Der Anfang ist hübsch: Frau König (Anneke Kim Sarnau) und Bukoff (Charly Hübner) müssen sich im neuen Rostocker Polizeiruf: Für Janina (NDR-Redaktion: Daniela Mussgiller) vor Gericht verantworten wegen Körperverletzung und versuchter Strafvereitelung im Amt. Der Anlass ist drei Folgen her, man erinnert sich irgendwie, dass da was war, vor allem ist die Szene schön gespielt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Wie Frau König trotzig die Rede der Richterin korrigiert ("Bukoff" statt "Bukow") und wie Bukoff, der im Jackett aussieht wie ein junger Konfirmand, sich mit den Fingernägeln derart engagiert zwischen den Zähnen pult, dass man der Ungerührtheitspose schon den Druck anmerkt, unter dem er steht. Das macht aus dem Auftakt mehr als die Information, dass die beiden zu Geldstrafen im vierstelligen Bereich verdonnert werden. Kleine Gesten erhalten die Freundschaft zu den beliebten Charakteren in Rostock – später wird Bukoff auch noch mal abfällig, aber auch ein bisschen hilflos auf den Boden spucken mit Blick auf Everybody's Volker (Josef Heynert), weil der jetzt auf dem Beifahrersitz neben Bukoffs Ex-Frau Vivian (Fanny Staffa) sitzt.

Für Janina erzählt einen dieser – medial gerade sehr beliebtencold cases, einen ungelösten Altfall, der durch neue Technologien der Ermittlung, aber auch durch, wie die Literaturwissenschaftlerin sagt, Re-Lektüren der Geschichte aufgeklärt werden soll. Für die Gemeinde bedeutet das die Aussicht auf – frohlock, frohlock – Ermittlungsarbeit!

Und tatsächlich wird ermittelt. Frau König nimmt sich Janinas Mutter (gespielt von der großen Hildegard Schmahl) an, die nicht zur Ruhe kommt. Entgegen aller Beschwichtigungen von Chief Röder (Uwe Preuss), der damals den Fall untersuchte.

Janina wurde am Tag nach dem Bruce-Springsteen-Konzert 1988 in Ostberlin tot aufgefunden, der von Röder als Mörder verhaftete Guido Wachs aber wegen eines Fehlers im Gutachten in der Revisionsverhandlung freigesprochen. Auf Wachs (Peter Trabner) läuft nun auch die neuerliche Ermittlung zu.

Für die Verhaftung stellt sich aber das Problem, dass Wachs nicht zweimal für dieselbe Tat belangt werden kann. Für Janina versucht, das Problem in einem – schon erkennbar – dilettantischen Anlauf zu lösen: Bukoff, Frau König und Everybody's Volker wollen unter einem nicht gut durchdachten Vorwand (eine vermeintliche Einbruchsserie) eine DNA-Probe nehmen, um sicherzugehen. Volki verschwindet unter einem Scheingrund ins Bad, wird aber ertappt. Averell Pöschi (Andreas Guenther), der eigentlich Schmiere stehen soll, steigt parallel in die Waschküche ein, um ein T-Shirt zu entwenden. Kein Ruhmesblatt für die Rostocker Polizeiruf-Polizei.

Die Aktion bringt Wachs immerhin dazu, sich gegenüber Frau König zu erklären (was vielleicht auch nicht die plausibelste Handlung ist, aber gut). Aus dem Gespräch entsteht die Ahnung eines zweiten Mordes aus "Vergeltungsvergewaltigung" und so kehrt der Polizeiruf (Regie: Eoin Moore, Buch: Moore und Anika Wangard) zurück in die Spur der Ermittlung. Es wird ein möglicher Fall ermittelt, der Mord an einer Sexarbeiterin in Hamburg, die zuvor von einem Mann belästigt worden sein soll. Als sich dieser Mann nicht als Wachs herausstellt, gerät Für Janina an einen kritischen Punkt.

Kaum Reflexion

Frau König will nämlich unbedingt "Gerechtigkeit" (die Folge läuft als Beitrag der Sonntagabendkrimi-Kulturschaffenden zur nämlichen ARD-Themenwoche). Und so geht der Film mit dem Kopf durch die Wand: Frau König macht sich ihren Beweis selbst und drapiert eine Spur von Wachs auf dem Kleidungsstück der Sexarbeiterin. Was erlauben!

Dabei hätte der Polizeiruf an dieser Stelle erzählerisch noch Optionen gehabt – hätte sich tiefer in die Ermittlung graben können, eine weitere Belästigung der Sexarbeiterin finden (durch Wachs dann) oder ein anderes ungeklärtes Mordopfer als den zweiten Wachs-Mord aus dem Hut ziehen können.

Oder der Film hätte die Flucht ins Philosophische antreten und die Frage durchspielen können, warum "Gerechtigkeit" für Janinas Mutter nur bedeuten kann, Wachs hinter Gitter zu sehen. Warum es nicht einen anderen Umgang mit Schuld und Sühne geben könnte, um Frieden zu finden nach 30 Jahren.

Aber Für Janina verrennt sich in Privatjustiz, die Frau König und auch Bukoff weit vom Weg des Gesetzeshütens abkommen lässt. Bukoff willigt nämlich doch noch in die krummen Geschäfte seines Vaters (der große Klaus Manchen) ein, um die Geldstrafe vom Anfang aufbringen zu können. An dieser Stelle scheinen dem Regisseur seine Figuren ziemlich egal, vor allem reflektiert Für Janina kaum über die Dilemmata, die sich aus diesen Handlungen ergeben. Bukoff versucht zwar noch, den gefälschten Beweis von Frau König wieder aus dem Labor zu schaffen und hält ihr eine Standpauke, aber die Grenzen des Rechtsstaats werden doch relativ skrupellos überschritten.

Und das führt am Ende zu einer Verheerung, die man sich, gerade weil Rostock doch der Darling unter den ARD-Sonntagabendkrimis ist, gar nicht ausmalen will: Ein "Weiter so" kann es nicht geben, um eine beliebte Formulierung aus der Politik zu verwenden. Nach der Nummer (und mit der Vorgeschichte) dürfte Frau König (und vermutlich auch Bukoff) kaum mehr im Polizeidienst zu halten sein. Es sei denn, man schützt sie, wie das in der sogenannten Realität bei Fehlleistungen von Gesetzeshütern ja häufiger vorkommt. Aber dann wäre die Sympathie gegenüber den Figuren futsch. Was soll nur werden?