Das Gespenst im Oval Office

Es gibt eine neue Schurkin im Weißen Haus. Und sie ist großartig. Präsident Underwood ist tot – und seine mindestens ebenso skrupellose Witwe, gespielt von Robin Wright, hat seinen Platz eingenommen. Der Schauspieler Kevin Spacey, der fünf Jahre lang den immer intriganten Präsidenten der Vereinigten Staaten in der Serie House of Cards spielte, wurde im vergangenen Jahr im Zuge von #MeToo beschuldigt, junge Männer sexuell belästigt zu haben. Seither ist seine Karriere tot und der 59-Jährige aus Hollywood verbannt. Die ersten Folgen der sechsten Staffel schrieben Frank Pugliese und Melissa James Gibson nach Spaceys Rauswurf um. Jetzt liegt Francis "Frank" Underwood auf einem kleinen Wiesenfriedhof unehrenhaft begraben – neben seinem Vater, den er hasste.

In filmischer Hinsicht war es das Beste, was House of Cards passieren konnte. Zum ersten Mal seit Jahren, nur einen Tag vor den US-Halbzeitwahlen, für die so viele Frauen für politische Ämter wie noch nie kandidieren, hat die Netflix-Serie etwas Neues und Interessantes zu sagen. In der jüngsten Staffel der Polit-Seifenoper regiert nun eine Frau die USA. "Die Herrschaft des weißen Mannes mittleren Alters ist vorüber", verkündet Claire, die sich nun wieder mit ihrem Mädchennamen Hale nennt. Aber anstatt anders zu regieren, ist sie genauso manipulativ, gewissenlos und völlig nihilistisch wie der Mann, der vor ihr kam.

Der Zeitpunkt für Kevin Spaceys Ausscheiden war, man kann es kaum anders formulieren, für die Serie ziemlich günstig. Hollywood war schon lange vor #MeToo wegen der Diskriminierung von Frauen im Showgeschäft kritisiert worden. Die Drehbuchautoren rechneten außerdem wie der Rest der Welt bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 mit dem Sieg Hillary Clintons und machten Claire vorsorglich zur Vizepräsidentin. Die fünfte Staffel endete mit dem selbst orchestrierten Rücktritt von Frank (er brauchte Claire als Präsidentin, um ihn zu begnadigen). Seine Frau besetzte nun das höchste Amt im Staat, während er sich dem wahren Machtzentrum der USA widmen wollte – der Privatwirtschaft. Dummerweise hatte Claire ihre eigenen Ambitionen. Also ignorierte sie seine nächtlichen Anrufe, wendete ihren kaltblütigen Blick der Kamera zu und erklärte: "Jetzt bin ich dran."

Vermissen Sie Francis?

Die neuen Folgen beginnen damit, dass Claire Underwood ihre ersten 100 Tage als Präsidentin hinter sich hat, und sie beklagt vor einer Gruppe versammelter Soldaten und Soldatinnen, wie schwierig alles war. "Ich habe meinen Mann verloren", sagt sie und spielt die Rolle der trauernden Witwe. Dann blickt sie in die Kamera und sagt: "Sind Sie noch da? Vermissen Sie Francis?" Eigentlich nicht.

Tatsächlich könnte Claire nun die letzte Staffel von House of Cards ihr Eigen nennen, spukte darin nicht der Geist von Frank herum. Man lässt uns zunächst glauben, dass er im Schlaf gestorben sei, aber das ist natürlich erfunden. "Ein Mann wie Francis stirbt nicht einfach", sagt Claire, "das wäre zu bequem." Ihre Entscheidung, den Elefanten im Raum direkt anzusprechen, ist wichtig, denn der Zuschauer muss bald feststellen, dass das Erbe des Mannes nicht so leicht zu begraben ist wie seine Leiche.

Gleich zu Beginn nimmt Claire ein merkwürdiges Pochen in Franks altem Zimmer war. Ist es der tote Göttergatte, der gekommen ist, um die Witwe heimzusuchen? Tatsächlich ist es ein kleiner Vogel, der sich zwischen die Wände verirrt hat. Sie trägt ihn nach draußen und spricht dabei in die Kamera: "Es stimmt nicht, was er Ihnen damals gesagt hat." Sie meint Franks Zeilen aus der allerersten Szene der Serie, in der er über den Unterschied zwischen Schmerz, den auszuhalten es sich lohne, und sinnlosem Schmerz philosophiert, bevor er einen angefahrenen Hund erdrosselt. "Schmerz ist Schmerz", sagt Claire, den Vogel fest in ihrer Faust. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde sie das arme Ding zerquetschen. Stattdessen sagt sie: "Francis, ich bin fertig mit dir", und lässt den Eindringling frei.

Das von Showrunner Beau Willimon kreierte House of Cards war die erste eigens von Netflix produzierte Serie, die 2013 wichtige Emmy-Nominierungen erhielt, und die erste, die eine komplette Staffel auf einen Schlag zur Verfügung stellte – die Geburtsstunde des Binge Watching, wenn man so will. Aber die Serie, die dem US-Streamingdienst zum Durchbruch verhalf, begann allmählich an eine Parodie zu grenzen. Spaceys Underwood wurde geradezu karikaturhaft böse. Folge für Folge sah man dasselbe Szenario: Frank würde einen schrecklich mörderischen Plan ausfeilen, ihn fehlerfrei ausführen und weitermachen. Die dramatischen Verschiebungen in der realen US-amerikanischen Politik haben der Serie keinen Gefallen getan. Wer möchte noch eine Serie über einen manipulativen Lügner im Weißen Haus weitergucken, wenn Amerika in diesem echten Albtraum steckt?

