Es gibt ein paar Szenen in The Fourth Estate, die viel erzählen über diese seltsame Zeit, in den USA, im politischen Journalismus. Der fast vierstündige Dokumentarfilm von Liz Garbus widmet sich dem Umgang der liberalen New York Times mit Donald Trump. Wie es ist, mit dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten berichtend Schritt halten zu wollen, einem Mann, der das Land und die Welt allein mit seinem Twitter-Feed permanent auf Trab hält: Die im Folgenden beschriebene Szene beantwortet die Frage zumindest teilweise.

Maggie Haberman, Reporterin der New York Times im Weißen Haus, sitzt nach einem langen Arbeitstag und einem dann noch absolvierten Fernsehauftritt bei CNN im dunklen Fond eines Wagens. Auf ihren Knien balanciert sie ihren Laptop, mit ihren Fingern bearbeitet sie ihr Smartphone. Und aus dem Off erklingt Habermans erschöpfte Stimme: "Ich bin schon sehr lange auf Trump-Tour. Ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passieren würde. Die Wahlen (zur Präsidentschaft im Jahr 2016, Anm. d. Red.) würden irgendwann vorbei sein und nach unseren Statistiken hätte Clinton gewinnen müssen. Und dann wäre ich einfach in mein altes Leben zurückgekehrt. Aber das war nicht der Fall. Ich bin sehr müde. Aber gleichzeitig weiß ich auch nicht, wie ich jetzt aufhören soll."

Trump ist, mit allen Risiken und Nebenwirkungen, auch so etwas wie eine Droge, von der manche nicht genug kriegen können, ein Aufputschmittel, lernt man hier. Trump ist die Story des Jahrzehnts und der opfert zum Beispiel Haberman mutmaßlich ihre Gesundheit, ganz bestimmt aber ihr Privatleben: Man sieht sie permanent zwischen Washington und New York City pendeln, wo ihr Mann und ihre Kinder leben. Ihr Chefredakteur Dean Baquet sagt in The Fourth Estate über Haberman: "Wahrscheinlich gibt es für jeden Präsidenten einen Reporter, der von seinen Geschichten und seinem Temperament her perfekt zu ihm passt. Ich glaube, Maggie Haberman versteht Donald Trumps Welt ebenso wie unsere. Sie ist eine Art Boulevardreporterin mit New-York-Times-Wurzeln." Ein etwas merkwürdiges Kompliment.

Haberman ist der nicht sehr heimliche Star der vierteiligen US-Fernsehdokumentation The Fourth Estate, die auf Deutsch den etwas ungelenken Titel Mission Wahrheit bekommen hat und davon handelt, wie die New York Times, die bedeutendste Zeitung der Welt, über das erste Jahr der Trump-Präsidentschaft berichtet hat. Arte sendet am Dienstagabend, passend zu den Kongresswahlen in den USA, die vier chronologisch erzählten Teile hintereinander. Eine gute Programmentscheidung: The Fourth Estate lässt sich, in einem Rutsch gesehen, als der erste richtige Film über Donald Trumps Zeit im Weißen Haus betrachten.

Es ist also einer mit Überlänge, obwohl er kaum ein Drittel seiner ersten von möglicherweise zwei Amtszeiten abdeckt. Doch selbst dabei muss sich die erfahrene Dokumentarfilmerin Liz Garbus noch sputen, um halbwegs vollständig zu erzählen, was alles passiert ist in der kurzen Zeit.

Was seither passierte

Die letzten Bilder von The Fourth Estate stammen aus dem April dieses Jahres und im Mai und Juni strahlte der ursprüngliche Auftraggeber, der US-Bezahlsender Showtime, die vier Folgen aus. Die Eile sieht man der Dokumentation durchaus an. Selten nur kommt sie zur Ruhe, zoomt mal etwas heraus aus dem Alltag der Journalistinnen und Journalisten der Times. Denen durften Garbus und ihre beiden deutschen Kameraleute Wolfgang Held und Thorsten Thielow auf Schritt und Tritt folgen. Garbus verzichtet auf übliche Dokumentarfilmelemente, es gibt keine die Dramaturgie sortierende Erzählerstimme, keine Experten-O-Töne, keine nachgestellten Szenen. Das Risiko, dass ihrer Dokumentation eine kritische Distanz zum Tun der Times-Journalisten fehlt, geht Garbus ein.

Stattdessen hat sie sich entschlossen, The Fourth Estate als eine Art Ensemblefilm anzulegen. Der spielt hauptsächlich an zwei Schauplätzen, in der Zentrale der Times in New York und vor allem im Hauptstadtbüro in Washington, D. C. An letzterem arbeiten die wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten von The Fourth Estate: Haberman, Peter Baker, Julie Hirschfeld Davis und anfänglich Glenn Thrush, die dem Weißen Haus direkt zugeordnet sind; das Investigativteam um Mark Mazzetti mit seinem mittlerweile bekanntesten Rechercheur Michael Schmidt und die Büroleiterin Elisabeth Bumiller, die diesen durchaus merkwürdigen Haufen zusammenhält. Aus New York sind zwei andere entscheidende Leute meist nur per Telefon zugeschaltet, Chefredakteur Dean Baquet und Michael Barbaro, die beruhigende Stimme des werktäglichen Times-Podcasts The Daily, der seit der ersten Sendung im Februar 2017 Millionen Zuhörerinnen und Zuhörer hat.

Was seitdem im Weißen Haus alles geschehen ist, ist ebenso wohlbekannt wie in den Details fast schon wieder vergessen. Allein die Personalien: Der Sicherheitsberater Michael Flynn tritt zurück, der FBI-Chef James Comey wird gefeuert, Trumps Sprecher Spicer tritt zurück, Stabschef Reince Priebus wird gefeuert und immer so weiter. Da ist es nicht mal Sommer geworden, der Sonderermittler Robert Mueller hat gerade erst seine Ermittlungen in Sachen Trump-Administration und Russland begonnen, und The Fourth Estate hat bereits zwei seiner vier Stunden Laufzeit verbraucht für die Zusammenfassung der Geschehnisse.

Die betrachtet man als Zuschauer stets aus der Perspektive der Reporterinnen und Reporter der New York Times. Die Zeitung hat der Filmemacherin Garbus offenbar nahezu unbegrenzten Zugang zu den Mitarbeitern gestattet: Eine Nachrichteninstitution macht sich transparent.