Das letzte Abenteuer mit Charlotte Lindholm liegt mehr als ein Jahr zurück, deshalb fällt die Erinnerung etwas schwer: Der Fall Holdt erzählte, basierend auf dem wahren Mordfall Maria Bögerl, vom Scheitern der erfolgsverwöhnten Kommissarin.

An dieses Scheitern knüpft die neue Folge Das verschwundene Kind (NDR-Redaktion: Christian Granderath, Sabine Holtgreve) an – und sein Echo heißt Göttingen. Dahin wird die von Maria Furtwängler repräsentierte LKA-Beamtin zur Strafe geschickt, als "Praktikantin", wie sie selbst mal sagt, als gewöhnliche Ermittlerin zur Bewährung in der Provinz und nicht als aus der Landeshauptstadt eingeflogene Superermittlerin.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110", auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Ein Mord im klassischen Sinne ist nicht geschehen, die Polizei kommt auf den Plan durch das Kind, das die 15-jährige Julija (Lilly Barshy) in einer runtergerockten Umkleide geboren hat. Und das verschwunden ist, nachdem die Mutter durch ihren Bruder Nino (Emilio Sakraya) gerettet und irgendwann auch in ein Krankenhaus gebracht wird.

Den Zeitdruck bedeuten Inserts, das Verdächtigen-Ballett tanzt nicht unspannend vor (Buch: Franziska Buch, Jan Braren, Stefan Dähnert, Regie: Buch), allen voran der streng religiöse Vater mit russischen Roots (Merab Ninidze) macht eine gute, weil relativ komplexe Figur – sein Brass auf die Außenwelt äußert sich durch fortwährende Klageandrohungen.

Die Auflösung wird etwas unelegant in die Länge gezogen. Sie geschieht durch ein Bild, das die Julija-Schwester Polina (Zora Müller) auf dem Revier gezeichnet hat und auf dem die Traumata des Kindes erkennbar in Szene gesetzt sind – dass der Mann, der Julija bedroht auf der Zeichnung, Boxhandschuhe trägt, also der Trainer von Nino und ehemals Julija ist (Oliver Stokowski), ist so ziemlich das erste, was beim Blick auf den Fernsehbildschirm auffällt. Die Ermittlerinnen, zumal sie um die sportlichen Ambitionen Ninos wissen, brauchen aber eine ganze Weile, um das zu erkennen. Nun ja.

Zu diesen Ermittlerinnen gehört neben Lindholm die lokale Kommissarin Anaïs Schmitz. Gespielt wird sie von Florence Kasumba, die abseits der deutschen Film- und Fernsehlandschaft eine beeindruckende Karriere hingelegt hat – in Hollywood-Produktionen, die einzeln so viel kosten, wie die ARD-Sonntagabendkrimi-Produktion für mehr als sechs Jahre: Wonder Woman, Filmen der Avengers-Reihe und vor allem Black Panther.

Es ist natürlich nebensächlich, aus Presseheften zu zitieren, in diesem Falle aber durchaus beredt zu sehen, wie der NDR sich für seine Besetzungsentscheidung feiert. Des Senders Fernsehfilmchef Granderath wölkt im Geleitwort etwa, Kasumba sei ausgewählt worden, weil sie "Teil eines starken Frauen-Duos und für die Tatort-Familie ein Gewinn ist".

Eine großräumige Beschreibung, die sich auf zahllose Schauspielerinnen applizieren ließe – auch auf solche, die nicht in Global-Blockbustern mit Personal Assistent mitwirken. Dass Granderath sich einen schmalen Fuß macht, ist ein bisschen verlogen, weil der Tatort für die afrodeutsche Schauspielerin bislang nur Nebenrollen übrig hatte, in denen sie radebrechend geflüchtete Frauen spielen durfte (zuletzt gerade mal vor drei Jahren in Stuttgart). Ohne den Hollywood-Erfolg und den Durchsetzungswillen Kasumbas, die früh ihre Ambitionen geäußert hatte, wäre das vermutlich noch heute so.

