Christian Petzold arbeitet gerne in Trilogien – im Film, aber auch im Fernsehen. Drei "Polizeiruf"-Folgen hat er gedreht, immer mit Matthias Brandt und Barbara Auer. In der dritten und letzten, die nun ausgestrahlt wird, nimmt Brandt als Kommissar nun Abschied.

ZEIT ONLINE: Herr Petzold, Ihr neuer Polizeiruf heißt Tatorte – stammt der Gag von Ihnen?

Christian Petzold: Ja. Ich wollte schon immer mal einen Polizeiruf machen, der Tatort heißt. Oder einen Tatort, der Polizeiruf heißt. Nur, um die Leute durcheinanderzubringen.

ZEIT ONLINE: Hat die ARD das so durchgewunken?

Petzold: Ursprünglich lautete der Titel Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zwei Beine hast? Der war so lang, dass die Hörzu ihn sicher nicht ins Kästchen gebracht hätte. Daher gab es keine Diskussion.

ZEIT ONLINE: Sie gelten als großer Figurenerfinder des deutschen Films. Ist es Ihnen nicht schwergefallen, einen schon bestehenden Seriencharakter wie Hans von Meuffels, gespielt von Matthias Brandt, zu übernehmen?

Petzold: Nein, ich fand es einfacher. Das Drehbuch zu meinem ersten Münchner Polizeiruf: Kreise habe ich in drei Wochen geschrieben. Und es hat mir großen Spaß gemacht, etwas innerhalb einer bestehenden Struktur zu erfinden. Wenn man einen Kinofilm macht, muss der für sich allein bestehen, in der Welt, auf Festivals. Wenn man einen Fernsehfilm macht, gibt es vorher die Tagesschau und nachher Anne Will. Da befindet man sich in einem Gemeinwesen und muss eine Baulücke füllen.

Viel schwieriger ist es, einen Charakter völlig neu zu erfinden. Meuffels Figur steht in der großen Tradition von Georges-Simenon-Figuren: Männer, die mit hochgeschlagenen Mantelkragen und feuchten Trenchcoats über Bahngleise gehen, eine Kneipe betreten und dort einen Wein trinken. Man weiß nicht, ob sie einsam sind oder allein. Diese Aura hat Meuffels auch.

ZEIT ONLINE: Man beklagt häufig, dass es so wenig vielseitige Frauenfiguren im deutschen Fernsehen gibt. Ich finde aber, es mangelt ebenso an facettenreichen männlichen Charakteren.

Petzold: Im amerikanischen Kino ist der gereifte, erschöpfte Mann eine große Figur: Humphrey Bogart, Edward G. Robinson. Die Darsteller der schwarzen Serie sind alle keine Machos, sondern Menschen mit Lebenserfahrung. Der fehlt in der deutschen Fiktion: der lebenserfahrene Mann.

ZEIT ONLINE: Neu erfunden haben Sie Meuffels Kollegin und spätere Geliebte Constanze Hermann, gespielt von Barbara Auer. 

Petzold: Constanze ist auch so eine Figur, die im Trenchcoat über die Bahngleise läuft. Beide sind beschädigte Menschen – warum, wissen wir nicht. Im ersten Moment hassen sie sich, weil sie sich im anderen wiedererkennen. Die Liebesgefühle, die sie dann füreinander empfinden, machen ihnen Angst, weil sie zu Kontrollverlusten führen könnten.

 ZEIT ONLINE: Also haben Sie eigentlich keinen Sonntagabendkrimi, sondern eine Liebesgeschichte geschrieben?

Petzold: Ja, ich wollte von Anfang an eine Etappenliebe erzählen: sich verlieben, sich versprechen, sich wieder trennen.

ZEIT ONLINE: In diesem dritten und letzten Fall hat Constanze Hans von Meuffels verlassen. Und er hat nicht einfach Liebeskummer, er ist liebeskrank.

Petzold: Er kann nicht mehr, er kann auch seinen Beruf nicht mehr. Manchmal versteckt er seinen Schmerz, manchmal ist ihm alles egal. Manchmal ist er ohne Witz und dann wieder wahnsinnig witzig. In dem Moment, in dem ihm das Leben abhandenkommt, zeigt er noch mal, was für ein toller Mensch er ist.

Ich habe gerade mit meinen Brüdern das Haus meiner Eltern aufgelöst. Wir haben alles auf den Container geschmissen, jede Porzellanvase, weil uns alles so hässlich vorkam. Dann kamen aber Leute und haben aus diesen Containern Dinge rausgeholt und mitgenommen. Ein paar von den Sachen habe ich dann bei Nachbarn auf der Fensterbank gesehen. Und als sie da standen, für sich allein, dachte ich: echt nicht schlecht. Wenn man die Dinge verliert, entfalten sie noch einmal kurz ihre Grandezza, ihre Schönheit, ihren ursprünglichen Zauber. So ungefähr hatte ich mir das für Meuffels' letzten Fall vorgestellt.

"Die Zigarette in der Hand bedeutete: Ich mach nicht mehr mit"

"Inzwischen bin ich nur noch Dampfer, das ist das Methadon für Raucher." © Caroline Scharff für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Es gibt eine großartige Szene, in der Meuffels nach Hause kommt: Überall stehen Constanzes Umzugskartons herum und dann holt er, der große Ästhet, sich diesen wahnsinnig hässlichen Plastikwaschkorb und will anfangen, zu bügeln. Bis er merkt, dass sie das Dampfbügeleisen mitgenommen hat.

