Der Tatort gehört auch deshalb zur Familie, weil er wie Familie ist: Man sieht sich regelmäßig und streitet doch die meiste Zeit, ist genervt von Nichte Sorayas ewiger Krittelei oder Onkel Murats Paternalismus. Aber man kann nicht ohne einander und hat sich zwischendurch auch immer wieder lieb.

So gesehen war letzte Woche eher Zerwürfnis mit Opa Tatort, weil Dortmund so lieblos und flach daherkam. Diese Woche ist aber alles wieder gut, weil die Wiener Folge Her mit der Marie! (ORF-Redaktion: Bernhard Natschläger, Andrea Zulehner) großen Spaß macht. Und nebenher vorführt, was an der merkwürdigen Mischform Tatort (einer Reihe, die mit seriellen Elementen spielt) von Vorteil sein kann.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Im Mittelpunkt der Folge steht nämlich der Inkasso-Heinzi, das alte Gspusi der Bibi (Adele Neuhauser), den das Assistenten-Kurzarmoberhemd Schimpf (sehr schön gespielt: Thomas Stipsits) eingangs auch mal "Espresso-Heinzi" nennt. Dass der Inkasso, wie er auch genannt wird, mal einen größeren Auftritt verdiente, als der Bibi nur eine seiner Zuhälter-Karossen auszuleihen, lag auf der Hand.

Verwickelt ist der Heinzi in ein Verbrechen, bei dem Geld aus den Rotlichtgeschäften des Dokta genannten Paten geraubt werden sollte. Der Dokta macht mittlerweile auf Weinbauer und spielt Tennis, will sich die titelgebende Marie aus seinen Unterwelteinkünften aber dennoch nicht nehmen lassen. Beim Raub ist ein Handlanger ums Leben gekommen und deshalb wollen nicht nur die Bibi und der Eisner (Harald Krassnitzer) wissen, wer dahintersteckt, sondern auch der Dokta und sein Chef-Ausputzer Marko Jukic.

Durch Her mit der Marie! schenken die Autoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner dem Heinzi eine tragikomische Folge, die Barbara Eder mit Anleihen an die Gaunerkomödie inszeniert. Mit Splitscreen-Bildern, die Handlungsstränge raffen, und einem angesoulten Gitarrenrock, der ein gewisses Altmodischsein versprüht (Musik: Stefan Bernheimer) – das alles ist nicht neu, man könnte sogar sagen: epigonal.

Der Zugriff auf die tradierten Mittel wirkt aber ungemein souverän. Denn die Aneignung der Standards aus dem amerikanischen Kino lässt genügend Raum fürs Eigene. Diesen Raum füllen zuerst die Schauspieler, die ihre Rollen allesamt lustvoll als Kabinettstücke anlegen, ohne sie im Wissen um die Komik des Personals voreilig an die Karikatur zu verraten.

Die "österreichische Lösung"

Man muss nur schauen, wie ruhig sich Erwin Steinhauer als Dokta hinter dem fiesen Schnauzbart und unter der prächtigen Perücke mit der Zunge zwischen den Zähnen pult, ehe er seinen Subalternen sagt, was Sache ist. Der Dokta strahlt in jedem Moment Macht und Gefahr aus und ist dabei doch auch ein komischer Charakter, den's beim Tennis im Rücken zwickt und den die irrlichternde Gattin bemuttert wie einen Oberpostsekretär (groß in der kleinen Rolle: Maria Hofstätter).

Johannes Krisch trägt für seinen Ausputzer-Jukic ebenfalls eine herrliche Perücke, die etwas eingeweißt in einem billigeren Historienfilme bei Hofe noch Verwendung finden könnte (Maske: Monika Puymann). Der Jukic ist aasig bis zum Gehtnichtmehr und kindisch, wenn er dem Ermittlerpaar einen Informationsaustausch anbietet. Das kriminelle Milieu als "österreichische Lösung" aufzubieten, wie das vorgesetzte Ernstl (Hubert Kramar) dem Eisner beim Rauchen auf dem Dach erzählt, in einer Mischung aus "Leben und leben lassen", in einem Land, in dem sich eh alle irgendwie kennen, also auch die Polizei ihre Pappenheimer – das ist eine Qualität der Folge. Sie erlaubt die Witze, ohne dass das Verbrechen dadurch an seiner Bedrohung verlieren und veralbert werden würde.

Und Simon Schwarz als Inkasso-Heinzi ist sowieso eine Schau in der Art, wie er die sympathische, letztlich ja aufrichtige, weil resozialisierte Dumpfbackigkeit darstellt – durch weirden Hemden-Style (Kostümbild: Christine Ludwig), gemütliche Plautze und den deppert-gutmütigen Blick samt staunend offenem Mund. Dem Verdacht, der gegen Ende doch noch mal auf den Heinzi zuläuft, entzieht sich die Figur durch eine romantische Liebesgeschichte mit dem anderen Handlanger vom Dokta, dem Pico (Christopher Schärf).

Man kann an Her mit der Marie! sehen, dass es manchmal sinnvoll sein kann, überschüssige Figuren zu beschäftigen, die nicht in jeder Folge Plot und Motivation vorantreiben müssen. Dass der Heinzi sich zur Bibi flüchtet, dass diese selbst ins Zwielicht gerät – weil sie aus Verbundenheit zum Heinzi dessen vermeintliche Straftat zu decken versucht –, dass kann dieser Tatort deshalb so plausibel machen, weil der Heinzi so lange schon eingeführt ist als befreundete Altlast der Bibi aus ihren Jahren bei der Sitte.

Und so ist dieser Wiener Schlenker ins Selbstreferenzielle des Schauplatzes einerseits all das, was der Tatort in Dortmund letzte Woche nicht war. Und andererseits das, was der Tatort in Weimar immer etwas umständlich und überausgedacht versucht. Her mit der Marie! spielt durch, was dabei herauskommt, wenn kleine Gangster große Pläne machen (dass Pico und Heinzi mit dem geraubten Geld ein neues Leben in Griechenland genießen können) und damit scheitern. Notwendigerweise, denn der "Inkasso" darf dem Tatort in Wien so schnell nicht verloren gehen.