Schon früh im Dokumentarfilm RBG von Julie Cohen und Betsy West erklären Politiker und konservative Experten, wie gefährlich Ruth Bader Ginsburg sei. "Monster", "Hexe", "Zombie" nennen sie sie. Das ist eine ziemlich heftige Wortwahl für eine 1,55 Meter kleine, 85-jährige Großmutter, die nie ihre Stimme erhebt, weil sie von ihrer Mutter gelernt hat, dass Wut Zeitverschwendung ist. Aber machen wir uns nichts vor. Diese Frau hat Macht.

Ruth Bader Ginsburg war heute vor 25 Jahren die zweite Frau, die an den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten berufen wurde – die erste war die Republikanerin Sandra Day O’Connor –, aber keine andere Richterin hat die amerikanische Volksfantasie so sehr beflügelt wie diese winzige Frau mit der großen Brille.

Ginsburg hat eine große Anhängerschaft unter den Millennials, die sie liebevoll nur RBG nennen. Die damalige Jurastudentin Shana Knizhnik startete 2013 einen Tumblr und nannte ihn Notorious RBG, eine Mischung aus dem Kürzel der Richterin und dem Namen des verstorbenen Rappers Notorious B.I.G. Zwei Jahre später brachte Shana Knizhnik gemeinsam mit Irin Carmon ein Buch mit demselben Titel heraus. Inzwischen ist Ginsburg auch als Actionfigur erhältlich; in Los Angeles widmet ihr seit Kurzem ein Museum eine Ausstellung; in Washington, D. C., gibt es einen Laden, der größtenteils RBG-Merchandising vertickt. Der Shop heißt The Outrage, auf Deutsch: Die Empörung. Und im Sommer wurden drei Ziegen nach Montpellier gebracht, um den in der Hauptstadt des Bundesstaates Vermont wuchernden Gemeinen Efeu zu fressen. Sie heißen Ruth, Bader und Ginsburg.

Woher kommt dieser Kult? Der Frage widmen sich gleich zwei Filme. Bereits vergangene Woche kam der Dokumentarfilm RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit in die deutschen Kinos. Die Berufung, ein Hollywoodbiopic mit Felicity Jones als Ginsburg und Armie Hammer als deren Ehemann, läuft in Deutschland am 8. März 2019 an. In den USA startet der Film genau 25 Jahre nach Ginsburgs Benennung zur Obersten Richterin am 25. Dezember 1993. Obwohl beide Filme viel weniger revolutionär sind als die eigentliche Frau, sind es relevante Beiträge, die zeigen, wie sie das US-amerikanische Rechtssystem im Kampf um die Gleichstellung von Männern und Frauen verändert hat.

Ruth Bader Ginsburg 1953 in der Abschlussklasse der Cornell University © 2018 eOne Germany / Collection of the Supreme Court of the United States

Ruth Bader wurde 1933 als zweite Tochter eines jüdischen Paares in einem Arbeiterviertel von Brooklyn geboren. Ihr Vater stammte aus Odessa. Die Eltern ihrer Mutter waren Einwanderer aus Österreich. Mit 13 verfasste Bader eine Eloge auf die Charta der Vereinten Nationen. Später studierte sie an der renommierten Cornell University, wo sie auch ihren größten Bewunderer, ihren späteren Ehemann Martin Ginsburg, kennenlernte. 1957 begann sie als eine von nur neun Frauen unter 500 Männern ihr Jurastudium an der Eliteuniversität Harvard.

In einer der ersten Szenen von Die Berufung fragt der Dekan der juristischen Fakultät jede dieser neun Frauen während einer Dinnerparty in seinem Haus, warum sie einen Platz besetze, der einem Mann gehören könnte. In dem Spielfilm unter der Regie von Mimi Leder (Ginsburgs Neffe Daniel Stiepleman hat das Drehbuch geschrieben) gibt Ginsburg dem Dekan eine Antwort, gegen die er keine Einwände haben kann: "Mein Mann Marty ist im zweiten Jahr und ich bin in Harvard, um etwas über seine Arbeit zu erfahren; damit ich eine geduldigere und verständnisvollere Ehefrau sein kann." Das war mehr oder weniger das, was Ginsburg tatsächlich gesagt hat.