Stresserin mit "mangelnder Impulskontrolle"

Schon deshalb bezeichnet eine weitere Formulierung aus dem Geleitwort ein Problem: "Nicht auszuschließen, dass auch Kritiker den Film erst mal im Hinblick auf die Hautfarbe betrachten – wir wünschen uns, dass dies schnell mit großer Selbstverständlichkeit akzeptiert wird und keiner besonderen Erwähnung mehr wert ist." Denn natürlich ist das Etikett "erste schwarze Kommissarin" eine zwiespältige Sache: Es hat seinen Sinn für die Statistik, weil repräsentative Ordnungen bedeutsam sind dafür, wie wir Welt wahrnehmen. Zugleich reduziert es Florence Kasumba auf eine Funktion, hinter der ihre Individualität zu verschwinden droht.

Und aus dieser Perspektive ist es natürlich auch heikel, dass es, wo immer Kasumba aufläuft, um Rassismus gehen muss – kein Mensch steht morgens vor dem Spiegel und lächelt sich vergnügt an als Objekt von eindimensionalen Zuschreibungen durch andere. Aber Rassismus ist eine Realität, die nicht dadurch verschwindet, dass man flugs über sie hinweg geht – Granderaths Worte lügen sich in die Tasche und sind damit exemplarisch für die fehlende Bereitschaft, in Deutschland über Rassismus zu sprechen, gerade als Weißer oder Weiße. Man schaut in diesem scheinbar souveränen Satz dem Verdrängen beim Verdrängen zu.

Wie gesagt, die Sache ist kompliziert, aber die Besetzung Kasumbas böte für weiße Deutsche eben auch die Chance, den Ängsten bei der Auseinandersetzung mit unserem eigenen Rassismus ins Gesicht zu schauen. Das verschwundene Kind versucht, das zu markieren bei der ersten Begegnung, wenn Anaïs Schmitz in weißem Kittel, mit Handschuhen und Pömpel in der runtergekommenen Umkleide steht und von Lindholm für die Putzfrau gehalten wird. Standardsituationen des Alltagsrassismus.

Zugleich bekommt die nächste Aktion in diesem Setting unfreiwillig einen unguten Beigeschmack, wenn Lindholm als Ausdruck ihres Checkertums die Nachgeburt aus dem Klo fischt. Auch wenn der Tatort nie besonders geschickt darin ist, einzelnen Charakteren spezifische Fähigkeiten und Eigenschaften zuzuschreiben (was die Hauptfigur macht, ist das Richtige) – das sieht dann plötzlich so aus, als ob's die weiße Frau braucht, die es kann (was haben die anderen Tatort-Untersucher in der Szene eigentlich vorher gemacht?).

Ein ähnliches Dilemma erzeugt der Umstand, dass Lindholm nominell zwar ins Glied zurückkehren muss, eigentlich Gast in Göttingen ist – am Ende aber die Verhöre führt, während die lokale Chefin Schmitz im Hintergrund steht. Das Gerangel über diese Frage soll über die anfänglichen Streitigkeiten zwischen den beiden Kommissarinnen erzählt werden, was auch die Frage aufwirft, warum die Rolle von Schmitz nicht entspannter, nüchterner entworfen ist. Als Stresserin mit "mangelnder Impulskontrolle", die sich Kasumbas Kommissarin einmal selbst bescheidet, gibt's doch schon Lindholm.

Man sieht: Mit der Besetzung allein ist ein Anfang gemacht, aber noch nichts gewonnen. Zur Selbstverständlichkeit im Sinne Granderaths würde Kasumbas Einsatz übrigens viel leichter werden, wenn auf die erste schwarze Tatort-Kommissarin ganz selbstverständlich zweite, dritte, vierte nicht weiße an der Produktion Beteiligte folgen würden. Auch bei Buch, Regie oder Redaktion.