Als er seine letzte Kollektion zeigte, sah das aus, als fiele man durch ein Loch in Zeit und Raum. Für "Plato's Atlantis" hatte Alexander McQueen Kleider entworfen, die aus apokalyptischen Welten auf den Laufsteg gekommen waren. Die Legende eines untergegangenen Inselreichs und die Vision einer Zukunft voller hybrider Wesen, die vom Meeresgrund auferstehen, vereinten sich in Kostümen, die Lady Gaga und Björk, zwei Bewunderinnen, in einen seligen Konsumrausch versetzt haben sollten. Es gab Schuhe zu sehen, die wie gekrümmte Gürteltiere geformt waren, Trikots mit computergenerierten Reptiloiden-Prints, Outfits mit gleißender Pailletten-Schuppenschicht und Kleider, die den Körper von Insektenfrauen formten. 

Dass man solche Momente in der Mode heute vermisst, ist eine Erkenntnis aus der Dokumentation Alexander McQueen von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui. Sie haben für ihre materialreiche Chronologie eines Lebens – McQueen starb 2010 mit 40 Jahren – viel an bislang unveröffentlichten privaten Videoaufnahmen nutzen können, aufgenommen hinter der Bühne und im Atelier, oft flüchtig, beiläufig, verwischt und verwackelt. Und darin ist eben auch ein Publikum zu sehen, dem kollektiv der Mund vor Staunen offen steht. Das sich gerade nicht fragt, ob diese Tasche auf dem Laufsteg wohl die nächste It-Bag wird und was jener Influencer dort in der ersten Reihe gerade auf Instagram postet – sondern sich völlig der Mode hingibt, dem Moment der Überwältigung. 

Einen Berserker wie Alexander McQueen gibt es nicht mehr. Der Modedesigner von heute ist organisiert, wohltrainiert, betriebswirtschaftlich informiert und eher fleißiger Kreativarbeiter denn unberechenbares Genie. Marc Jacobs (Drogen), John Galliano (antisemitische Ausfälle) und Dolce & Gabbana (Rassismus – in einem Werbevideo ließen sie ein chinesisches Model Pizza und Spaghetti mit Stäbchen essen) sind die letzten, die sich geläutert haben. Düstere Visionen sind nicht mehr in Mode, sie verkaufen sich schlecht. Diese Bezüge zur Gegenwart fehlen der Dokumentation nur leider, weshalb sie mitunter ebenso mythisch wirkt wie Atlantis.

Alexander McQueens gleichnamiges Label stattet heute Catherine, die Herzogin von Cambridge, aus. Hätte er ihr Hochzeitskleid – entworfen von Sarah Burton, seiner Nachfolgerin auf dem Chefdesignerposten – ertragen, mit der züchtigen Spitze über den Schultern? Oder die Fifties-Teekränzchenkleider, die die Herzogin sich anfertigen lässt?  Oder hatte der Gründer das alles mit jenem festen Griff in Stücke gefetzt, der nun in der Dokumentation Alexander McQueen zu sehen ist, der mal mit einem Ruck das Futter von der Jacke trennt, mal die Faust zart und wütend zugleich um einen widerspenstigen Stoff ballt?

Große Außenwirkung erzielte auch seine Erzählung, er habe in der Zeit seiner Herrenschneiderausbildung in London an einem Sakko für Charles, Prince of Wales, gearbeitet und unsichtbar "I – a cunt" ins Futter gestickt, womit er den Thronfolger mit dem gröbsten Synonym für die Vulva bedacht hatte. So viel zu seiner Beziehung zum Königshaus.

Alexander McQueen hat Mode nie als Beschwörung einer Idylle gesehen, die Frauen eine unantastbare Eleganz teurer Puppen verleiht – auch wenn er sie auf andere Weise stark stilisierte, zu Figuren seiner theatralischen Vision machte. Was er in seinen Kollektionen entfaltete, war ein dystopischer Kosmos, in dem die Schönheit den Abgründen der menschlichen Psyche entsteigt, irgendwo zwischen Freud, Gothic Novel und Geisha-Ausstaffierung. Die komplett muschelbesetzten Charleston-Kleider, die Roben aus zerrupftem Tüll oder schwarzen Federn, die mit Schmetterlingen besetzten Acryl-Corsagen und die scharf geschnittenen Blazer, deren Schultern Widderhörner entsprießen, sind von dunkler Romantik – das ist Kleidung, die eine ganz andere Geschichte erzählt als die über Rocklängen und Trendfarben. Er sehe sich selbst als plastischen Chirurgen, das Skalpell in der Hand, hat McQueen einmal gesagt: als ginge es in seiner Mode genau darum, Archetypen aus komplex erdachten Geschichten herauszuschneiden.