Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die sogenannte MeToo-Bewegung. Daraus entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.


In den ersten Tagen einer Revolution fallen Schüsse, Tyrannen werden gestürzt und Visionäre stürmen die Rednerpulte. Vor einem Jahr hieß der Schlachtruf "#MeToo". Der Umbruch begann mit dem Filmmogul Harvey Weinstein – oder vielmehr mit Dutzenden von Frauen, die ihn der sexuellen Belästigung bezichtigten. Die New York Times druckte die ersten Vorwürfe am 5. Oktober 2017, binnen Wochenfrist war der Hollywoodproduzent von seiner eigenen Firma entlassen, und das Hashtag ging um die Welt.

Die Menschen, vor allem Frauen, erzählten ihre Geschichten über sexuelle Übergriffe und Belästigungen so laut, dass nicht nur Dutzende mutmaßliche Täter ihre Machtpositionen in Hollywood verloren. Drehbuchautoren und Produzenten hörten diese Geschichten ebenfalls und haben sie seitdem bei ihrer Arbeit in ihren Köpfen.

In der fünften Folge der zweiten Staffel der wundervollen Netflix-Serie Glow erfährt die Ringerin Ruth Wilder (Alison Brie), dass ein wichtiger Fernsehchef ein Fan ihrer Frauen-Wrestling-Show ist. Er lädt sie zum Abendessen ein, um ihre Karriere zu besprechen, und Ruth sagt natürlich zu, weil sie denkt, es könnte ihr Durchbruch sein. Aber als sie im Restaurant des Hotels ankommt, folgt eine Szene, wie sie seit vergangenem Herbst Schlagzeilen gemacht haben: Der Oberkellner erklärt Ruth, dass der Manager, Tom Grant genannt, Besprechungen abends immer auf seinem Zimmer führt. Vorsichtig, aber bestimmt, klopft Ruth an seine Tür und ist erleichtert zu sehen, dass Mr. Grant nicht alleine ist. Aber sein Komplize erfindet bald eine Ausrede, um zu gehen, und wenig später bittet Mr. Grant Ruth, mit ihm ein Bad zu nehmen. Als er nach dem Whirlpool sieht, ergreift Ruth die Flucht.

Nur dem Zeitgeschmack geschuldet?

"Als #MeToo und #TimesUp anfingen, dachte ich zuerst, okay, das ist wieder so eine ‘Es ist das Jahr der Frauen’-Geschichte", sagt Debra Zimmerman, Executive Director der Interessengruppe Women Make Movies, die sich auf die Darstellung in Film und die Beendigung von Gewalt gegen Frauen konzentriert. "Aber ich muss sagen, dass sich die Bewegung langfristig gehalten hat." Mittlerweile gibt es etwa 50 Initiativen, die an unterschiedlichen Aspekten des Problems arbeiten, erzählt sie. Eine davon ist 50/50 by 2020. Im September hat die Leitung des Filmfestivals Venedig das Vorhaben unterschrieben und trat damit anderen wichtigen Festivals wie Cannes und Locarno bei, die allesamt sicherstellen wollen, dass die Hälfte seiner Führungskräfte bis 2020 weiblich ist. "Ich glaube nicht, dass die Festivals dieses Versprechen unterschrieben hätten ohne den Druck von #MeToo oder #TimesUp", betont Zimmerman.

Die Frage ist also, wie nachhaltig sich Hollywood verändern wird und ob wir davon auch als Zuschauerin etwas sehen werden. Sind Szenen wie in Glow nicht nur dem Zeitgeschmack geschuldet? Sind sie mehr als ein Vehikel für markttaugliche Sujets?

Im guten wie im schlechten Sinne ist es in den vergangenen zwölf Monaten zur Mode geworden, Filme als Aushängeschilder für #MeToo zu betrachten. Dabei wird schon mal vergessen, um wie viel früher solche Produktionen geplant worden sind, die meisten lange vor dem Eklat im Herbst 2017. So wurde das Missbrauchsdrama The Tale von mehreren Kritikern als "perfekt" für #MeToo bezeichnet. In dem HBO-Film verarbeitet die Regisseurin und Drehbuchautorin Jennifer Fox ihre eigenen Kindheitserfahrungen mit sexuellem Missbrauch. Der Sex Pakt, ein gut gemachter, aber harmloser Teen-Film über drei Mädchen, die ihre Jungfräulichkeit verlieren wollen, galt ihnen als "die perfekte Komödie für die #TimesUp-Ära". Der Oscar-Gewinner Three Billboards Outside Ebbing, Missouri war angeblich der Rape-and-Revenge-Film, "den wir jetzt brauchen". Selbst das Sadomaso-Sequel Fifty Shades of Grey 3 galt auf einmal als Ode an einvernehmlichen Sex.