Seine Filme wurden in Sundance, Locarno und Venedig ausgezeichnet. Damit gehört Philip Gröning zu den international erfolgreichsten deutschen Filmemachern. Dennoch kennen ihn in seiner Heimat nur wenige. Das mag daran liegen, dass seine Filme oft als anstrengend gelten. Dabei beobachten sie nur sehr genau, was zwischen Menschen passiert. Manchmal ist das schmerzvoll, immer aber sehr sehenswert. An seinen präzisen Inszenierungen feilt Gröning oft mehrere Jahre, so auch an seinem jüngsten Film, der auf der Berlinale Premiere feierte und nun in den Kinos anläuft, "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot". Es geht um die Liebe zwischen Zwillingsbruder und Zwillingsschwester, um den Begriff der Zeit und physische Gewalt. Wieder ein anspruchsvolles Thema, wieder bis ins Detail präzise inszeniert. Gröning nennt ihn einen "philosophischen Film".

ZEIT ONLINE: An diesem Donnerstag läuft Ihr neuer Film Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot in den deutschen Kinos an. Es geht um ein Geschwisterpaar, das philosophierend ein flirrend heißes Sommerwochenende an einer Tankstelle zubringt. Was gab den Anlass für diesen Stoff?

Philip Gröning: Die ersten Gedanken entstanden, als ich mit einer Kollegin Bier trinkend an einer Tankstelle saß – im Hochsommer in München vor einigen Jahren. Die Grundidee hatte also zu tun mit einem endlosen Gefühl von Sommer und gleichzeitig mit der Frage: Wie geht man miteinander um, wenn es eine erotische Spannung gibt, die man nicht leben kann oder will? Und dann fand ich es faszinierend, einen Film zu machen über Philosophie. Philosophie ist phantastisch.

ZEIT ONLINE: Aus diesem Grund lassen Sie Heidegger sehr viel zu Wort kommen – warum gerade ihn?

Gröning: Heidegger hat natürlich diese katastrophale Biografie – da gibt es nichts zu diskutieren. Er war Antisemit und Faschist eine Weile lang, und das ist schrecklich. Was mich aber fasziniert: Er hat versucht, an eine Zone hinzudenken, wo die Sprache aufhört und wo das Denken schwierig wird, weil man auf unbeschriebenes Terrain geht. Und genau da entstehen diese merkwürdig mystischen Sätze, die dann wiederum die Grenze des Denkens nach vorne schieben. Wenn man beispielsweise darüber nachdenkt, wie Technik den Zugang der Menschen zur Welt ändert, kommt man an Heidegger nicht vorbei.

ZEIT ONLINE: Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot wurde auf der diesjährigen Berlinale als preisverdächtig gehandelt, ging dann aber leer aus. Das war das erste Mal, dass ein Film, der von Ihnen auf einem größeren Festival gezeigt wurde, keine Auszeichnung erhielt. Waren Sie enttäuscht?

Gröning: Ich war wahnsinnig wütend, muss ich ehrlicherweise sagen. Dabei kenne ich ja die Juryarbeit und weiß, es ist ein unberechenbarer Prozess. Ich habe daraufhin Biografien von Kollegen gelesen und festgestellt, dass ich durch den bisherigen Erfolg ziemlich verwöhnt und privilegiert war. Also hab ich mich beruhigt und mir gesagt: Du hast halt bisher eine Glückssträhne gehabt, jetzt hast du mal eine Normalphase.

ZEIT ONLINE: Tun sich die Deutschen mit Ihren Filmen besonders schwer?

Gröning: Es stimmt: In Italien oder in Russland bin ich deutlich bekannter. Allerdings habe ich in den letzten 25 Jahren auch keine Filme auf deutschen Festivals gezeigt, was einfach daran lag, dass ich Locarno, Venedig, Sundance toll fand und sich dort für mich gute Möglichkeiten ergaben.  

ZEIT ONLINE: Mit sechs Langspielfilmen widmete das diesjährige Münchner Filmfest Ihnen eine Hommage. Und vor drei Jahren zeigte eine Retrospektive in Rom sämtliche bis dahin entstandenen Filme. Wie fühlen sich solche Ehrungen an?

Gröning: Eigentlich ganz schön toll, aber man ist natürlich auch ein bisschen traurig, weil man sich fragt, wo die Zeit geblieben ist. In Rom empfand ich es sogar richtig schockierend, weil ich dachte: Ui, jetzt sind diese Filme schon historischer Stoff.

ZEIT ONLINE: Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen und Ehrungen?

Gröning: Na ja, fast niemand weiß, wer ich bin, aber ich bekomme Geld für den nächsten Film und kann weiterarbeiten – das ist ein Riesenprivileg.

ZEIT ONLINE: Sie lassen sich sehr viel Zeit zwischen den einzelnen Filmen ...

Gröning: Nee, ich arbeite ununterbrochen an den Filmen.

ZEIT ONLINE: Während andere Regisseure im Jahrestakt produzieren, sieht man im Schnitt von Ihnen alle drei bis fünf Jahre einen neuen Film. Warum ist das so?

Gröning: Weil ich so kompromisslos bin. Ich muss das Ganze zu einem Punkt bringen, an dem alles in sich stimmt. Das ist wahnsinnig anstrengend und macht diesen irrsinnig langen Prozess aus. Allein bis die Drehorte stimmen, bis die Dekoration stimmt,  bis das Casting stimmt.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht nur Regisseur, sie schreiben auch die Drehbücher zu Ihren Filmen. Woher kommen die Ideen zu den oft bizarren Handlungen?

Gröning: Die kommen ganz schnell in einem Moment, und dann ist auch die ganze Geschichte mit einem Schlag da. Dann muss ich sie halt machen.

ZEIT ONLINE: Sie haben jüngst gesagt: "Film ist Skulptur in der jeweiligen Zeit." Was meinen Sie damit?

Gröning: Man muss einen Film immer wieder anschauen, um zu sehen, ob die Balance jetzt da ist oder noch nicht – genau so, wie wenn man wieder und wieder um eine Skulptur herumgeht. Das ist extrem anstrengend. Ich würde gern einen anderen Beruf ausüben. 
Aber wahrscheinlich würde ich mir wieder einen Beruf aussuchen, in dem ich an meine Grenzen gehen kann und mich abarbeite.