Kleiner Nachtrag zum Polizeiruf: Für Janina aus Rostock: Der NDR hat nachträglich einen "FCK AFD"-Sticker von der Bürowand hinter Frau König (Anneke Kim Sarnau) entfernt.

Ein Spaßvogel könnte zu diesem Vorgang nun sagen: Der rechtskonservativ versiffte NDR wird von der Verbotspartei AfD gesteuert!!! Das Erziehungsfernsehen will den Bürgerinnen und Bürgern durch Aufkleberzensur die Wahrheit vorenthalten!! Und das passiert "zufällig" genau dann, wenn die Moralapostel von der AfD, die sich als vermeintliche Alternative über andere erheben, von dubiosen Parteispenden ablenken will???!!!

Wie gesagt: könnte. Wenn einem nach Spaß zumute wäre angesichts dieser an Trostlosigkeit kaum zu übertreffenden Haltungslosigkeit eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Der Polizeiruf aus Brandenburg stabilisiert derweil seine Form. Der Fall Sikorska (rbb-Redaktion: Daria Moheb Zandi) ist nach der bemerkenswerten vorletzten Folge Das Beste für mein Kind erneut ein gelungenes Beispiel für die zeitgemäße Interpretation des ARD-Sonntagabendkrimis. Der Film reiht sich ein in die Fälle der letzten Wochen, die sich durch das originelle Vorführen von Ermittlungsarbeit in Stuttgart und Greater Hamburg auszeichneten.

Die Folge aus dem deutsch-polnischen Revier in Frankfurt (Oder) kommt auf leisen Sohlen daher (Drehbuch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid). Ein Au-pair-Mädchen wird tot in der Oder gefunden und bei den Ermittlungen im wohlständigen Haushalt Heise, in dem sie arbeitete (was für eine stolze Villa!), finden sich Spuren von Vergangenheit.

Papa Heise (sehr überzeugend im Abstreiten: der große Götz Schubert) soll nämlich vor 15 Jahren schon seine damals verschwundene Stieftochter Julia Sikorska sexuell belästigt haben. Der Fall Sikorska ist so gesehen die erste #MeToo-Geschichte, die der ARD-Sonntagabendkrimi erzählt. Und das macht er auf unspektakuläre Weise gut (Regie: Stefan Kornatz). Der Krimi lässt nämlich nicht wechselseitig geläufige Stanzen aus dem Diskurs aufsagen, wie es im thematisch interessierten Tatort mitunter üblich ist, sondern legt die Auseinandersetzung als Schattierungen des Verdachts auf seine Figuren.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110", auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Denn #MeToo wurde öffentlich ja nicht nur als Emanzipationsbewegung aus einer alten, männlich dominierten und sexualisierten Kultur des Umgangs zwischen den Geschlechtern gefeiert; sondern als Moment des Umbruchs, an dem die Chance bestand, dass die zur Sprache gebrachten Erniedrigungen überhaupt gehört werden konnten.

Aus der Kniffligkeit, dass sexuelle Belästigung zumeist nicht vor Zeugen geschieht, leitet Der Fall Sikorska seine Spannung ab. Die Zerrissenheit, ob die Vorwürfe gegen Papa Heise stimmen, spiegelt sich auch im Verhältnis des Ermittlerduos: Während Olga Lenski (Maria Simon) den Vorwürfen nachgehen will, überzeugen Kollege Raczek (Lucas Gregorowicz) die Erklärungen des Verdächtigen. Auch weil Papa Heise ein Alibi für die Tatzeit vorweisen kann. Und weil Julias leiblicher Vater Pawel Sikorski (Krzysztof Franieczek), der von seiner Frau für Heise verlassen wurde, in seiner Trauer übers Verlassenwordensein durchaus dubios wirkt. Sein plumper Stunt, eine junge Frau gegen Geld in die Praxis von Heise zu schicken, um danach über Belästigung zu klagen, stellt sich ziemlich schnell als genau das heraus: als plumper Stunt.

So nimmt die aktuelle Mordgeschichte den alten Fall mit der verschwundenen Stieftochter Huckepack, was strukturell wiederum zum #MeToo-Komplex passt, weil es dort häufig weit zurück in die Geschichte ging. Und wendet die Glaubwürdigkeit der Agierenden wie eine Tortilla, wie es in einer uruguayischen Redensart heißt.

Schauspielerisch überzeugt Der Fall Sikorska ebenfalls. Jan Krauter legt als Heise-Sohn Leo seine Männlichkeit weniger mackerhaft aus als der Vater ("Wie man sich so die Butter vom Brot nehmen lassen kann", schimpft der Senior einmal), Leos (uncreditierte) Ex-Frau Lisa hat einen kurzen, aber prägnanten Auftritt in leicht genervter, berlinernder Gaggeligkeit. In Heises aktueller Gattin Katarzyna dringt der Zweifel über ihren Mann ganz langsam vor.

Am Ende gestattet sich der Polizeiruf einen leisen Effekt. Das Finale ist getaucht ins blaue Licht der Lampenbatterie, mit der die Polizei im Hause nach unsichtbaren alten Spuren sucht. So erscheint Geschichte in neuem Licht. Der Eingang des Hauses ist dafür abgehängt mit schwarzen Planen, was die prekäre Intimität, um die es gerade 90 Minuten lang ging, noch einmal hübsch illustriert.