Ein unterhaltsames, wenn auch halbgares Gedankenexperiment

Auch Claire ist keine Heilige. Sie gibt grotesk viele Morde in Auftrag, sie fabriziert eine nukleare Krise, und wie sich herausstellt, war ihr Ehemann lediglich ein Mittel zum Zweck. In maßgeschneiderten, militärischen Anzügen und Kleidern, mit ihrem blonden Bob, der ihr wie ein Helm auf dem Kopf sitzt, benutzt Robin Wright als Präsidentin und Oberbefehlshaberin sexistische Stereotypen zu ihrem Vorteil. "Amerikas schlimmste Angst, wenn es um eine Frau im Oval Office geht", seufzt sie vor der Kamera und tröpfelt sich Flüssigkeit in die Augen, um dann tränenverschmiert die betroffene Witwe zu mimen. Vielleicht macht gerade ihr angenehmes Auftreten sie noch gefährlicher als ihr aufbrausender Mann, der wie ein Gockel durch die Korridore stolzierte, mit Blut an seinen Federn. In einem Meeting wirkt Claire wie gelähmt, so als säße sie in einer Sackgasse – und dann blickt sie in die Kamera und sagt: "Inkompetenz vorzutäuschen ist so ermüdend."

Es wäre töricht, Madam President als feministische Ikone zu bezeichnen, jeder, der die Serie kennt, weiß, dass auch sie schon immer bereit war, über Leichen zu gehen. Hinter der feministischen Fassade von Präsidentin Hale steckt eine Mörderin, die das Patriarchat zerstören will.

Sie unterstützt politische Kandidatinnen, formt ein weibliches Kabinett, aber es wird schnell klar, dass für Claire die Rechte der Frauen nur eine Waffe sind. Sie ist zwar die erste weibliche Präsidentin, aber auch sie ist ein politisches Raubtier. "Sie und ich müssen uns als Frauen wehren", sagt sie zu einer naiven Angestellten und appelliert an die vermeintliche Schwesternschaft, nur um sie herzlos zu manipulieren.

Ein Gespenst mit großer Rolle

Claire denkt, wenn sie Frauen in die Politik bringt, könne sie die Männer in ihrem Leben in Schach halten: ihren neuen Vize, Mark Usher (Campbell Scott), der ein doppeltes Spiel spielt, genauso wie ihren ehemaligen Pressesprecher (Seth Grayson), der jetzt für ihren Feind arbeitet. Der russische Präsident Petrov (Lars Mikkelsen) mischt sich in ihre Angelegenheiten ein, der Journalist Tom Hammerschmidt (Boris McGiver) ist ihr immer noch auf den Fersen, und Doug Stamper (Michael Kelly), Franks Handlanger, hat noch eine Rechnung mit ihr offen. Frank ist zwar tot, aber sein Geist spielt in jeder Szene dieser Staffel eine viel zu große Rolle, da Claire gezwungen ist, Versprechen einzuhalten, die er gegeben hat, allen voran Bill Shepherd (Greg Kinnear), einem wohlhabenden Industriellen.

Die Frauen sind nicht minder bösartig. Bills Schwester Annette (Diane Lane) ist eine alte Freundin aus Kindertagen, die zu einer bitteren Rivalin von Claire wird, was zu einem neuen Machtkampf zwischen zwei ehrgeizigen Frauen führt. In einer großartigen Szene tauschen sie während einer Veranstaltung auf der Toilette Feindseligkeiten aus. Während sie sich Creme auf ihre Hände schmieren und Lippenstift nachziehen, geht es um Politik und Sex. Sie habe einmal mit ihrem Mann geschlafen, sagt Annette. "Es war sehr enttäuschend." Welch ein Opfer Claire gebracht haben müsse.

Wie immer werden Handlungselemente aus der realen Welt gerissen, mit Syrien und der IS-ähnlichen Terrororganisation ICO, mit der Einmischung Russlands, mit Massenüberwachung und den Shepherds, die ein Industriekonglomerat betreiben, das sich nicht so sehr von den Geschäften der Koch-Brüder unterscheidet.

Längst schien die Serie von der grotesken Wirklichkeit, der Trump-Reality-Show, eingeholt, so ist die jüngste Staffel ein unterhaltsames, wenn auch halbgegartes Gedankenexperiment. Sie ist eine willkommene Abwechslung, die notwendig war, um neues Leben in die langjährige Serie zu bringen. Es ist nur schade, dass Frank Underwood noch immer darin herumspukt, weil Robin Wright durchaus Besseres als diesen alten Geist verdient hätte. 

Seit dem 2. November stehen alle acht Episoden der 6. Staffel bei Sky Ticket im Stream zum Abruf bereit. Seit Freitagabend ab 22.00 Uhr sind die neuen Episoden immer als Doppelfolge auf Sky Atlantic HD zu sehen.