Kann man als deutscher pop- und genreaffiner Seriengucker Doctor Who so verstehen und lieben, wie es die britischen Zuschauer tun? Ja und nein. Natürlich kann man diese Science-Fiction-Zeitreise-Serie mit allen ihren Verästelungen in Fantasy, Philosophie, Nonsens, Working-Class-Glamour und Zitatenreichtum einfach mögen, so wie man ja auch die Kinks, Monty Python, Orangenmarmelade und die Royals mögen kann. Sich vorzustellen, wie tief der Doktor (wie die vorgenannten Elemente der Popkultur) in die Britishness reicht und wie sehr die Serie zur medialen und Alltagsbiografie auf der Insel gehört, ist eher schwer, zumal in einem Land, das sich mit Doctor Who immer schwergetan hat. Die TV-Serie wurde in den Sechzigerjahren vom ZDF abgelehnt, es soll die Qualität der Drehbücher bemängelt worden sein, und überhaupt ging es in dieser Serie einfach nicht pädagogisch und ernsthaft genug zu.

In den folgenden Jahrzehnten wurde Doctor Who in ihren (sehr verschiedenen) Entwicklungsstufen bei den Privatsendern herumgereicht, etliche Episoden erst später auf DVD zugänglich gemacht und nie ein Kontinuum erzeugt wie in England, wo eine Verschiebung von Doctor Who vom Samstagabendprogramm ein Thema von nationaler Tragweite darstellt. Die Kinoableger (zuletzt sogar ein Special in 3-D), die auf der ganzen Welt in den Sälen zu sehen waren, kamen hier ebenfalls gerade einmal als DVDs auf den Markt, und die Romanserie wurde erst einmal in einem Kinderbuchprogramm versenkt. Nein, zum Kultstatus hat es der Doktor hier wahrlich nicht gebracht, im Gegensatz zu den USA, Südostasien und einigen europäischen Nachbarländern.

Doctor Who war und ist in Großbritannien und den USA so populär, dass in Romanen und Filmen immer wieder Bezug darauf genommen wird, und die zitatenreiche Serie ist wiederum selbst ein unerschöpfliches Reservoir für Verweise: Sowohl bei den Simpsons als auch bei Family Guy gibt es Doctor-Who-Anspielungen; natürlich zeigt der Riesenbildschirm in Futurama einmal Doctor Who, und selbst Star Trek, eine andere klassische Fernseherzählmaschine, kommt ohne Anleihen aus dem Whoniverse nicht aus. In The Big Bang Theory steht Sheldon jeden Samstagmorgen um 6.15 Uhr auf, um sich mit einer Schale voll Frühstücksflocken und genau einem Viertelliter Milch vor den Fernseher zu setzen, wenn Doctor Who gezeigt wird.

Woher kommt dieser Status einer Serie, die so fröhlich die Arsenale der Fantastik, wissenschaftlich oder nicht, plündert? Der Reihe nach.

Im Jahr 1962 beauftragte die BBC ihre für so etwas zuständigen Mitarbeiter, einen Stoff für eine eigene Science-Fiction-Serie zu entwickeln, die mit einem moderaten Budget die Attraktivität des Genres nutzen sollte. Die erste Folge, An Unearthly Child, erhielt allerdings nicht die Zustimmung der Redaktion und musste neu geschrieben werden. Ein Hinweis darauf, dass man es durchaus ernst meinte, ebenso wie mit der Wahl des Regisseurs Waris Hussein, der sich gerade mit Shakespeare-Inszenierungen einen Namen zu machen begann und sich, nach eigenem Bekunden, für eine gewöhnliche Science-Fiction-Serie eigentlich zu schade war.

Am 23. November 1963 wurde die erste Folge mit William Hartnell als Zeitreisenden endlich ausgestrahlt und fand beachtliche 4,4 Millionen Zuschauer. Im Monat darauf hatten die intergalaktischen Roboterschurken, die Daleks, ihren ersten Auftritt, die im langen Verlauf der Serie in immer neuen Varianten erscheinen sollten; im Februar 1964 erzielte die letzte Episode mit den Maschinenwesen 10,4 Millionen Zuschauer im Königreich.

