Von den ersten Szenen an besteht kein Zweifel darüber, dass Sam Levinsons Assassination Nation vor allem eines sein will: absolut zeitgemäß. Man erkennt es an den Trigger-Warnungen zum Einstieg, die der Zuschauerin signalisieren, dass sie sich hier auf alles Mögliche gefasst machen muss: auf Sexismus, Rassismus, Ausbeutung durch den männlichen Blick, Gewalt. So schlimm kommt es im Übrigen dann gar nicht. Dafür sind die vier Girls im Zentrum des Films wiederum viel zu zeitgemäß. Lily (Odessa Young), Bex (Hari Nef), Em (Abra) und Sarah (Suki Waterhouse) gehören jener Spezies digitaler Eingeborener an, die über die Kanäle der sozialen Medien kommunizieren wie Fische durch Kiemen atmen. Ihre Gedanken, Emotionen und Ideen gehen unmittelbar über in Memes und Gifs, in Likes und Links, fließend und selbstverständlich.

Tollerweise will der Film daran an sich nichts Verdächtiges finden. Was nicht heißt, dass sich die sozialen Netzwerke für die Kleinstadt, in der die Handlung angesetzt ist und die vier jungen Frauen zur Schule gehen, nicht doch als Fluch erweisen werden. Schließlich heißt sie Salem – wie der Ort in Massachusetts, in dem es noch 1692 zu Hexenprozessen kam mit 19 Hinrichtungen und mehr als 200 Verdächtigten. Aber gerade weil hier das alte Motiv der Hexenjagd ins digitale Zeitalter übertragen wird, ist ebenso klar, dass es mal wieder die patriarchale, sexistische Gesellschaft ist, die durchdreht. Die Medien und ihre Tücken – "das Internet lässt sich nicht abschalten", bekommt ein verzweifelter Bürgermeister an entscheidender Stelle gesagt – sind da nur Katalysatoren.

Auf dem Weg zum nächsten Influencer-Video

Insta, Twitter und Konsorten bieten zugleich auch Möglichkeiten zur Selbstdarstellung und -promotion, wie sie für die verdächtigten Frauen damals im 17. Jahrhundert noch nicht mal vorstellbar waren. Als über Lily und ihre Freundinnen der Kleinstadt-Mob losbricht, weil jemand die gesamten Privatdaten geleakt hat und die ans Licht kommenden Seitensprünge, Laster und Perversionen Beziehungen und Karrieren beenden, sind sie keine Gefangenen ihrer Opferrolle. Nein, mit roten Kapuzenmänteln ausstaffiert, als ginge es zum nächsten Influencer-Video, schreiten sie schließlich zur Gegenwehr. Und von all den modernen Ideen, die Levinson in seinen Film packt, ist das vielleicht die modernste: dass er nämlich die Heldinnen dieser Geschichte tatsächlich die jungen Frauen sein lässt.

Nur an der Oberfläche bedient er damit die inzwischen plakativ auch durch Hollywoodstudios schallende Losung, im Kino auch außerhalb von romantischen Komödien mal mehr Frauen machen zu lassen. Denn anders als jüngst in Ghostbusters und Ocean‘s 8, die etwas mühevoll Männerfilmschablonen für weibliche Stars übersetzen, lässt Assassination Nation sich voll und ganz auf die Girlie-Welt, gerade in ihren Widersprüchen, ein. Wenn Lily und ihre Freundinnen den sexy Schulmädchen-Look zitieren, in Mean-Girls-Manier die High-School-Korridore durchschreiten und sich bewundern lassen, ist das durchaus zwiespältig: Ist das nun Selbstermächtigung oder Unterwerfung unter ein Schönheitsideal? Ironisieren sie die patriarchalen Geschlechtervorstellungen oder bestätigen sie sie? Fragen, die sich auch die Heldinnen immer wieder neu stellen.

In greller Musikvideo- und Pop-Ästhetik folgt die Kamera mit atemlosen und zugleich flüssigen Bewegungen den Protagonistinnen, nimmt sie aus Ober- und Unteransicht in den Blick, spielt mit der Dringlichkeit von Splitscreens und findet dabei immer noch Platz, auch SMS und Facebooknachrichten einzublenden. Die Mädchen verkörpern als Freundinnenquartett ein pittoreskes Maß an Diversität: Bex ist trans (und wird auch von einer Transgender-Frau, Hari Nef, verkörpert) und Em (verkörpert von der afroamerikanischen Sängerin Abra) ist schwarz. Alle vier sind sie offensiv selbstbewusst, gerade auch, was ihre eigene Sexualität angeht.

Doch Selbstbewusstsein macht nicht gefeit davor, in Liebesdingen zu scheitern. Im Gegenteil. Es scheint so manche Demütigung durch Schuljungs erst zu provozieren. Lilys Freund ist schnell dabei, sie als Hure zu beschimpfen, als er von ihrer Affäre mit einem älteren Mann erfährt. Bex tauscht einen Kuss mit dem Football-Champion der Schule, aber hinterher möchte der das geheim halten, um dem Spott seiner Clique zu entgehen. Assassination Nation widmet der schwierigen Navigation durch solcherlei Widersprüchen angemessen viel Zeit: der Kluft zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, der Frage, wer eigentlich über die Sexualität bestimmt und wer darüber, was als zu aufreizend gilt oder als gerade aufreizend genug. Allerdings ohne konkrete Antworten zu geben. Dem Schuldirektor, der sie für ihre "pornografischen Zeichnungen" rügen beziehungsweise vor deren Wirkung warnen will, hält Lily entgegen: "Es geht nicht ums Nacktsein. Es geht um die tausend nackten Selfies, die es braucht, um das eine richtige hinzubekommen." Eine schwammige Antwort, der es an Stringenz mangeln mag, aber gerade damit Angebote ans Zielpublikum macht.

Fast ärgerlich unterhaltsam

Man kann dem Film vorwerfen, dass er seine Ideen nicht klarer formuliert, dass hier alle Probleme mal so angesprochen, aber keinesfalls gelöst werden: Homophobie, Männerbündelei, Körperbilder, Hacking, #MeToo, Social Media. Aber Sam Levinson tut eben auch nicht so, als ob er es besser wüsste.

Was sein Film stattdessen anbietet, befriedigt andere Affekte: Assassination Nation ist ein fast ärgerlich unterhaltsames Stück Popkultur, das unter dem Genre-Äquivalent der multiplen Persönlichkeit leidet: Was als Highschool-Film beginnt, wird zum Thriller, zum Masken- und Gewalt-Horror à la The Purge und schließlich zum befreienden Revenge-Movie.

Kulturpessimisten neigen zu dem Vorurteil, das absolut Zeitgemäße für schnell und schlecht alternd zu halten. Gut vorstellbar, dass Assassination Nation seine Relevanz in nur wenigen Jahren verloren haben wird. Aber wer weiß, vielleicht entdecken künftige Generationen darin auch einen Neuanfang des Weiblichen im Kino. Grund genug für Kult.