fernsehanstalten.

Die Sieben-Tage-Regel ist gekippt worden

Aber hier können die Öffentlich-Rechtlichen wenig tun: Durch den geltenden Rundfunkstaatsvertrag ist die Verweildauer von Produktionen in den Mediatheken stark einschränkt. Nach Ablauf dieser Verweildauer können "Archivbestände daher nur auf kommerziellem Weg durch die Töchter der Landesrundfunkanstalten verwertet werden", heißt es vonseiten der ARD-Verwertungsgesellschaften.  

Daran ändert die Neufassung des Telemedien-Staatsvertrags nicht viel. Mitte Juni hatten sich die Ministerpräsidenten der Länder auf die Abschaffung der bisher geltenden Sieben-Tage-Regel in den Mediatheken geeinigt. In Paragraf 11 d, Abs. 2, Nr.2 des Entwurfs zum 22. Rundfunkstaatsvertrag steht sogar, dass Fremdinhalte wie angekaufte Spielfilme und "Folgen von Fernsehserien, die keine Auftragsproduktionen sind, bis zu 30 Tage nach deren Ausstrahlung" in den Mediatheken von ARD, ZDF und Deutschlandradio gezeigt werden dürfen. Ausnahmen soll es nur für US-Produktionen geben, da man sonst eine zu große Benachteiligung der privaten Sender befürchtet.

Auch das bedeutet keineswegs, dass ARD, ZDF und Deutschlandfunk  – sobald der Rundfunkstaatsvertrag von den Länderparlamenten abgenickt worden ist und voraussichtlich im Mai 2019 in Kraft tritt – alle produzierten Inhalte nach Gutdünken online stellen. Die Entscheidung muss in vielen Fällen im Einvernehmen mit den Gremien fallen. Und sie hängt unter anderem von der allgemeinen gesellschaftlichen Bedeutung des Inhalts ab. Dann spielen natürlich auch Rechtefragen eine Rolle. Für viele der im Archiv liegenden Produktionen wurden damals gar keine Onlinerechte ausgehandelt. Es gab ja noch kein Internet.

All dies muss man wissen, um die aktuellen Verhandlungen im Umfeld der Öffentlich-Rechtlichen zu verstehen. Es ist allerdings fraglich, ob es öffentlichkeitswirksam eine gute Idee war, gerade den Tatort zu lizenzieren. Auch wenn es nur alte Folgen sind, die sonst gar nicht mehr zu sehen gewesen wären: Er ist eben eine der identitätsstiftenden Produktionen der ARD. Dass er nun auf dem Portal der Deutschen Telekom eine neue Heimat gefunden hat, verstärkt den Eindruck, dass die Öffentlich-Rechtlichen es eben nicht schaffen, konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Initiative der Telekom zeigt aber, dass das Vorurteil nicht stimmt, dass deutsche Produktionen, speziell Serien, auf dem hiesigen Markt keine Chance hätten. Es gebe im Gegenteil "ein großes Interesse an deutschen Produktionen und deutschen Schauspielern", sagt der Telekom-TV-Chef Elsäßer. "Arthurs Gesetz von TNT Comedy etwa, das wir kofinanziert haben, ist ein Riesenerfolg."

Vor allem die Abrufe für das Serienangebot der Telekom hätten sich binnen eines Jahres  von "einigen Hunderttausend" auf "mehr als 10 Millionen Abrufe" gesteigert. "Immer mehr Kunden probieren Serien aus und damit auch die nicht-lineare Welt – und sie bleiben dabei. Der Serienkonsum scheint die On-Demand-Nutzung zu stimulieren bei Kunden, die bisher nur live geguckt haben."

Für die öffentlich-rechtlichen Sender ist das keine gute Nachricht. Sie müssen nun versuchen, mit der neu gewonnenen Freiheit aus dem künftigen Rundfunkvertrag ihre Mediatheken attraktiver und benutzerfreundlicher zu gestalten. Sonst wird es langsam einsam am Lagerfeuer.