Wie so viele Geschichten wird auch Making A Murderer irgendwann zu einer Geschichte der Anwälte. Zunächst ist es jedoch die Lebensgeschichte des Autoschrotthändlers Steven Allan Avery aus Two Rivers, Wisconsin. Seine Familie gilt als Schande der Kleinstadt: Sie ist eine Ansammlung minderbemittelter, saufender, um sich schießender, sogar der Kirche fernbleibender Kleinkrimineller, die in zugemüllten Wohncontainern hausen und ihre Cousinen schwängern. Könnte man den Averys nicht seine alte Rostlaube vor die Tür stellen, wären sie wirklich für gar nichts zu gebrauchen. So sehen das zumindest ihre Nachbarn. Und die Staatsgewalt in Manitowoc County im Mittleren Westen.

Als die erste Staffel von Making A Murderer Ende 2015 auf Netflix erschien, war das eine gefährliche Sensation. Die Dokuserie versuchte zu erklären, wie Steven Averys Leben verpfuscht wurde – und warum jemand Partei für ihn ergreifen musste. 1985 wurde der damals 23-Jährige wegen sexueller Nötigung und versuchten Mordes zur ersten lebenslangen Haftstrafe seines Lebens verurteilt. 18 Jahre später, 2003, bewies eine DNS-Analyse die Unschuld des mittlerweile 41-Jährigen. Avery kam frei und landete keine zwei Jahre später erneut im Gefängnis. Diesmal wurden ihm und seinem 16-jährigen Neffen Brendan Dassey die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Fotografin vorgeworfen. Avery bekam lebenslänglich, zum zweiten Mal.

Seine Unschuld beteuert er bis heute. Gleiches gilt für Dassey, der als Mittäter 2007 ebenfalls zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Making A Murderer dokumentiert die dubiosen Umstände und zahlreichen Ungereimtheiten in den Ermittlungen und Verfahren um den Mordprozess gegen die beiden Männer. Die Regisseurinnen Moira Demos und Laura Ricciardi recherchierten zehn Jahre lang an dem Fall und schlugen in Staffel Eins ein quälend langsames Erzähltempo an, das nicht nur die Lage der Häftlinge Avery und Dassey in einer Zwischenwelt aus Leben und Tod illustrierte, sondern auch dem Publikum viele schwierige Entscheidungen abnötigte.

Making A Murderer brachte einen dazu, dem gestandenen Staatsanwalt Kenneth Kratz das verächtliche Lächeln aus seiner Teigtaschenvisage wischen zu wollen. Die Serie stiftete Sympathie für zwei verurteilte Mörder und Vergewaltiger, weil sie aus tiefster Überzeugung an deren Unschuld glaubte. Sie ließ die Strafverteidiger von Avery sehr gut aussehen und die von Dassey sehr schlecht – weil sie Polizeiverhören fernblieben und ihren kognitiv beeinträchtigten Mandanten indirekt zu einem Geständnis anstifteten. Man lernte viel über die schlimmsten Dinge, zu denen Menschen fähig sind – und auch einiges über die schlimmsten Dinge, die man selbst zu denken wagt.

Der Erfolg lag in der Parteinahme der Serie

Das war aufsehenerregendes Fernsehen und korrespondierte prächtig mit den zeitgleich aufkommenden Hype um Netflix im Allgemeinen und True-Crime-Formate im Speziellen. Das Erfolgsgeheimnis von Making A Murderer lag gerade in seiner Parteinahme. Zwar gab die Serie vor, die verhandelten Kriminalfälle von allen Seiten beleuchten zu wollen, doch schon in ihrem Titel steckte eine klare Positionierung. Demos und Ricciardi waren nie an Objektivität interessiert, sondern an einer kritischen Betrachtung von Polizeiarbeit und Justizsystem. Damit luden sie die Akte Avery zusätzlich emotional auf. Teilte man ihre Haltung, wurde solidarisches Weitergucken zur Bürgerpflicht. Teilte man sie nicht, wurde empörtes Weitergucken zur Bürgerpflicht.

Entweder erkannte man in Making A Murderer eine besonders aufwändige Form der Zivilcourage – oder aber der Selbstjustiz mit unkalkulierbaren Folgen für real existierende Personen. Dass es nun eine zweite Staffel gibt, hat mehr mit dem Erfolg der ersten zu tun als mit neuen Entwicklungen. Die Protagonisten sitzen weiter im Gefängnis, Dassey kann frühestens im Jahr 2049 auf eine Entlassung hoffen, im Fall von Avery ist eine vorzeitiges Haftende ausgeschlossen. Zu Beginn der zehn neuen Folgen deutet Making A Murderer eine Auseinandersetzung mit den eigenen filmischen Methoden und dem gespaltenen Publikums- und Medienecho an, das diese heraufbeschworen hatten. Doch eigentlich geht es darum, noch mehr Spektakel zu entfachen.

Zu den vielen Subplots der ersten Staffel von Making A Murderer gehörte ein kurioser Fankult, der sich um Averys Strafverteidiger Dean Strang und Jerry Buting rankte. Aus einer unübersichtlichen Gemengelage um Schuldfragen und Verschwörungstheorien ragten die Anwälte als Stimmen von Vernunft und Gerechtigkeit heraus. Obwohl beide den Charme Mensch gewordener Bügelfalten versprühten, erklärte der Guardian sie sogar zu "unwahrscheinlichen Sexsymbolen". Gerechtigkeit ist sexy – das wäre tatsächlich ein guter Werbeslogan für Making A Murderer gewesen. Den Prozess verloren Buting und Strang trotzdem.