Hanns von Meuffels ist die Conny Mey des Polizeirufs. Wenn mit der 14. Folge an diesem Sonntagabend nach sieben Jahren die Dienstzeit des Münchner Ermittlers zu Ende geht, bedeutet das den Abschied von einer beliebten Figur.

Der Titel der Abschlusssause gibt den Ton vor: Tatorte (BR-Redaktion: Cornelia Ackers, redaktionelle Mitarbeit: Tobias Schultze) als Name eines Polizeirufs ist schon mal ziemlich lustig. Und Spaß scheint die ganze Sache gemacht zu haben (Buch und Regie: Christian Petzold). Die von Maryam Zaree (die im Tatort Berlin die Gerichtsmedizinerin gibt) gespielte Einmalkollegin für diesen Fall heißt Nadja Micoud – hinten also wie der elegante Franzose Johan, der in den Nullerjahren im Mittelfeld von Werder Bremen die Fäden zog. Lustig ist weiterhin, wie Meuffels (Matthias Brandt) einen ambitionierten Kommissarsschüler veralbert, als er den Grund seines Besuchs an der Polizeiakademie erklärt: "Ich scoute. Das geht bei uns wie beim Fußball, wir suchen Talente."

In Wirklichkeit ist der merveillöse Meuffels nur zu Gast, um seiner Verflossenen hinterherzutrauern, in die ihn die beiden vorherigen Petzold-Filme Kreise und Wölfe verliebt haben – der von Barbara Auer mit Grandezza gespielten Constanze Hermann. Die veranstaltet an der Akademie Theater: Sie richtet Mordszenen ein, in denen der Nachwuchs das Lesen von Spuren lernen soll.

Das verschafft dem Film tolle Momente, wenn Hermann durch das jedes Mal ploppende Mikrofon der Gegensprechanlage in ihrer Regisseurinnenkanzel mit ihrem rätselnden Studierendentrupp kommuniziert – darunter eine herrliche "Ergo"-Sagerin, was sich als Material für Witze noch eine ganze Zeit durch diese Folge zieht.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der eigentliche Fall ist dabei fast von untergeordneter Bedeutung: Eine Frau, alleinerziehende Mutter eines Kindes, ist in einer ziemlich drastischen Szene zu Beginn umgebracht worden. Alles scheint auf den Vater des Kindes als Täter zuzulaufen, ehe gegen Ende noch ein Altfall hervorgekramt wird. Dass dessen Lösung mit Verlusten einhergeht – Micoud wird, ebenfalls ziemlich drastisch, erschossen, woraufhin Meuffels den Verdächtigen erschießt –, scheint wiederum eher dem bündigen Abschluss der Geschichte zu dienen: Nadja Micoud ist so fix verschwunden, wie sie aufgetaucht war (in Erinnerung wird sie dennoch bleiben), und Meuffels hat einen Grund, sich aus dem Ermittlergeschäft zu verabschieden.

Dieses Dienstende erzählt Petzold einerseits als melancholische Liebesgeschichte, die, wie es den Figuren entspricht, nicht tragisch, sondern versöhnlich endet: mit Meuffels und Hermann gemeinsam vor dem Fernseher – den Stan-und-Ollie-Film Blockheads (Die Klotzköpfe) von 1938 guckend, in dem sich das ungleiche Paar nach 20 Jahren der Trennung wiederfindet.

Und andererseits handelt Tatorte auf sehr vergnügliche Weise von den Bedingungen des Geschichtenerzählens – also von dem Unterschied zwischen Illusion und Realität. Denn ein Film ist, auch wenn er die ganze Zeit so tut, als wäre er das nicht, letztlich nichts anderes als das, was Hermann mit ihren Schülern macht oder der Swingerclub ("'Zwanglos II', Rosenheimer Straße") für seine Klienten: ein Ort, an dem Geschichten eingerichtet werden.

