Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge"  besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Ein Wunder"

Italien steht kurz vor dem Referendum über den EU-Austritt, und eine Marienstatue weint Blut. Schon die Kurzbeschreibung der achtteiligen italienischen Miniserie Ein Wunder (Il Miracolo) macht ziemlich neugierig. Polizisten finden die Madonna im Unterschlupf eines Mafiabosses, der Geheimdienstleiter macht sie zur Chefsache, ein Pilgeransturm auf Rom würde schließlich die öffentliche Sicherheit gefährden, besonders in der angespannten politischen Situation. Und so steht der junge Ministerpräsident Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino, bekannt aus der großartigen Politserie 1992) etwas konsterniert in dem streng geheimen unterirdischen Schwimmbad, in dem die Madonna unbeirrt vor sich hinblutet.

Während sich in der Realität die meisten sogenannten Wunder als Fälschungen erwiesen (in Italien gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Fälle blutender Statuen), kommt in der Serie die Wissenschaft dem Phänomen nicht bei. Die Forscherin Sandra Roversi (Alba Rohrwacher) kann nur feststellen, dass die kleine Plastikstatue pro Tag zehn Liter (!) Menschenblut absondert. Sie selbst ist allerdings die Erste, die ihre fachliche Distanz verliert – heimlich steckt sie ein Reagenzglas mit Blut ein und hofft, damit ihrer im Wachkoma liegenden Mutter helfen zu können.

Auf seinem persönlichen Kreuzweg: der Priester Marcello (Tommaso Ragno) © Montesi Antonello/arte

Die schillerndste Figur in dieser ersten TV-Serie des italienischen Romanautors Niccolò Ammaniti ist der Priester Marcello (Tommaso Ragno), der bei Nacht als eine Art Bad Lieutenant durch die Spielhallen und über den Straßenstrich von Rom irrlichtert. Auch er wird nach seiner Begegnung mit der Marienstatue ein anderer Mensch – oder liegt es nur daran, dass er seine Tabletten mit den starken Nebenwirkungen abgesetzt hat? Wie der Glauben das Bewusstsein beeinflusst, und wie groß die Sehnsucht nach Spiritualität in modernen Gesellschaften ist, zeigt Ein Wunder sehr sinnlich, bildgewaltig und voller Anspielungen auf das Horror- und Mafiafilmgenre. 

Daher ist auch die Warnung, die am Anfang jeder Episode steht – "Dieses Programm ist nicht geeignet für Kinder, Jugendliche und empfindsame Zuschauer" – durchaus berechtigt. Nicht, weil die Serie besonders brutal wäre. Sondern, weil sich der unheimliche Sog, den diese kleine Statue ausübt, tatsächlich auch auf die Zuschauer überträgt.  
(Carolin Ströbele)

Alle acht Episoden sind bis 23. Februar in der arte-Mediathek abrufbar. Im linearen Fernsehen sind sie ab 10. Januar immer donnerstags um 20.15 Uhr zu sehen.