Als der Regisseur David Yates das Drehbuch von Joanne K. Rowling für den zweiten Teil des Harry-Potter-Spin-offs Phantastische Tierwesen bekam, soll er nach der ersten Lektüre festgestellt haben: Ups, jetzt wird's kompliziert. Die Tatsache, dass der mächtige und ganz und gar unmagische Warner-Bros.-Konzern den Regisseur schon vor dem Filmstart mit dieser Einschätzung zitierte, konnte wohl als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich die kongruente Geschichte der ersten Phantastischen Tierwesen jetzt, wie von einem Splitterzauber getroffen, in eine sehr viel größere Anzahl von Handlungssträngen auffächert: in die Vergangenheit und Zukunft ausgedehnt, durch die Perspektiven unterschiedlicher Figuren reflektiert und den Zuschauern am Ende als etwas vor die Füße geworfen, das so verheddert wirkt, als hätten ein paar besonders ungezogene Niffler damit zu lange ihr Unwesen getrieben.

Vielleicht war es aber auch nur eine verdammt effektive Strategie, um Spoiler zu verhindern. Schließlich wissen ziemlich viele (den ersten Teil haben in Deutschland 3,5 Millionen Zuschauer gesehen), woran diese Fortsetzung anknüpft. Erstens: Der böse Zauberer Gellert Grindelwald (Johnny Depp), Jugendfreund des späteren Hogwarts-Schulleiters Albus Dumbledore, ist gefasst worden und schwört, bald schon wieder auszubrechen und die Herrschaft über alle magischen und nicht magischen Wesen zu erlangen. Zweitens: Der liebenswürdige Magizoologe Newt Scamander (Eddie Redmayne) hat ein glückliches Händchen mit Tieren aller Art und ein weniger glückliches in der Liebe. Und jeder, der sich auch nur oberflächlich mit der magischen Welt von Harry Potter auskennt, weiß, wohin diese Geschichte irgendwann (geplant sind fünf Teile) führen soll: Albus Dumbledore ist nicht mehr Grindelwalds best friend forever, sondern hat ihn besiegt. Aber was in diesem zweiten Teil der Tierwesen-Pentalogie passiert, das lässt sich, liebe Freunde der magischen Welt, nicht mal eben in 280 Zeichen für Twitter verraten.

Im zweiten Filmteil erfährt man nun, dass der junge Zauberer Newt sich schon während seiner Schulzeit in Hogwarts weniger für Menschen interessiert hat als für fantastische Tierwesen wie Hippogreife, nashornartige Erumpents oder eben besagte Niffler, eine äußerst freche Kreuzung aus Maulwurf und Schnabeltier. Damals war Albus Dumbledore noch einfacher Lehrer, und Newt recherchierte nach seinem Abschluss auf so weit entfernten Kontinenten wie Amerika für das Buch, das dem Kino-Spin-off seinen Namen gab, Phantastische Tierwesen. Jahrzehnte später wird dieses Buch übrigens von Harry Potter und seinen Mitschülern als Pflichtlektüre gepaukt werden müssen.

Nun hat Newt Scamander vom englischen Ministerium für Zauberei allerdings ein Reiseverbot auferlegt bekommen. Zu viel war während seiner Recherchen an die nicht magische Öffentlichkeit gedrungen. Newt verschwindet aber auf Geheiß seines ehemaligen Lehrers Dumbledore (Jude Law) dennoch mithilfe eines Eimers und in Begleitung seines amerikanischen nicht magischen Freunds Jacob Kowalski (Dan Fogler) nach Paris. Dort suchen die beiden Credence (Ezra Miller), jenen jungen Mann aus dem ersten Teil, der seine magischen Kräfte ungefähr so gut kontrollieren kann wie Hulk seine Wut, und dem noch nicht klar ist, ob er sich Grindelwald anschließen oder seine Seele doch lieber retten lassen will. Credence seinerseits versucht endlich zu erfahren, wer er wirklich ist. Ferner treffen ebenfalls in Paris ein: Tina Goldstein, Newts noch nicht erfüllte Liebe (Katherine Waterston), Queenie, deren reizende, aber diesmal leider etwas orientierungslos naive Schwester (Alison Sudol) und natürlich Grindelwald selbst, den Depp als eine Art kreidig übertünchten Hitler mimt.

J. K. Rowling hatte für ihr erstes Drehbuch mit einem narrativen Salto rückwärts die Harry-Potter-Geschichte aus der sehr abgeschiedenen britischen Provinz um Hogwarts ins New York der Zwanzigerjahre verlegt. Dort nahm die Autorin ihr Herzensthema wieder auf, den Kampf gegen Rassenwahn und totalitäre Strukturen: Manche sogenannten Reinblüter unter den Magiern wollen Zauberer und Hexen nicht magischer Abstammung in deren Rechten beschneiden; manche nicht magischen Sektierer wollen wiederum die magische Welt auslöschen, und dazwischen stehen jene, die in ihrem Gegenüber in erster Linie einen Menschen sehen, mit dem sie ein friedliches Miteinander anstreben.

Wie dies zu bewerkstelligen sei, darüber herrscht selbst unter den Magiern auf höchster politischer Ebene Uneinigkeit. Das Ministerium für Zauberei hält es für das Beste, die Nichtmagier über die Existenz der magischen Welt in Unkenntnis zu lassen. Regelmäßig müssen die Ministeriumsangestellten daher im großen Stil normale Menschen mit Vergessenszaubern belegen. Es gibt aber durchaus Vertreter, die Magier für die wahren Herrscher auch über die nicht magische Welt halten. Ersetzt man in diesem fiktiven Konflikt das Attribut "magisch" durch jede beliebige Zuschreibung zu einer Religion, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, landet man bei der unappetitlichen Aktualität des ganzen Sujets.