Nachdem in der vergangenen Woche die Sky-ARD-Serie Babylon Berlin zum Quotenanschub auf dem publikumsträchtigsten Sendeplatz des deutschen Fernsehens gastieren durfte, ist diese Woche wieder der Tatort dran. Dortmund, um genau zu sein – um Sex und Russen geht es in Tod und Spiele (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) aber auch.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Sex ist dabei outgesourct in die schweineigeligen Andeutungen von Homo Faber (Jörg Hartmann): Dass es sich beim Tatort um das Hotel handelt, in dem Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) in früheren Folgen Auszeiten von ihrer Ehe in Affären suchte, gibt dem charmanten Kollegen Gelegenheit, verbal ein wenig abzuledern: "Das müsste Sie doch an einige Höhepunkte ihres Lebens erinnern. Vielleicht erinnern Sie sich auch an den Hintereingang." In einem guten Film mit ambivalenten Figuren würde damit ein Sexist markiert, weil es solche Leute in der Wirklichkeit tatsächlich gibt. Im Tatort soll so was vermutlich ernsthaft witzig sein – Kommissar Faber diskreditiert sich dadurch im Film jedenfalls nicht.

Im Hotel haben zwei Männer genächtigt, die als verkohlte Leichen gefunden werden. Von einem Obdachlosen übrigens, der mit den Knochen erst mal versonnen ein Trommelsolo zum Besten gibt, weil Obdachlose ja so crazy-tantrische Figuren sind, die merkwürdige Rituale aufführen (Drehbuch: Wolfgang Stauch, Regie: Maris Pfeiffer). Nicht minder crazy ist, wie Faber und Bönisch einen Jungen (Cecil Schuster) unter dem Hotelbett mit einem Müsliriegel herauslocken. Wahrscheinlich weil keine Glasperlen zur Hand waren.

Im Revier wird mit dem Jungen auch dann weiter munter Deutsch gesprochen, als klar wird, dass er der Sprache nicht mächtig ist. Es deutet die Armut des Drehbuchs an, dass der Tatort mit dieser Figur offensichtlich nichts anfangen kann, sie aber noch für einen halb dramatischen, halb kitschigen Schluss braucht.

Die Ermittlung führt in die Parallelwelt illegaler Martial-Arts-Veranstaltungen, die auch zum Amüsement eines Russen veranstaltet werden. Dieser Oleg Kombarow will tagsüber Dortmund aufkaufen, weil er zu den Top 130 der reichsten Menschen der Welt gehört. Samuel Finzi gibt ihn konsequent als Vorstadt-Strizzi, was die Fallhöhe von Tod und Spiele hinreichend beschreibt: Auf dem Papier soll alles ganz krass aussehen (Oligarch, Escort, Todeskämpfe), aber im Film ist es eher so Augsburger Puppenkiste.

Dafür, dass die Martial-Arts-Kämpfe vor einem Publikum stattfinden, das sechsstellige Eintrittspreise zahlt, damit es den Verlierer als Toten zu sehen kriegt, wirken sowohl die Kämpfe als auch die Besucher nämlich derbe unmartialisch. Und einer der 130 reichsten Menschen der Welt verguckt sich ausgerechnet in Kommissarin Bönisch, mit der er beim Bier in einer Eckkneipe zu Wladimir-Wyssozki-Hits zwischen den Barhockern schunkelt – ein Oligarch mit Herz, dieser Kombarow.

Wie eine Vorabendserie, die nichts kosten darf

Schunkeln mit dem Oligarchen: Martina Bönisch und der Multimillionär Oleg Kombarow (Samuel Finzi). © WDR/Thomas Kost

Am faulsten im reichlich unspannenden Fall ist aber die Idee, die Ermittlung mit gleich zwei Undercovereinsätzen voranzutreiben. Bönisch spielt in "ihrem" Hotel die Stammgästin (ohne Affären diesmal, was ihrer Glaubwürdigkeit allerdings keinen Abbruch zu tun scheint), um einen der 130 reichsten Menschen der Welt für sich zu interessieren. Und Kossik-Nachfolger Pawlak (Rick Okon) wird als Aufzugbauer auf Montage in das Kampfsportstudio geschickt, in dem ein Finalist der illegalen Todeskämpfe als Trainer arbeitet. Es ist so albern: Jemand, der gleich für 500.000 Euro um sein Leben kämpfen soll, erschöpft sich vorher noch bei einer Übung im Studio.

Der Undercovereinsatz kommt im ARD-Sonntagabendkrimi nicht zum ersten Mal vor. Was daran so aufregend sein soll, zeigt Tod und Spiele schon mal nicht – die Gefahr des Auffliegens besteht für Bönisch und Pawlak zu keiner Zeit. Dabei – und das ist der größte Witz am ganzen Undercoverdingsbums – geht gerade Pawlak ziemlich uncovert undercover: Er fragt seinen Todeskämpfer-Trainer gleich beim ersten Training über dessen Herkunft und Familienverhältnisse aus, wie es unter Aufzugbauern auf Montage Manier ist. Seufz.

Auf diese Weise vollbringt der Tatort das Kunststück, auf dicke Hose zu machen und zugleich ambitionslos vor sich hin zu routinieren wie eine Vorabendserie, die nichts kosten darf. Die Edelabsteige, um die sich in Tod und Spiele alles dreht, versinnbildlicht diese krude Mischung ganz gut: Der Laden, der exklusivste Spektakel organisieren und in dem einer der 130 reichsten Menschen der Welt absteigen soll, sieht aus wie ein besseres Dreisternehotel.