Der Angeklagte erschien nicht im Büßergewand. Dazu erschien es Kevin Spacey wohl zu früh, immerhin handelte es sich nur um die erste Anhörung in seiner Strafsache. Allerdings erweckte er den Eindruck beträchtlicher Seriosität. In seinem grauen Anzug, unter dem er eine dunkle Strickweste trug, wirkte er kreditwürdig. Mit der blauen gepunkteten Krawatte setzte er lediglich einen diskreten Farbakzent.

Zu diesem Auftreten passt, dass seine Haare grauer geworden sind. Die meisten Zuschauer werden Spacey am Montag wohl zum ersten Mal ungeschminkt und mit ungefärbter Frisur gesehen haben. Der Schauspieler signalisierte damit Authentizität. Im kleinen Gerichtssaal in Nantucket fiel er jedoch rasch in seine vertraute Rolle zurück. Er ließ es zu, dass die zahlreichen Kameras ihn im Gespräch mit seinem Verteidiger bei einem Lächeln, fast einem Lachen ertappten, das gelassene Unbeugsamkeit demonstrierte. Als Bezirksrichter Thomas Barrett die Anklage verlas, nahm er dies gefasst zur Kenntnis. Zu Wort kommen musste er nicht, sein Verteidiger Alan Jackson plädierte auf "nicht schuldig".

Spacey wird beschuldigt, am 7. Juli 2016 den damals 18-jährigen Sohn der TV-Moderatorin Heather Unruh in einer hiesigen Bar in die Hose gegriffen zu haben, nachdem er ihn zuvor unter Alkohol gesetzt hatte. Das Delikt sexual assault and battery, also ein tätlicher sexueller Übergriff, kann im Bundesstaat Massachusetts mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet werden. Das Gericht vertagte sich auf den 4. März, an dem eine weitere Anhörung stattfinden soll, bevor der Prozess gegen den Schauspieler formell beginnt. Zu diesem Termin wird Spacey nicht persönlich erscheinen müssen. Das hatte seine Verteidigung sich schon für die erste Anhörung gewünscht, weil die Anwesenheit des Mannes, der als finsterer Präsident Frank Underwood in der Serie House of Cards von einem Millionenpublikum liebevoll gehasst wurde, die Geschworenen zur Voreingenommenheit verleiten könnte. Bezirksrichter Barrett entschied dagegen. Ebenso gab er dem Antrag der Anklage statt, die Telefongespräche des Opfers mit seiner Freundin nur für den Zeitraum nach der vermeintlichen Tat zur Beweisführung zuzulassen. Die Verteidigung hatte eine umfassende Freilegung der Gespräche gefordert. Spacey wurde auf Kaution freigelassen und unter der Auflage, in den nächsten Wochen keinen Kontakt mit dem Opfer aufzunehmen.

Kevin Spacey erscheint zu Anhörung vor Gericht Der Schauspieler Kevin Spacey darf sich einem mutmaßlichen Opfer nicht mehr nähern. Das ordnete ein Richter bei einer ersten Anhörung wegen angeblicher sexueller Übergriffe an. © Foto: Brian Snyder/Reuters

Vertreter der Aristokratie Hollywoods

Für den Ort Nantucket, der gerade einmal 11.000 Einwohner hat, ist der Prozess ein epochales Ereignis. Die beschauliche Hafenstadt kann sich langer, ehrwürdiger Traditionen rühmen. Neben Sag Harbor bildete sie einst das Zentrum des Walfangs an der amerikanischen Ostküste; von hier aus ließ der Schriftsteller Herman Melville 1851 die Pequod für ihre schicksalhafte Jagd nach dem weißen Wal Moby Dick in See stechen. Als Kevin Spacey am Montag auf das Kopfsteinpflaster vor dem Gericht trat, bewies er ein eigensinniges Geschichtsbewusstsein. Der graue Mantel, mit dem er sich vor der Winterkälte schützte, erinnerte mit seinem schwarzen Kragen an die standesgemäße Kleidung eines britischen Landadeligen. Der Schauspieler wollte niemanden vergessen lassen, dass er noch bis vor Kurzem zur Aristokratie Hollywoods gehörte.

Der Prozess hat weitreichende Bedeutung. Er markiert einen wichtigen Schritt in der Aufarbeitung eines Traumas, das im Herbst 2017 an die Öffentlichkeit kam. Er ist die juristische Affirmation eines Systemwechsels, der nach den Enthüllungen über Harvey Weinstein Hollywood und eigentlich die gesamte Arbeitswelt erschüttert. Nach Bill Cosby und Weinstein wird nun ein weiterer Beschuldigter, der sich zuvor unantastbar wähnen durfte, vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Seit Oktober 2017 wurden rund drei Dutzend Anschuldigungen der sexuellen Belästigung und Nötigung gegen Spacey erhoben, die sich nicht nur auf die Zeit beziehen, als er seine Machtposition als Co-Produzent der Netflix-Serie House of Cards und als Direktor des Traditionstheaters Old Vic in London ausgenutzt haben soll. Die erste Anzeige durch den Schauspieler Anthony Rapp reicht in die Neunzigerjahre zurück und führte zu keiner Anklageerhebung, da die Verjährungsfrist überschritten war. Jedoch sind gegen Spacey derzeit zwei weitere Verfahren in Los Angeles und London anhängig.

Sein gestriges Auftreten vor Gericht, vor allem das Video, das er am 24. Dezember ins Netz stellte, lassen keinen Zweifel daran, dass er sich als unschuldiges Opfer einer Kampagne darstellen will. Pünktlich zu Weihnachten, dem Fest der Freude und Verheißung, schlüpft er für den dreiminütigen Film in seine Paraderolle als Frank Underwood, in der er sich von allen Vorwürfen freispricht. Der Schauspieler, den niemand mehr engagieren will, reagiert auf seine Auslöschung aus dem öffentlichen Bewusstsein, in dem er seinen Beruf wieder ausübt. "Let me be Frank" hat er seinen filmischen Freispruch genannt und setzt damit auf die Doppeldeutigkeit im Englischen von Figurenname und Offenheit. Seinen Serientod habe er prächtig überlebt, im Übrigen habe man ihn ja auf dem Bildschirm gar nicht wirklich sterben sehen. Sodann steckt er sich maliziös den Siegelring auf den Finger, der zu den Insignien von Underwoods Macht gehört. Spacey, der sein Publikum nicht im eigenen Namen adressieren kann, wirkt älter auf dem Video – das geschieht, wenn man sich mehr als ein Jahr nicht gesehen hat –, aber sein machiavellistischer Elan ist nicht erloschen.