"Sharp Objects"

Diese Heldin schwankt so sehr, dass man sie ständig stützen möchte. Camille Preaker (Amy Adams) ernährt sich von Wodka, den sie in Plastikwasserflaschen tarnt. Ihre eigentliche Droge aber ist der Schmerz. Sie sticht sich Nadeln unter die Fingernägel und ritzt Wörter in ihre Haut. Wie ein riesengroßes Tattoo erstrecken sie sich über ihren Körper.

Doch Camille ist eben auch eine Rebellin, eine lonely rider, die den Saloon betritt und die Blicke der Dörfler an sich abprallen lässt. Die immer einen halben Schritt danebensteht, wenn die anderen so tun, als sei alles in Ordnung. Als Reporterin kehrt sie in der HBO-Serie Sharp Objects nach Missouri in ihren Heimatort Wind Gap zurück. Zwei Mädchen sind dort ermordet worden. Und natürlich haben diese Taten viel mit Camilles eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen zu tun.

Die großartige Drehbuchautorin Marti Noxon (unReal, Dietland) hat für HBO den Debütroman von Gillian Flynn (Gone Girl) adaptiert, der in Deutschland unter dem Titel Cry Baby erschienen ist. In ihrer verschwitzten und verkommenen Atmosphäre erinnert die achtteilige Serie an True Detective, der Regisseur Jean-Marc Vallée (Big Little Lies) hat aber mit dem riesigen viktorianischen Herrenhaus von Camilles Mutter (großartig: Patricia Clarkson) einen ganz eigenen Filmort des Schreckens geschaffen.

Sharp Objects lässt einen nicht los – und gleichzeitig will man die letzte Folge so lange wie möglich hinauszögern. Vielleicht, weil man diese eigenartig somnambule Spannung nicht zerstören will, vielleicht aber auch, weil man eigentlich gar nicht wissen will, wer das Monster ist. Zu Recht. Es ist schlimmer, als man denkt.
(Carolin Ströbele)

Die acht Episoden von "Sharp Objects" sind unter anderem auf Amazon, Maxdome, Microsoft und Sony abrufbar.