Die Hauptfigur des italienischen Achtteilers Ein Wunder ist eine Madonnenstatue aus solidem Plastik. Sie ist keine 50 Zentimeter groß, gut 2.300 Gramm schwer und ihr quillt eine rote Flüssigkeit aus den Augen. Derartiges kommt in katholisch geprägten Landstrichen gelegentlich vor. Nur hat noch keine der Gips- oder Kunststoffmadonnen in einschlägigen Wallfahrtsorten so viel und so ausdauernd geweint wie diese Serienmuttergottes. Ganze neun Liter pro Stunde vergießt sie, 24 Stunden am Tag. Es handelt sich, daran lässt die moderne Wissenschaft keinen Zweifel, tatsächlich um menschliches Blut, interessanterweise um das eines Mannes (Jesus? Der Schluss liegt zumindest sehr nahe), Blutgruppe Null (die sogenannte Universalspenderblutgruppe, mit der man jeden erlösen kann, zumindest medizinisch gesehen). Im geheimnisvollen Blutplasma können keine Erbkrankheiten nachgewiesen werden, allenfalls ein wenig Kalziummangel. Nur der Blutzuckerspiegel ändert sich, je nachdem, wann man die Probe entnimmt. Als hätte sich die Madonna (beziehungsweise Jesus) nachmittags ein Stück Kuchen gegönnt. Es gibt keine verborgene Pumpe, keine billigen Tricks, keine naturwissenschaftliche Erklärung. Auch darin unterscheidet sich die TV-Marienstatue von ihren Pendants in der Realität.

Der Ort des übernatürlich-blutigen Geschehens ist das Italien der Gegenwart oder nahen Zukunft. Das Land ächzt unter Korruption, sozialen Missständen und organisierter Kriminalität. Die allgemeine Unzufriedenheit schlägt sich in massiver Europaskepsis nieder. Nur noch wenige Tage, bis die Italiener per Referendum über den Verbleib in der EU entscheiden. In der grandiosen Eingangszene stürmt ein schwerbewaffnetes Sonderkommando das Versteck eines gefürchteten kalabresischen Mafiabosses und stellt fest, dass die Madonna ihnen die Arbeit schon abgenommen und den Paten in die Knie gezwungen hat. Nun steht sie in einer Schwimmbadbauruine am Stadtrand Roms, tropft wie ein kaputter Wasserhahn einen Riesenkanister nach dem anderen voll und wird skeptisch vom linksliberalen, europafreundlichen Premierminister Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino) begutachtet.

Die Feststellung, dass es sich hier wohl um "ein Wunder" handeln müsse, geht dem Staatsmann nur mit spöttischem Widerwillen über die Lippen. Steht doch dieses Wort für die größte aller Blasphemien in seinem säkular-pragmatischen, auf Machbarkeitskalkül gegründeten Wertekosmos. Der Einbruch einer unkontrollierbaren Macht ist Affront schlechthin für seinen bis dato unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Am liebsten würde er dem Vatikan die Verantwortung für das triefende Stück Plastik aufhalsen. Doch wenn dann fanatische Pilgermassen das Land stürmten, könnte die ohnehin angespannte Situation erst recht eskalieren, warnt ihn der Chef der Carabinieri. Mit Europa wäre es dann womöglich ebenso endgültig vorbei wie mit der politischen Karriere Pietromarchis. Es gilt also höchste Geheimhaltungsstufe für die Madonna. Diese kümmert sich wenig drum, schluchzt stetig tröpfelnd und seltsam ungerührt vor sich hin, während das Leben all derer, die mit ihr mittel- oder unmittelbar in Kontakt kommen, dramatisch aus den Fugen gerät.

Hinter diesem, in acht dicht komponierten Episoden exzentrisch in Szene gesetzten marianischen Blutkult steckt der italienische Bestsellerautor und Exportschlager Niccolò Ammaniti. Im vergangenen Jahr erschien hierzulande sein gefeierter Endzeitthriller Anna: Ein Killervirus hat im Jahr 2020 alle Erwachsenen dahingerafft, die übrig gebliebenen Kinder sterben mit Einsetzen der Pubertät. Auch als Drehbuchverfasser und Co-Regisseur von Ein Wunder erweist sich Ammaniti als Meister der apokalyptischen Stimmungslage. Bisweilen blickt einem aus den blutsprudelnden Plastikaugen der Jungfrau die kalte Gewissheit der Unheilsprophetin entgegen. Und es werden Zukunftsszenarien entworfen, die deutlich Schlimmeres verheißen als den drohenden Italexit. Ungute Vorahnungen wecken auch die Obertongesänge, die das dämonisch-frömmelnde Kindermädchen des Premierministers mit dem Rosenkranz in der Hand anstimmt.

Der suggestive Horror wird immer wieder von hartem Realismus durchbrochen: Die tristen, grellen Glücksspieltempel und der Straßenstrich Roms – Orte, die regelmäßig vom sex-, spiel- und tablettensüchtigen Pater Marcello (Tommaso Ragno) aufgesucht werden, bevor er hoffnungslos der untröstlich scheinenden Madonna verfällt. Die Unzufriedenheit der dunkel-funkelnden Schönheit Sole (Elena Lietti), Pietromarchis Frau, die versucht, sich durch spontane Seitensprünge und jede Menge Alkohol über die frustrierende Rolle der First Lady hinwegzutrösten. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt vor allem die Biologin Sandra Roversi (Alba Rohrwacher), die ein wenig von dem dickflüssigen Statuenblut aus dem Schwimmbad mitgehen lässt, um es ihrer im Wachkoma liegenden Mutter in die Suppe zu schütten. Die Mutter stirbt dennoch. Roversi entschlüsselt die DNA des Bluts und beginnt obsessiv von einem neuen Menschengeschlecht zu träumen.