Colette reiht sich mit dieser überkonventionellen Erzählung ein in eine Reihe anderer Biopics der letzten Jahre ein: Paula über Paula Modersohn-Becker, Coco Chanel. Der Beginn einer Leidenschaft über die französische Modeschöpferin, Königin der Wüste über die Abenteuerin Gertrude Bell oder zuletzt Astrid über die Jugendjahre von Astrid Lindgren. All diese Filme folgen einer ähnlichen Erzählstruktur: Hübsches junges Mädchen lernt einen Mann kennen, verliebt sich, erlebt durch ihn ihre erste Enttäuschung, beschließt, sich das nicht gefallen zu lassen, kanalisiert die Wut in ihre Kunst und wie durch ein Wunder entsteht dabei etwas Grandioses. Der Ausgangspunkt für das weibliche Werk, überhaupt für das Leben dieser Frauen, ist in diesen unerhört konventionellen Erzählungen fast immer der Mann, von dem sich die Heldin dann befreit. Bei Modersohn-Becker zum Beispiel ist es ihr Otto: Weil der nicht mit ihr schlafen will, verschwindet Paula nach Paris. Es ist nicht die Kunstmetropole, die sie reizt, nein, es ist das Verhalten ihres Mannes, das sie aus Worpswede vertreibt.

Bei Coco Chanel, so stellt es die Regisseurin Anne Fontaine dar, kommt die Idee zum eigenen Hutgeschäft, das später zum Hause Chanel wird, erst dadurch auf, dass Boy Capel sie nicht heiraten kann. Und Gertrude Bell, die immerhin Ende des 19. Jahrhunderts ganz allein durch die Wüsten des Nahen Ostens streifte, soll, so versteht man das bei Werner Herzog, dieses sehr spezielle Leben primär deshalb aufgenommen haben, weil ihr Verlobter verfrüht starb.

Auch was man diesen Frauen in den Mund legt, ist teilweise haarsträubend. Nicole Kidman, die Getrude Bell spielt, muss zum Beispiel am Ende des Films sagen: "Ich bin nur eine Frau, die ihren Mann vermisst." Dass diese Frau da gerade als einzige weibliche Diplomatin mit 39 Männern, darunter Winston Churchill, auf der Kairo-Konferenz 1921 über die Zukunft des Iraks debattiert, tut nichts zur Sache. Denn sie ist eben nur eine Frau, und die braucht einen Mann.

Zum Glück gibt es auch Gegenbeispiele. In dem gerade erschienenen Film Mary Shelley von Haifa Al Mansour zeigt Elle Fanning die Emanzipation der Frankenstein-Autorin wirklich als eine glaubwürdige Entwicklung. Weil sie zeigt, dass die wahre Emanzipation für eine Künstlerin nicht die von einem Mann, sondern von den gesellschaftlichen Konventionen ist.

In Colette ist man von solchen Überlegungen weit entfernt. Alles bleibt oberflächlich und in weiten Teilen sehr gewollt. Der Film ist durchaus unterhaltsam, nett und ganz hübsch. Wäre Colette selbst so nett und hübsch und unterkomplex gewesen, man würde sich heute sicher nicht mehr an sie erinnern. Und kein Platz in Paris würde ihren Namen tragen.

"Colette" läuft ab 3. Januar in den deutschen Kinos.