Es müsste ein anderes Wort für Fremdschämen geben. Scham ist ein intensives Gefühl, das am Innersten rührt – und damit zu drastisch für Momente des Lebens, die einem zwar unangenehm sind, aber viel zu läppisch, um dafür extra in den Keller des eigenen moralischen Haushalts hinabzusteigen. Die Emotionen, die einem der Saarbrücker Tatort: Der Pakt (SR-Redaktion: Christian Bauer) beschert, sind eher eine Mischung aus Peinlichkeit und Mitleid.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Schon die Geschichte von Der Pakt (Drehbuch: Zoltan Spirandelli, Michael Vershinin) ist so fundamental blöde, dass man sich wundert, warum das keinem aufgefallen ist, bevor der Film draus geworden ist. Es gibt eine Organisation namens MefA (Mediziner für Asyl), die Menschen behandelt, die als illegal gelten. Sie arbeiten in einem heruntergekommenen Haus wie in einem improvisierten Kriegslazarett (als ob man das nicht einfach in den eigenen Praxisräumen tun könnte).

Es gibt einen jungen Stutzer namens Kamal (El Mehdi Meskar), der dort hilft, zugleich aber als Spitzel für einen fiesen Ausländerbehördenangestellten arbeitet. Es gibt eine Schwesternschülerin namens Anika (Lucie Hollmann), die als heilige Johanna der OP-Tische ein Engagement für die Unterprivilegierten an den Tag legt, das sich gewaschen hat.

Tot ist die Schwesternschülerin Vanessa (Aylin Werner), die nach einer Schwesternwohnheimsause halb nackt auf ihrem Bett liegt, erdrosselt mit einem Bademantelgürtel. Um das Bett herum tanzen mehrere Verdächtige: zum einen der Casanova-Doktor Sharifi (Jaschar Sarabtchian), der vorher mit Vanessa Sex hatte, aber amourös woanders engagiert ist. Zum anderen die Leute, die wegen des blonden Haars Vanessa mit Anika verwechselt haben könnten, die sie hassen oder zum Schweigen bringen wollten – Kamal, dessen Nebentätigkeit Anika erkannt hat, oder die flirty Lehrschwester (Nina Vorbrodt), die Anika des Rassismus geziehen hatte.

Am Ende war's Dr. Bindra (Franziska Schubert), die Ärztin, die die MefA leitet und dafür einen Verdienstorden bekommen soll (was das ganze Bruchbuden-Konspirative am Lazarett schon dementiert – wieso der ganze Aufwand, wenn man genau dafür offiziellste Auszeichnungen erhält?). Die ist nämlich gar nicht richtig Doktorin (was Vanessa durch "Recherchen" via Skype in Indien herausgefunden hatte), sondern nie übers Physikum hinausgekommen, hat aber krasse Versagensängste, weil sie aus einer Dynastie von medizinischen Überperformern ("zwei Medizin-Koryphäen als Eltern") kommt.

Die Setzungen in der Geschichte sind schon bescheuert, weil dahinter nur gröbste Ideen stehen – von Schwesternwohnheimbewohnerinnen oder ehrenamtlichem Engagement etwa. Irgendeinen Sinn fürs jeweilige Milieu sucht man hier vergebens, die Kulissen geben sich keine Mühe, zu kaschieren, dass sie aussehen wie ein Filmstudio, in dem die Ausstattung ihre Arbeit noch tun müsste. Vollends hilflos ist die Inszenierung (Regie: Spirandelli) und das Spiel des Personals. Erzählt wird Der Pakt als Kindergarten: wie ein Film mit Leuten, von denen welche mal die Kamera halten wollten, damit andere davor auftreten können.

Wobei die Kamera (Wolf Siegelmann) noch das Beste ist an diesem Tatort. Deren Professionalität erzeugt allerdings genau das Gefälle, in dem die Traurigkeit des ganzen Projekts zu Hause ist, weil der Rest des Films so unglaublich unbedarft wirkt. Die Dialoge hören sich an wie zusammengekehrtes Redematerial, das bei der ersten Überarbeitung aus anderen Drehbüchern gefallen ist. Steht die Ermittlerin Lisa Marx (Elisabeth Brück) auf einer Vernissage neben einer Kollegin (ist das die Staatsanwältin Dubois, die doch eigentlich auch zum Team gehört?), die über die Bilder sagt: "Ich hab's doch eher mit der klassischen Malerei." Darauf Marx: Aber das sei doch so "ausdrucksstark. Und die kräftigen Farben".

Ausdrucksstark, kräftige Farben – warum muss über Kunst gesprochen werden, wenn einem dazu eh nichts einfällt? Und wenn das ein Witz auf unterkomplexes Gerede gewesen sein sollte, dann hätte sich die Regie vielleicht vorher doch mal im Spiegel anschauen sollen, um festzustellen, dass sie diese feine Ironie im Leben nicht hinbekommt. Im beständigen Verfehlen der eigenen Ambitionen steckt das Mitgefühl, das dieser Tatort in einem bewirkt.

Der Pakt ist aus dem Geist der Vorabendsoap entstanden, wo keine Zeit ist für irgendwas, die Handlung hauruckmäßig durchgeprügelt und alles immer auf denkbar uneleganteste Weise erklärt wird. Besonders schön hierfür ist die Jungermittlerin Mia "Das stand in der Zeitung" Emmrich (Sandra Maren Schneider), die immer auf die Presse verweist, wenn sie die Herkunft einer Information begründen will.

Es wäre leicht, sich über diesen Film lustig zu machen, weil er so weit von dem entfernt ist, was er gerne wäre. Aber die Unfähigkeit, mit bewegten Bildern etwas halbwegs Vernünftiges zu erzählen, ist in Der Pakt so groß, dass es zu Häme oder Herablassung gar nicht reicht. Man möchte am liebsten die Augen verschließen und dem Ganzen über den Kopf streicheln (ist ja toll, dass du nicht faul auf dem Sofa rumliegst, sondern irgendwas versuchst – aber vielleicht ist das mit dem Film einfach nicht so dein Ding).

Devid Striesow, dessen wenig schillernde Karriere als Tatort-Ermittler Jens Stellbrink mit diesem Fall zu Ende geht, macht den ganzen Quark frohgemut und zupackend mit. Aus Mangel an Alternativen.