Kulturmünchen hat sich in diesem Monat seinen Platz auf der Straße der Besten verdient. Zumindest im Bereich der künstlerischen Befassung mit künftigen Technologien. Anfang Oktober bestritt in den Kammerspielen der stolzen Landeshauptstadt Bayerns ein Roboter einen Theaterabend ganz allein auf der Bühne. Der war zwar dem Schriftsteller Thomas Melle nachgebildet, verursachte aber dennoch Irritationen, zum Beispiel bei den Ovationen: Wie applaudiert man einem technischen Gerät?

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Im Münchner Tatort mit dem umstandslosen Titel KI (BR-Redaktion: Stephanie Heckner) bringt die künstliche Intelligenz nun den Ivo (Miro Nemec) und mehr noch den Franz (Udo Wachtveitl) auf. Es ist nämlich das Mädchen Melanie (Katharina Stark) tot, dessen beste Freundin ein krass responsives Computerprogramm namens Maria war. Diese Maria ist die wiederum geleakte Variante einer Entwicklung, die im prominent befilmten Leibniz-Rechenzentrum Garching (LRZ) entwickelt wird.

Das Maria-Programm kann zwar besser antworten als jeder Chatbot, in Sachen Mord aber wären ihr die, nun ja, Hände gebunden – als Tötungsart, die diese KI bewirken könnte, käme am ehesten so was wie Ins-Jenseits-Säuseln infrage. Deshalb agiert der Tatort taktisch nicht ungeschickt (Buch: Stefan Holtz, Florian Iwersen, Regie: Sebastian Marka); die Leiche kommt spät, das Mädchen ist erst mal nur verschwunden, damit sich während der Suche nach ihr einige Kandidaten verdächtig machen können – und sogar eine Sexualstraftat für möglich gehalten wird.

Thorsten Merten, der lustige Revierleiter des Weimar-Tatorts, gibt hier, kaum wiederzuerkennen, einen hochgerüsteten Technikpessimisten, der sich allerdings rasch durch Suizid weiterer Beschäftigung entzieht. Janina Fautz als technikoptimistische Informatikerin Anna Velot im LRZ bleibt der Folge dagegen bis zum Schluss erhalten – und gibt trotz ihrer Jugend (Kalli Hammermann: "Abitur mit 15? Ist ja echt Verarschung") eine Variation des mad scientist; die Arbeit an der Maschine geht ihr über alles. Ihr Chef entwickelt sich dagegen vergleichsweise seriös und wird von Florian Panzner hübsch zupackend und dynamisch gespielt.

Auf die Dauer verursacht die Rolle der künstlichen Maria dem Tatort allerdings einige Erzählprobleme. Weil Täterin als Option ausfällt aus den genannten Gründen, handelt der Film sie die ganze Zeit als mögliche Anstifterin oder Zeugin. Deshalb muss etwa der Melanie-Vater (Dirk Borchardt) seinen eh bescheuerten Rachemord am vermeintlichen Sexualmörder seiner Tochter bei laufendem Computer durchführen.

An solchen Stellen ist zu spüren, dass KI bei der Integration der virtuellen Maria nur mit halber Rechenleistung arbeitet. Oder um es in der lieblichen Sprache der Programmiererin zu sagen: Es funzt nicht recht. Auf den diskursiven Höhen seines Gegenstandes ("Warum, bitte, sollte eine Maschine denn lügen?") verweilt der Film kaum. Und die Ermittlungsarbeit flüchtet sich immer wieder ins Analoge, wenn das Digitale zu kompliziert erscheint: Die künstliche Maria ist so derbe passwortgeschützt, dass an all die Melanie-Maschine-Gespräche kein Rankommen ist. Deshalb findet sich flugs ein LRZ-Mitarbeiter mit Spannerqualitäten in Melanies Nachbarschaft, der Technikpessimist Merten. Auf den schwenkt der Film dann um bis zum baldigen Ableben, statt eine plausible Geschichte zu erfinden, wie die geschützten Daten vielleicht doch ausgelesen werden könnten.

Es gibt auch schöne Momente in diesem Tatort: Wenn die ganze Suchaktion in Gang gesetzt wird, weil der Melanie-Vater ein Kollege und Freund vom Ivo ist, dann sagt der Franz: "Ich kenn' dich 25 Jahre, hab noch nie von dem gehört" – was ein selbstreferenzieller Verweis an die Limitierungen der Reihe ist, wo alte Freunde nur dann plötzlich auftauchen, wenn sie für eine Folge gebraucht werden. Oder die Art und Weise, wie der Film Melanies Tod und den Fund ihrer Leiche erzählt – da werden nur Bilder von der Isar und einer Klärstation gezeigt, an der Rechen den Fluss von Laub und Müll säubern, und das ist sehr subtil.

Mit dem Saubermachen selbst hat es KI aber nicht so: Die Folge wirkt ein wenig wie ein Putzmann, der nur grob durchwischt, statt in die Ecken und Ritzen zu gehen, in denen der Schmutz sich hartnäckig hält. So muss am Ende noch einiges nachgebessert werden: Als Erklärung für Melanies Tod kommt eine ziemlich merkwürdige Mischung aus Suizid und finaler Ertränkung durch die Mutter (Lisa Martinek) zum Zuge, wobei das Motiv der Mutter, ihr Kind sei ihr plötzlich so groß und fremd gewesen, dünn wirkt. Und hintendran wird dann auch noch die Anna-Programmiererin verhaftet, die ihrem Programm durchs Eindringen in die Polizeidatenbank das Bild eines Sexualstraftäters verschafft hat, damit die künstliche Maria es in der Befragung durch den tapferen Kalli (Ferdinand Hofer) wiedererkennen konnte.
Nun ja.