"Das ist doch scheiße, das ist wie im Fernsehen"

Constanze Hermann (Barbara Auer) testet einen ihrer Tatorte, die sie für Polizeischüler einrichtet. © BR/Claussen + Putz Filmproduktion Gmbh /Christian Schulz

Dazu gehört auch der finale Clou, der den Mann und die Frau wieder zusammenkommen lässt: Meuffels stürmt in die Wohnung von Hermann und findet Spuren, die auf einen Liebhaber deuten – Sportschuhe und Socken, Geräusche unter der Dusche im Bad, in das er kurz schaut wie in einem Theaterstück. Was er dort gesehen hat, bleibt das Geheimnis des Films – also ob dort wirklich ein fremder Mann sich gewaschen hat oder ob das Ganze nur eine Anordnung war, die sich Hermann ausgedacht hat, um in diesem Film zu Meuffels zurückzufinden.

Die unterhaltsame Reflexion über den Krimi führt in dem Polizeiruf bis in die Dialoge. Inmitten eines solchen Gesprächs fragt Meuffels einmal Frau Micoud auf der gemeinsamen Autofahrt: "Warum sind Sie sich sicher, dass die Frau nicht Christine Pasewalk ist, Harry?" Und das ist einer der, wiederum, lustigsten Sätze, die jemals in einem ARD-Sonntagabendkrimi gesagt worden sind, weil er sich über die Routine des ZDF-Klassikers Derrick amüsiert: dass da zwei Leute sitzen und sich nur deshalb Sachen erzählen müssen, damit die Zuschauerin zu Hause Informationen bekommt.

"Das ist doch scheiße, das ist wie im Fernsehen", klagt Meuffels im Fernsehen über die Pausen, die die Kollegin lässt, damit er eine Frage stellen kann. Und doch findet der Film selbst später wieder in das Gespräch, wenn Meuffels am Tatort – zugegeben: etwas overactend – Micoud braucht, um das Geschehene nachzuspielen.

Die Frage nach dem Reden bedeutet aber auch die Sinnkrise des Kommissars. Denn je länger Micoud ermittelt und Meuffels ihre Ergebnisse vorträgt, desto öfter fragt man sich, wozu es den Vorgesetzten überhaupt braucht. Mit der Kollegin in den Dialog zu treten, heißt hier auch, die Arbeit zu machen. Hübsch ist überdies, wie die Kollegin sich von dem maulfaulen Protagonisten emanzipiert: Wenn Meuffels ihr Beatles-Geschichten erzählt, um klugscheißerisch Analogien zum eigenen Tun herzustellen, und besserwisserisch Geschmack abchecken will ("Mögen Sie die Beatles?"), entschlägt sich die junge Frau souverän der Prüfungssituation: "Ruby Tuesday, Sympathy for the Devil und ganz viele mehr." Mit Stones-Songs auf Beatles-Fragen zu reagieren – das ist, wie einen Polizeiruf Tatorte zu nennen.

Auch wenn die Spannung in der zweiten Hälfte des Films etwas abfällt: Der letzte Polizeiruf mit der Meuffels-Figur ist ein kluger, tiefer Film mit vielen Schönheiten. Dass mit Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) die einstige Assistentin, die nach fünf Folgen die Soloshow des eigenbrötlerischen Mannes verlassen hatte, einen kurzen Auftritt bekommt, ist angemessen würdevoll. Oder dass – der Tatort des Films ist ein Autokino – im Fernsehen aufs Kino geschossen wird ("Die fünfte Kugel haben wir in der Leinwand gefunden, unten rechts") – das ist ein schöner Witz auf die deutschen Verhältnisse bei der Filmproduktion.

Matthias Brandt wird dieser erhalten bleiben, gestärkt durch die Popularität, die der Polizeiruf ihm verschafft hat. Dass Hanns von Meuffels verschwindet, ist schade – dass er das aber in einer solchen letzten Folge tut, ist tröstlich.