Zum Abschied nichts Neues. Der Bremer Tatort schickt in Blut (RB-Redaktion: Annette Strelow) zum vorletzten Mal Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) aufs Eis – und die Hauptdarstellerin zieht vorher schon mal Bilanz. Das Interview, das Postel gegeben hat, steht in der Hansjörg-Felmy-Tradition des leicht verschnupften Ausscheidens aus dem Fernsehdienst.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Etwas drollig ist, dass Postel von den eigenen Filmen sagt, diese hätten sich dadurch ausgezeichnet, "außergewöhnliche, auch gesellschaftlich brisante Themen anzupacken". Mag sein, zur Wahrheit gehört aber auch, dass es oft genug beim Anpacken geblieben ist. In Blut greift Bremen nun allerdings in die Trickkiste der Filmgeschichte und zaubert einen Vampirfilm hervor (Buch und Regie: Philip Koch).

Mit der sogenannten Realität hat das natürlich nicht viel zu tun, aber laut Bestimmungsbuch sind Filme dazu auch nicht verpflichtet. Sie sollen hübsche Geschichten erzählen und da schlägt sich Blut ganz wacker. Vor allem am Anfang, wenn das Bild eines drastischen Horrorschockers sich bald als das Fernsehbild erweist, vor dem drei junge Frauen gelangweilt ihren Abend verbringen.

Lustig ist, dass die drei zeitgemäßerweise nicht mehr lineares Programm gucken, sondern sich zur Abendunterhaltung eines Streamingdienstes bedienen. Und den "Film des Tages" gucken, was dann doch ein bisschen nach Programmzeitschrift klingt. Der Grusel wird aber geschickt eingeführt. Wenn die Gastgeberin Katrin (Helen Barke) in die Küche geht, um Popcorn nachzufüllen, weht durch die offene Terrassentür eine Ahnung davon herein, was die beiden Freundinnen gleich auf dem Heimweg erwarten wird: Grusel eben.

Julia (Lena Kalisch) wird im Park von einer Vampirin angefallen und totgebissen, was die herbeieilende Anna (Lilly Menke) nur noch feststellen kann. Auch sie wird der Vampirin bald zum Opfer fallen, die von der großen Lilith Stangenberg gespielt wird, einer der wesenhaftesten Schauspielerinnen, die die deutsche Bühne dem deutschen Film zur Verfügung stellt; in Nicolette Krebitz' Film Wild hatte Stangenberg sich vor zwei Jahren bereits dem Wölfischen angenähert.

Ebenfalls betroffen von ihren Bissen, die sich als Suche nach einem adäquaten Gefährten herausstellen: Stedefreund, der Lürsen-Kollege. Das wäre doch ein toller Abgang gewesen, denkt man dieser Stelle, wenn ein Kommissar mal so aus dem Tatort schiede – an Vampirismus verblutet und dann auf ewig untot. Ein Platz in der Tatort-Historie wäre Stedefreund sicher gewesen, aber vermutlich wird er für die Abschiedsfolge erfolgreich resettet sein.

Regisseur Koch spielt das Spiel mit dem Genre für das Genre, das der Tatort ist, nicht schlecht. Manchmal scratcht er zwar zu viel Wahn in die Wirklichkeit, wenn er mehrfach Träume des fiebernden Stedefreund abfahren lässt, in denen auch Inga Lürsen totgebissen wurde (das wäre natürlich noch legendärer gewesen als Ende für das Gespann). Aber spannend bis gruselig ist Blut doch lange Zeit, selbst wenn man ahnt, dass die Nummer mit dem Holzpflock ins Herz, die dem Vampirismus Einhalt gebietet, für den Jugendschutz wohl zu heftig sein wird.

Dass mit diesem Tatort dem Vampirfilm eine eigensinnige Neuauslegung hinzugefügt wird, lässt sich am Ende nicht behaupten. Mit seiner Ein-Mann-Kavallerie, bestehend aus einem Literaturprofessor namens Syberberg (Stephan Bissmeier), der gleich zu Beginn ungefragt sein Standardwerk im Polizeirevier abgibt und sich als Experte aufdrängt, weiß der Film nichts anzufangen. Was daran liegen könnte, dass der Experte auch nur die Ratschläge parat hat, die beim unverwechselbaren Werner "Wir-haben-100-Leute-gefragt"-Schulze-Erdel im Familienduell zum Stichwort Vampir nah an der Topantwort gewesen wären: Holzpflock eben.

Am Ende allerdings kommt der Tatort als Unterhaltungsform, die es allen recht machen will, wieder zu sich: Die Vampirin ist zwar tot, begegnet Stedefreund aber noch mal im Krankenbett, woraufhin der leicht verzagt in die Kamera schaut. Wann immer der Tatort mit Themen und Motiven hantiert, die ihm eigentlich zu groß oder zu pikant sind – letzte Woche etwa mit den Fähigkeiten künstlicher Intelligenz –, muss ein offener Epilog es richten. Der Fall wird zwar abgeräumt, die Schuldigen sind gefunden, aber Punktpunktpunkt. In seiner Erwartbarkeit ist das ein wenig fad.