Achim hat sich nach bestandenem Abitur auf dem Cannstatter Wasen volllaufen lassen und anschließend halb bewusstlos auf einer Bank abgelegt. Das Vogelhäuschen im Garten von Andreas wurde, während er im Urlaub weilte, von einem Specht zerstört. Luisa ist 1,82 Meter groß, war eine erfolgreiche Leichtathletin, hat dann ein Jahr in Texas zugebracht und hat im Jahr 2013 auf Pinterest eine Collection für ihre imaginäre Hochzeitsfeier zusammengestellt: Kleid, Torte, Brautstrauß. Alles da, alles im Netz verfügbar. Und Denise hat auf Runtastic regelmäßig ihre Laufstrecke veröffentlicht, weswegen die Welt jetzt weiß, dass sie für fünf Kilometer noch immer recht jämmerliche 35 Minuten braucht.

Was die Welt heute weiß, weiß sie aus dem Internet. Ob irgendwer auch nur ein Billiardstel dessen wissen will, was im Internet steht, ist eine andere Frage. Doch darauf, was Menschen freiwillig von sich im Netz preisgeben, basiert Jan Böhmermanns Show Lass dich überwachen. Das Format ist nicht neu: Im April 2018 lief es bereits schon einmal unter dem Titel Prism is a Dancer auf ZDF Neo. Jetzt strahlte es das ZDF erstmals im Hauptprogramm aus, 90 Minuten lang, wenn auch erst um 23 Uhr. 199 Menschen im Studio, die davon ausgingen, einer Aufzeichnung des Neo Magazin Royale beizuwohnen. In Wahrheit ein Publikum, das zuvor zwei Monate lang von Böhmermanns 15 Mitglieder zählendem Team im Netz ausspioniert, verfolgt und bis in die feinsten Verästelungen der öffentlich zugänglichen Informationen gestalkt wurde. Ein Haufen von irrelevantem Datenmüll also.

Man kann das alles herausfinden: dass Louisa in einem Studentenwohnheim in Aachen lebt und Huskys liebt. Oder dass Sören beim Bund war, Schalke-04-Fan ist und sich während seiner Malle-Sauftouren Bertibumsbirne nennt. Nur: Wen interessiert das? Und vor allem: Sind die Menschen, die da sitzen, so interessant, dass man mit ihnen einen Abend füllen kann? Zugegeben, eine rhetorische Frage. Lass dich überwachen ist so unterhaltsam, wie ein Streifzug durch die öffentlich zugänglichen Profile von ästhetisch wie intellektuell durchschnittlichen Internetusern nun einmal ist. Tödlich öde.

Böhmermanns Rolle ist wie immer unklar

Es bräuchte jemanden, der eine Brücke schlägt zwischen dem Trash im Netz und dem Anspruch, daraus ein Fernsehformat zu machen. Einen Transformator. Jan Böhmermann ist das nicht, auch wenn seine Show aufgepimpt ist durch einen Auftritt des Party-Schlagersängers Ikke Hüftgold, der zunächst für, dann mit Bumsbirne Sören das Publikum in Wallung bringt. Oder von dem Indie-Schlagersänger Bosse, der zu Luisas Hochzeitsfeier mit dem Fotomodell Nico Schwanz, den zuvor Luisas Schwester in einer Herzblatt-Reminiszenz für sie ausgesucht hat, den Barden gibt. Alles Fake, versteht sich, wie so viele Facebook-Profile auch. Böhmermanns Rolle ist wie stets unklar. Ist er der zynisch-diabolische Moderator, der all das nebeneinanderstellt und dadurch entlarvt? Es ist allerdings zu befürchten: Böhmermann nimmt sich ernst. Und er erfüllt einen pädagogischen Auftrag. Gefühlte zehnmal zeigt er mit dem Finger in die Kamera und mahnt: "Passt auf, was ihr von euch preisgebt." Oder, noch schlimmer: "Bitte immer das Häkchen bei privat machen."

Lass dich überwachen hat wenige Augenblicke, in denen die Peinlichkeit der freiwilligen öffentlichen Selbstentblößung zusammenfällt mit dem inszenierten Unbehagen einer zeitgemäßen Unterhaltungsshow. Paradoxerweise räumt Böhmermann gerade da die Bühne. Stattdessen ein Gastauftritt des Moderators Werner Schulze-Erdel, der entweder volltrunken ist oder sein Gebiss vergessen hat, aber trotzdem ein souveränes familien-duell hinlegt, in dem Kathleen, die die sich anbahnende Beziehung mit ihrem Chef akribisch auf Facebook dokumentiert hat, gegen ihren gehörnten Ex-Freund und dessen neue Freundin antritt. Da kommen, endlich einmal, Form und Inhalt in Einklang.

Jan Böhmermann hat in den vergangenen Tagen Schlagzeilen gemacht mit einem etwas forcierten Halbskandal um eine vermeintlich antisemitische Beleidigung gegenüber dem Komiker Oliver Polak. Die ist mittlerweile auch schon wieder acht Jahre her; Böhmermann soll sich in einer satirischen Wendung nach einem Handschlag mit Polak die Hände desinfiziert haben aus Ekel vor einem Juden. Darüber in der Show kein Wort. Stattdessen ein braver Auftritt. Selten war der Gedanke, dass die Ideen seines Teams besser sind als Böhmermann selbst, stärker als in diesen 90 Minuten. Mit Sehnsucht denkt man an Harald Schmidt zurück. Der wäre niemals auf die Idee gekommen, die Menschen davor zu warnen, sich zum Vollhorst zu machen.