In Rom kommt in der allgemeinen Gunst zuerst der Papst, gleich danach aber Ennio Morricone. Wegen seiner innovativ-lässigen Kompositionen zu Italowestern wie "Zwei glorreiche Halunken" (1966), "Leichen pflastern seinen Weg" (1968) und natürlich "Spiel mir das Lied vom Tod" (ebenfalls 1968). Dabei machen die Soundtracks für dieses Genre nur einen Bruchteil seines gewaltigen Werks aus. Morricone gibt nur selten Interviews. Diesmal, kurz vor seinem 90. Geburtstag, empfängt er sogar in seinem römischen Anwesen, das einem Palazzo gleicht. Der schmächtige Mann mit der charakteristischen schwarz umrandeten Brille wünscht, mit Maestro angesprochen zu werden. Das ist aber auch schon die einzige Extravaganz, die er sich erlaubt.

ZEIT ONLINE: Maestro, stimmt es, dass Sie künftig keine Soundtracks, sondern nur noch davon unabhängige Orchesterwerke und Kammermusik komponieren wollen?

Ennio Morricone: Ja, das ist wahr. Ich stelle noch die Musik zu Kim Burdons Animationsfilm The Canterville Ghost fertig und eventuell noch einen Score für Giuseppe Tornatores nächstes Projekt, aber das war es dann mit der Filmmusik.

ZEIT ONLINE: Warum?

Morricone: Ich will nicht undankbar sein. Ich verdanke dem Komponieren von Filmmusik meine Bekanntheit, doch es ist eine sehr aufreibende Arbeit. Bedenken Sie, ich werde bald 90! Wenn ich mich nun auf reine Orchestermusik konzentriere, kann ich unabhängig vom Kino tätig sein und mich wieder freier fühlen. Und hoffentlich entstehen dann beim Hören auch Bilder im Kopf des Publikums.

ZEIT ONLINE: Für einen fast 90-Jährigen wirken Sie ungemein rüstig.

Morricone: Innerlich fühle ich mich jung und habe noch viele musikalische Ideen, die einfach aus mir rausmüssen. Aber manchmal bin ich doch sehr erschöpft, so auch nach dem Dirigieren meiner Werke. Deswegen wird meine jetzige Tournee tatsächlich auch meine letzte sein.

ZEIT ONLINE: Betreibt man als Filmmusikkomponist eigentlich ein einsames Geschäft oder tauschen Sie sich mit Kollegen auch manchmal aus?

Morricone: Jeder macht seins. Und ich komponiere tatsächlich am liebsten zu Hause, wobei mein Hauptwohnsitz hier in Rom, wie Sie sehen, recht geräumig ist. Natürlich habe ich Kontakte zu anderen Filmmusikkomponisten. Wir reden miteinander, aber selten spezifisch über Musik. Eine sehr freundschaftliche Beziehung unterhielt ich zu dem 2009 verstorbenen Maurice Jarre, dessen monumentale Filmmusiken für die David-Lean-Filme Lawrence von Arabien, Doktor Schiwago und Reise nach Indien ich immer sehr bewundert habe. Aber den engsten Komponistenkontakt habe ich natürlich zu meinem Sohn Andrea, der seine Karriere 1991 an meiner Seite mit der Filmmusik zu Cinema Paradiso begann. Das war auch für mich eine wundervolle Zusammenarbeit. Von der jüngeren Generation der Filmmusikkomponisten schätze ich Alexandre Desplat, weil er sehr vielseitig ist. Wobei gut, er ist auch schon 57!

ZEIT ONLINE: Sie haben 2015, 40 Jahre nach Nobody ist der Größte, noch einmal den kompletten Score zu einem Western geschrieben, nämlich für Quentin Tarantinos The Hateful Eight, der Ihnen 2016 Ihren ersten "regulären" Oscar nach einem vorherigen fürs Lebenswerk bescherte. Hat dieser Soundtrack deshalb einen besonderen Stellenwert für Sie?