Die bösen großen Brüder von R2-D2: Die Daleks bedrohen 1971 Jon Pertwee als Doctor Who. © Watford/Mirrorpix/Getty Images

Erst nach und nach wurden für die Serie die Zutaten entwickelt, die sie zum Klassiker machen sollten: die Begegnung mit realen und fiktiven Gestalten verschiedener Zeiten und historischer Ereignisse (den Anfang machte Marco Polo, gefolgt von Sherlock Holmes, Caesar und Kleopatra, einem Zeppelin-Angriff im Ersten Weltkrieg, dem Bau von Windsor Castle, dem Untergang der Titanic, der ersten Mondlandung). Nichts in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wo nicht der Doktor irgendwie seine Hände oder seinen allmächtigen Schraubenzieher im Spiel gehabt haben konnte. Natürlich die Tardis (Time And Relative Dimension In Space), das Gefährt des Doktors, innen geräumig und wundersam mitdenkend, außen eine Telefonzelle, wie man sie in allen britischen Ortschaften findet (oder fand), und schließlich die Wahl einer Begleitung, in aller Regel eine Frau aus England, aber auch einmal ein mechanischer Hund namens K-9, die dem Helden immer wieder Gelegenheit für ironische Dialoge gibt, von denen viele auf den emblematischen Satz hinauslaufen: "Ich bin der Doktor."

Aber Moment mal. Der Held ist, für Fans natürlich bekanntermaßen, als Time Lord letzter Repräsentant einer (mehr oder weniger) ausgestorbenen Spezies vom Planeten Gallifrey, aber warum eigentlich ein Doktor? Und Doktor Wer? Der Held hat keinen wirklichen Namen; wenn er einen braucht, wählt er so etwas wie John Smith. Das mit dem Doktor ist so eine Sache. Zwar erwähnt er gelegentlich, dass er sich hier und da bei seinen Zeitreisen einen entsprechenden Titel erworben habe, aber ehrlich gesagt: Wenn Doctor Who über sich selbst spricht, sollte man tunlichst nicht alles glauben. (Überhaupt könnte man, zumindest in etlichen Segmenten ihrer Entwicklung, die Serie als gewaltige Münchhauseniade ansehen.) Die Wahrheit sieht wohl eher so aus, wie der Held sie selbst in der Folge The Lodger formuliert: "I'm the Doctor. Well, they call me 'the Doctor', I don't know why; I call me 'the Doctor' too, still don't know why."

Einer der Begleiter des Doktors: Der mechanische Hund K-9 © Daily Mirror/Mirrorpix/Getty Images

Als William Hartnell aus gesundheitlichen Gründen den Dienst quittieren musste, verfielen die Showrunner auf einen Kniff, der eine der Hauptattraktionen von Doctor Who werden sollte. Sie dichteten dem Time Lord die Fähigkeit an, sich zu "regenerieren", das heißt, nach seinem Tod in neuer Gestalt wiedergeboren zu werden. Seitdem werden die Doktor-Darsteller in mal längeren und mal kürzeren Intervallen ausgetauscht, was eine ständige Erneuerung der Serie aus sich selbst heraus möglich macht. Diese Fähigkeit der Regeneration übertrug sich auf die Erzählmaschine selbst: Mit jeder neuen Gestalt, in die der Doktor sich regeneriert, ändert sich auch der Ton der Handlung, mal mehr klassische Science-Fiction, mal mehr Steampunk und mal mehr Alice im Wunderland. Mal ernsthaft apokalyptisch, mal ironischer.

Neugier, Humor und ein ziemlicher Exzentriker

Colin Baker im Jahr 1984 als Doctor Who vor seiner Tardis © Mirrorpix/Getty Images

Und dabei sucht der Doktor sich auch immer wieder neue Begleiter und Begleiterinnen, was unter anderem dazu führte, dass Doctor Who eine der Serien wurde, in denen People of Color Hauptrollen übernehmen konnten (auch im Königreich nicht immer so selbstverständlich, wie es heute scheinen mag). Und sie mussten auch nicht immer unbedingt aus dem intellektuellen Mittelstand kommen: Oft genug war die Mitreise in der Tardis eine Flucht aus eher bedrückenden Verhältnissen (und hinter dem fantastischen Nebel tauchten Schemen der britischen Wirklichkeit auf); die einzigen Bedingungen dafür, den Doktor auf seinen Zeitreisen zu begleiten, waren Neugier, Humor und die Bereitschaft, sich auf einen ziemlichen Exzentriker einzulassen.

Noch etwas gehört zu den variablen Konstanten von Doctor Who: die Titelmelodie. Sie stammt ursprünglich von Ron Grainer und Delia Derbyshire, die in den Sechzigerjahren für die BBC experimentelle elektronische Musik schufen und zusammen mit David Vorhaus das Projekt White Noise führten, ein Urknall der Grenzgängerei zwischen Pop und Kunstmusik am Computer. Das Stück wurde später immer mal wieder überarbeitet, aber der Effekt ist der gleiche: Wer diese Anfangsmusik einmal gehört hat, bekommt sie nicht mehr aus dem Sinn.