Petzold: Er, der Verlassene, will sich eigentlich vormachen, dass alles so ist wie vorher. Ich bin alleine, ich mach mir ein Tablett vor dem Fernseher, ich bügle selber, ich höre dabei Musik, ich liebe das. Früher nannte man das Junggesellenmaschine. Wenn meine Frau und die Kinder weg sind, kommt die auch bei mir zum Vorschein. Da bügle ich auch gerne und genieße es, alleine zu sein. Meuffels macht sich das aber nur vor. Er kommt nicht gut klar. Im Grunde ist er froh, dass Constanze das Bügeleisen mitgenommen hat: Denn jetzt hat er einen Grund, sie anzurufen. Sie finden auch gleich wieder ins Gespräch, Constanze lacht, sie sprechen über die Arbeit. Aber als er zum zweiten Mal in der Wohnung ist, mit einem neuen Dampfbügeleisen, kann er nicht mehr. Er schafft es nicht mal, die Gebrauchsanweisung lesen. Diese Erschöpfung zu zeigen war mir wichtig.

ZEIT ONLINE: Es geht in Tatorte auch viel um Kommunikation oder, genauer, um die Abwesenheit von Kommunikation. Als sich Meuffels und Constanze kennenlernten, haben sie nicht viel gesprochen, viel funktionierte über Blicke, über die Musik, die sie hörten. Jetzt hat Meuffels eine junge, übermotivierte junge Kollegin (Maryam Zaree) an seiner Seite, und die Gespräche bei ihren gemeinsamen Autofahrten funktionieren gar nicht.

Petzold: Meuffels hat überhaupt kein Interesse mehr an anderen Menschen. Er hat sich asozialisiert, steht kurz vor der äußeren und inneren Kündigung. Und er bekommt jetzt eine junge Frau an die Seite gestellt, die ihm sagt: Ich wollte mein ganzes Leben lang nur neben Ihnen sitzen, Sie sind mein großes Vorbild. Das Vorbild aber ist völlig erschöpft und kann die neue Schülerin nur enttäuschen, weil in ihm alles tot ist. Das nervt ihn und macht ihm gleichzeitig ein schlechtes Gewissen.

Diese Erfahrung habe ich als Filmstudent selbst gemacht. Die Dozenten, die ich so toll fand, hatten auch schon 20 Jahre akademische Laufbahn hinter sich, und insgeheim dachte man sich: Ach, sei doch wieder so wie früher.

Ein Vorbild, das keines sein will: Kommissar Meuffels (Matthias Brandt) mit seiner neuen Kollegin Nadja Micoud (Maryam Zaree) im Münchner "Polizeiruf". © BR/Claussen + Putz Filmproduktion Gmbh /Christian Schulz

ZEIT ONLINE: Mir gefällt, dass Sie die Zigarette als Schmiermittel der Kommunikation wiederaufleben lassen.

Petzold: Ich war ja selbst lange Raucher – inzwischen bin ich nur noch Dampfer, das ist das Methadon für Raucher. Früher war Rauchen völlig selbstverständlich im Film. Wenn Yves Montand eine Zigarette rauchte, war das Ausatmen ein innerer Monolog. Wenn jemand rausging, sich eine Zigarette anzündete und der Rauch aufstieg, dann konnte man damit Gedanken visualisieren. Das ist die Zigarette nicht mehr. Sie ist von einer wahnsinnig gewordenen Gesundheitspolitik aus den Innenräumen, aus dem sozialen Leben und somit aus dem Film entfernt worden. Leider haben wir noch keinen Ersatz gefunden.

ZEIT ONLINE: Was vermissen Sie an der Zigarette?

Petzold: Früher hatten wir gewerkschaftlich verordnete Raucherpausen. Rauchen war ein Grund, sich aus dem Strom der Arbeit, der Notwendigkeiten zu verabschieden. Die Zigarette in der Hand bedeutete: Ich mach nicht mehr mit. Die Zigarette war eine Pause, eine Lebenspause. Heute betrachtet man Raucher als Leute, die die Kontrolle über sich verloren haben: Als arme Schweine, Subproletariat. Man kann doch zwei, drei Lebensjahre opfern, wenn man dafür die anderen Jahre ein bisschen auffüllt. Aber dieser Gedanke ist völlig verpönt. 

ZEIT ONLINE: Viele Kulturtechniken sind nicht mehr filmbar – telefonieren, Schallplatten hören. Im seriellen Erzählen flüchten sich Regisseure inzwischen in Retrooptiken oder Fantasiezeitebenen.

Petzold: Diese Fantasiewelten, die im Writer's Room entstehen, gefallen mir in letzter Zeit nicht mehr. Ich finde englische Miniserien wie Bodyguard und River fantastisch, weil sie aus dem schöpfen, was da ist. Die Bildungsmisere ist fatal, die Städte sehen verfickt aus, die Immobilienschweine haben alles kaputtgemacht. In dieser Welt müssen wir Geschichten finden. Wir müssen sie ihr entwenden und sie wieder auf diese Welt losschießen. Wir müssen uns verzaubern, damit wir es hier aushalten.

Der Münchner "Polizeiruf: Tatorte" läuft am 16. Dezember um 20.15 Uhr im Ersten und ist dann in der ARD-Mediathek abrufbar.