Titel sagen mehr als tausend Kritiken. Lässt sich jetzt nur durch anekdotische Evidenz belegen, aber ich würde behaupten, dass gute Titel selten misslungene Filme bezeichnen und umgekehrt, auch wenn es freilich Ausnahmen gibt (Im Schmerz geboren hörte sich weniger spezifisch an, als die Folge dann doch war).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Man kann hinterher natürlich leicht klüger sein, aber dass KI vor zwei Wochen in München nicht recht wusste, wie sich das Thema künstliche Intelligenz in eine ansprechende Krimihandlung überführen ließe – das hatte der im Stadium einer Projektbezeichnung hängengebliebene Titel schon verraten. Blut letzte Woche in Bremen klang zwar ähnlich rubriziös, erschien im Lichte des Filmes aber ein wenig adäquater: ein Begriff aus dem Feld des filmischen Registers, das hier zur Überraschung der Tatort-Gemeinde antanzen durfte (Vampirismus!). Und ein Begriff, der wegen seiner vielen Implikationen (Blut ist ja in jedem ARD-Sonntagabendkrimi zu sehen) die Aufgabe hatte, den Clou der Folge runterzukochen (dass da tatsächlich eine Vampirin durch den Tatort schwirrt).

In Stuttgart verhält es sich nun anders. Die Folge heißt diese Woche Der Mann, der lügt (SWR-Redaktion: Brigitte Dithard), und das ist in seiner Nonchalance ein ziemlich guter Titel. Gerade weil er alles ausplaudert, wenn die Credits in den Anfangsminuten beim Namen der Folge angekommen sind. Da wird Der Mann, der lügt eingeblendet in einer Aufnahme, in der nur Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) hinter den Buchstaben rumsteht.

Solche Deutlichkeit verdankt sich zur Abwechslung mal nicht der Annahme, man müsse der Zuschauerin immerzu alles erklären, sondern hat Methode. Es geht diesem Tatort (Regie: Martin Eigler, Buch: Sönke Lars Neuwöhner und Eigler) nicht darum, ein Rätselspiel zu veranstalten, wer der Mann, den der Titel meint, sein könnte. Oder ob er wirklich lügt. Sondern nur ums Warum.

Jakob Gregorowicz fungiert als bürgerliche Verfallsfigur, die den Laden, dem sie vorsteht (Familie mit Haus und Kind und Tennisclub), gegen seine eigenen Gefühle (er liebt den Sohn eines windigen Geldanleger-Bekannten) zusammenzuhalten versucht. In den Siebzigerjahren gab es nicht wenige Tatort-Folgen, in denen das Leben mit Geliebter und damit zwischen zwei Lügen kriminalistische Verwicklungen motivierte (etwa in der Haferkamp-Folge Der Mann aus Zimmer 22). Insofern ist Der Mann, der lügt fast klassisch.

Dabei ist im Stuttgarter Tatort fast egal, womit die Leerstelle erzählerisch gefüllt wird, die Gregorowicz die ganze Zeit mit Ausreden zuzudecken versucht. Denn der Film interessiert sich für das Zudecken, oder genauer gesagt: für das Aufdecken durch die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare), die diesmal ohne Privatlebenmätzchen und Assistentengeschwirr vor allem ermitteln. Der Mann, der lügt drückt vom ersten Moment an auf die Tube und die monoton unheilbrummende Musik (Sea + Air) punktiert diese Dynamik.

Interessanterweise ist der Film völlig auf seinen Protagonisten fokussiert – in etwa so wie Hellmut Costards konzentrierte George-Best-Beobachtung Fußball wie noch nie von 1970. Die Abzweigungen und Umwege der Ermittlung finden im Off der Kamera (Andreas Schäfauer) statt, um Gregorowicz dabei zuzuschauen, wie sich seine Lebensgeschichtskonstruktion in den Augen der Ermittler auflöst.

Das alles könnte zwar immer noch raffinierter und schöner erzählt sein – wenn Lannert anfangs gleich zweimal von "Umfeld sondieren" sprechen muss, hört sich das an wie ein Politiker nach der Bayern-Wahl. Aber Der Mann, der lügt hat einen erkennbar eigensinnigen Zugriff aufs geschätzte ARD-Sonntagabendkrimiformat – und das ohne Ausflug in krimifremde Genres.