Der Trick von Doctor Who besteht also, neben der grandiosen Mischung der Genres, Stile und Tonlagen, darin, einer Erzählmaschine bei der Arbeit zusehen zu können. Kein Wunder also, dass sich bald ein mächtiges Drumherum entwickelte, die mit Spannung erwarteten Specials zu Weihnachten, die neuesten Nachrichten aus dem Whoniverse in Magazinen wie Doctor Who Annual, eine seit 1964 wachsende Romanserie und eine Reihe von Theaterstücken, in denen in der Regel ältere Doktoren ihre Rollen noch einmal aufnehmen, sowie eine Endlosserie von Doctor-Who-Hörspielen. Eine Besonderheit bieten auch spezielle Filme, in denen verschiedene Doktoren durch irgendwelche Zeitkapriolen aufeinandertreffen. Und die interessantesten Folgen sind natürlich jene, in denen die Regeneration des Doktors in einen neuen Körper stattfindet, in dem und mit dem der Time Lord sich erst einmal zurechtfinden muss.

Dass er diesmal einen weiblichen Körper bekommt, war eigentlich schon lange im Gespräch; genau gesehen hat es der Doktor selbst schon erwartet. Der elfte Doktor hatte schon geargwöhnt, dass er als Frau wiedergeboren werde, und zuvor hatte sich immer wieder der ein oder andere Hinweis auf eine weibliche Reinkarnation ergeben, sodass sich der Überraschungseffekt beim 13. Doktor beziehungsweise der Doktorin in Grenzen hielt. Die erste Doctor Who wird von Jodie Whittaker als etwas flippig-patente Macherin mit viel Intuition und etwas weniger Exaltation als gewohnt dargestellt. Zunächst bleibt aber auch hier die Frage offen, ob die Figur des Doktors überhaupt ein sexuelles Wesen ist.

Mit dem 13. Doctor Who kam auch ein neuer Showrunner an Bord der Tardis, Chris Chibnall, der mit Jodie Whittaker bereits in der Thriller-Serie Broadchurch zusammengearbeitet hatte, in der übrigens David Tennant (von 2005 bis 2011 der zehnte Doktor) den ermittelnden Detektiv spielt. Von dort kommt eine Tendenz, höchst private Details mit der dramatischen Haupthandlung zu verknüpfen. Alle Vorzüge der klassischen Serie finden sich nun auch in der neuen Staffel, wenngleich mit ein wenig mehr Effektspektakel und einer etwas umständlicheren Einführung der Hauptpersonen: Der beziehungsweise die Doctor Who hat nun ein kleines Team um sich versammelt, drei Begleiter mit sehr verschiedenem sozialen und persönlichen Hintergrund, was Gelegenheit gibt, einige Nebengeschichten zu etablieren (unter anderem die um den Jungen, der nicht Fahrrad fahren lernen konnte). Die Gastauftritte und Selbstreferenzen spielen nicht mehr ganz die Rolle wie früher, möglicherweise, um einem neuen Publikum den Einstieg zu erleichtern.

Dafür gibt es mit der Auseinandersetzung um einen Hexenprozess Gelegenheit für moralisch-ironische Geschichtsrevision, und gruppendynamische Spannungen spielen gleich mehrfach in die Storys hinein. Der Konflikt, eine ganz normale Serie für den Weltmarkt zu sein und zugleich die Versponnenheit des Whoniverse zu erhalten, ist an allen Ecken und Enden zu spüren: Das Bemühen, globales Family-Entertainment zu bieten, ist in der ersten Staffel um die 13. Regeneration so deutlich, dass es auf Kosten des Wunderland-Aspekts der Serie geschieht. In der Erzählmaschine wird ein bisschen zu sehr deutlich, was sich die Maschinisten gedacht haben. Der typische Flow ins Alles-ist-möglich und Achtet-auf-die-Kleinigkeiten ist noch nicht ganz wiederhergestellt. Es ist ja auch nicht leicht, sich auf eine 50-jährige Tradition zu beziehen und zugleich etwas Neues zu bieten.

Doch kommende Attraktionen sind für das Jahr 2020 im Whoniverse versprochen: Wieder einmal soll Neil Gaiman eine Episode schreiben, der neben Douglas Adams der Serie einen literarischen Kick gegeben hatte, und die Gerüchte wollen nicht verstummen, dass niemand Geringeres als Joanne K. Rowling zu den Autoren stoßen soll. Tatsächlich könnte die nächste Staffel wieder etwas Wagemut, wenn nicht gar den kleinen Schuss britischer Wahnwitzigkeit vertragen, für die wir sie so lieben. Bis der alles erklärende Satz fällt: "She's the Doctor."

Die 11. Staffel von "Doctor Who" läuft ab 31. Januar immer donnerstags um 21 Uhr auf dem Pay-TV-Sender Fox. Alle Episoden sind im Anschluss an die lineare Ausstrahlung über Sky Go, Sky On Demand, Sky Ticket, Vodafone Select sowie GigaTV verfügbar.