Zuerst dringen nur Geräusche ans Ohr. Schritte, Hundegebell, ein Besen, Autos – der Sound eines Hofs, einer Straße, einer Stadt. Bodenkacheln kommen ins Bild, ein Schwall Putzwasser, die Wolken spiegeln sich darin. Ein Flugzeug quert das Himmelsgeviert, die große Welt im Kleinen, so beginnt es. Mit dem Himmel in einer Pfütze.

Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón hat mit Werken wie Gravity und Harry Potter und der Gefangene von Askaban in Hollywood Karriere gemacht, jetzt kehrt er nach Hause zurück. Nach Roma, dem bürgerlichen Viertel von Mexiko City, in dem er aufwuchs. In seine Kindheit Anfang der 70er Jahre. Das Elternhaus, das Mobiliar, die Autos, die WM-Poster, die Physiognomie der Protagonisten – alles entspricht exakt Cuaróns Erinnerung. Und dem, was er sich von "Libo", Liboria Rodríguez, dem Dienstmädchen der Familie erzählen ließ. "Es ist mein erster Film", sagt Cuarón, "der, den ich immer schon machen wollte."

"Roma" erzählt vom Zusammenhalt der Frauen

Auf der Leinwand heißt sie Cleo. Sie wäscht, bügelt, räumt auf, kocht mit Adena, die auch aus dem Dorf kommt, schrubbt im Innenhof die Hundehaufen weg, weckt die vier Kinder, bringt sie ins Bett. Von früh bis spät hält sie den Laden zusammen – um nachts mit Adena in ihrer winzigen Kammer noch kichernd Gymnastik zu machen. Bei Kerzenschein; die Herrschaft will Strom sparen.

Cleo, gespielt von der Laiendarstellerin Yalitza Aparicio, die tatsächlich vom Dorf kommt, ist das stille Gravitätszentrum von Roma. Eine kleine, korpulente, junge Frau aus dem Dorf, Analphabetin, manchmal wechselt sie vom Spanischen ins indigene Mixtec. Was immer geschieht, sie bleibt freundlich, kann mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen und strahlt eine innere Würde aus, die Sofia (Marina de Tavira), der Herrin des Mehrgenerationenhaushalts, abgeht. Dabei gibt es genug, was Cleo aus der Ruhe bringen könnte. Ein Erdbeben, soziale Unruhen, eine Totgeburt, eine Feuersbrunst, ein Badeunfall am Meer – und die treulosen Männer. Der Familienvater trennt sich, zieht aus, was Sofia den Kindern lange verschweigt. Cleo wird schwanger von Femin, einem Paramilitär und Martial-Arts-Afficionado, der sie ebenfalls sitzenlässt. Roma erzählt auch vom Zusammenhalt der Frauen.

Schwarz-Weiß-Film mit verblüffender Plastizität

Und vom Politischen im Privaten. Für das Corpus-Christi-Massaker im Juni 1971, bei dem paramilitärische Truppen 120 Studenten töteten, findet Cuarón wenige, schockierende Bilder. Die Tatsache, dass die Mittelschichtsfamilie über ihre Verhältnisse lebt, beschert dem Zuschauer komische Momente, wenn der Ford Galaxy in die Einfahrt hinter dem Eisentor manövriert werden muss – Millimeterarbeit, die nicht immer gelingt. Oder der groteske Charme der Bourgeoisie, der reichen Verwandtschaft mit ihrer Hacienda voller ausgestopfter Tiere.

Alfonso Cuarón zeichnet für Regie, Script und Schnitt verantwortlich, er hat auch die Kamera geführt und auf 65 Millimeter gedreht, in Schwarz-Weiß. Kein nostalgisches Rückblenden-Schwarz-Weiß, sondern ein digitales, mit tausend Farben Grau und einer verblüffenden Plastizität. Roma macht die Vergangenheit gegenwärtig, man lebt in ihr. In dem Patio mit den Hundehaufen, den Vogelkäfigen, der Eisenstiege zum Dach. Die Kamera wird zur Komplizin von Cleo, mit der gleichen Wachsamkeit, Tüchtigkeit, Diskretion. Die Darsteller erhielten nur die Dialoge für den jeweiligen Tag. Das Leben kennt auch kein Drehbuch.

Goldener Löwe in Venedig

Roma ist der schönste Film des Jahres, in Venedig gewann er den Goldenen Löwen. Ein Glück, ein Trauerspiel: Der Film wird von Netflix herausgebracht, weltweit online ab 14. 12., limitiert vorab im Kino. Sehr limitiert. Mehr als der CoenWestern The Ballad of Buster Scruggs, der hier nur online startete, markiert Roma eine Zeitenwende: den Beginn einer Ära, in der die Magie der Leinwand auch Filmen verwehrt bleibt, die ihre Magie erst im großen Format entfalten.