Der Rechtsstaat hat's nicht leicht dieser Tage. Wurden letzte Woche in Rostock die tollen Figuren ohne Not für einen absurden Begriff von Gerechtigkeit verheizt, stehen im Tatort: Treibjagd (NDR-Redaktion: Donald Kraemer) diese Woche Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) unter Druck.

Ein Hamburger Stadtteil ist von einer Einbruchsserie betroffen, mit der die Polizei so schlecht zurande kommt, dass das Ermittlerduo, das eigentlich nur für Kapitalverbrechen vorgesehen ist, bei der Arbeit hilft. Denn die Bürger sind sauer und machen Stimmung in einem Internetforum.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Fall kommt Falke und Grosz dann immerhin entgegen, als bei einem neuerlichen Einbruch einer der Einbrecher vom bewaffneten Bürger Dieter Kranzbühler (der große Jörg Pose) umgelegt wird. Maja Kristeva (Michelle Barthel), die Kumpanin des toten Einbrechers Daskalov (sprich: Daskaloff), den die Polizei aus Mangel an Beweisen eben noch laufen lassen musste, wird von Kranzbühler angeschossen.

Sie flieht – und daraus bezieht der Tatort seine Spannung. Denn bei der Suche nach der jungen Frau kreuzen sich gleich drei Interessen: Erstens die der Polizei, die bald hübsch herauskombiniert hat, dass die angebliche Notwehr wohl eher Absicht war und Maja nun als Zeugin sucht, um den gezielten Mord zu beweisen.

Zweitens die der bewehrten Bürger, die vor allem aus Dieter Kranzbühlers Bruder Bernd (der große Andreas Lust) und seinem unfreiwilligen Sidekick Siggi (schön hilflos: Sascha Nathan) bestehen. Weil Bernd klar ist, dass die Notwehr seines Bruders keine war, muss Maja gefunden werden, bevor die Polizei das tut, um sie verschwinden zu lassen.

Und drittens Maja Kristevas eigener Plan: Sie will sich vom Acker machen, um nicht für den Einbruch belangt zu werden und um ihre Wunde versorgen zu lassen. Eine so einfache wie wirkungsvolle Idee (Buch: Benjamin Hessler, Florian Oeller). Inszenatorisch (Regie: Samira Radsi) hätte der Thrill des Wettrennens zu Kristeva (beziehungsweise des Wegrennens von Kristeva) freilich noch stärker hervorgekehrt werden können – durch Parallelmontagen etwa, die die zeitliche und räumliche Nähe der verschiedenen Parteien genüsslich auskosten. Wenn Falke gegen Ende zu spät zu dem Ort kommt, von dem sich Maja eigentlich den Transfer in die Freiheit verspricht, stattdessen aber vom Kranzbühler-Bernd kampfunfähig getasert und in die Siggi-Garage entführt wird, dann hätte der Kitzel durchaus darin bestehen können, durch ein bisschen mehr Montagearbeit zu zeigen, wie knapp der Kommissar hier die Lösung des Falls verpasst.

Kein Öl ins Feuer gießen

Aber der ARD-Sonntagabendkrimi will zum Wochenausklang nun mal nicht den Stress verbreiten, der ab Montagmorgen wieder herrscht. Und in diesem Sinne sieht Treibjagd auch davon ab, eine Lesart des Falls zu forcieren, die in der Geschichte durchaus steckt. Anfangs lässt sich die gesammelte Empörung der Bürger gegenüber der Polizei durchaus als Allegorie auf die aufgekratzten Verhältnisse der Gegenwart lesen, wie sie etwa in Chemnitz sichtbar geworden sind – dass interessierte Kreise durch Stimmungsmache das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen. Dass der Tatort diesen Konflikt nicht eskaliert, hat vermutlich auch mit seinen begrenzten Mitteln zu tun.

Zwar ist das Bürgerforum zur Einbruchsserie durch aufpoppende Posts und neue Likes in den Bildern dieses Films präsent – de facto besteht der Mob aber nur aus Kranzbühler-Bernd und seinem verzagten Helfershelfer Siggi. Auf der anderen Seite verweigert der Falke- und Grosz-Chef bei der Suche nach Maja Kristeva die Unterstützung durch die Kavallerie: Statt Hundertschaften den Wald durchkämmen zu lassen, in dem die junge Frau sich versteckt hält, gibt's zwei Hunde und drei Polizisten als Verstärkung.

So richtig plausibel ist das nicht: "Er will kein Öl ins Feuer gießen", sagt Falke zu Grosz, als er die Nachricht überbringt, dass nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Dabei spräche doch alles dafür, dass die Polizei auffährt, was das Personal hergibt, wo es endlich eine Spur gibt, mit deren Hilfe eine Beteiligte der Einbruchsserie dingfest gemacht werden könnte. Allein schon, um dem Druck von Bürgerforen und Medien (die Radiosendung am Anfang wirkt leider ein wenig arg übersteigert) etwas entgegenzusetzen.

Auf eine gewisse Weise ist das Kammerspielhafte an Treibjagd aber auch tröstend. Es fehlt dem Film offenbar an Geld, um so richtig Alarm zu machen und eine gepflegte Komparserie durch die Landschaft zu schicken. Und so ist der dramatisch wirkende Fall am Ende eine Schnitzeljagd von fünf Leuten.

Überflüssig wirkt lediglich der Mord in der Nachspielzeit. Wenn der Kranzbühler-Dieter vom Krankenbett aus die Friedensbotschaft an Bruder Bernd gesendet hat (keine weitere Schuld auf sich laden!) und Falke und Grosz schon am Start sind, um die Gemüter zu beruhigen, muss sich Maja Kristeva mit sinnlosester Handlung hervortun und in den Bernd stechen. Hätte sie Kranzbühler-Dieter getötet, hätte man das als Racheakt für ihren toten Freund vielleicht verstehen können, aber warum den ihr völlig unbekannten Bernd?

Der Film bastelt sich daraus ein schickes Vergeblichkeitsgefühl für den Schluss – Teho Teardo und Blixa Bargeld singen schön von A Quiet Life, während die Kamera ergriffen einmal alle Schauplätze durchgeht. Aber gerade weil die Handlung so abwegig ist, kommt man nicht umhin, in der Aktion vor allem die Hilflosigkeit des Buchs zu sehen, das noch einen feschen Abgang brauchte aus seiner Geschichte.