Earl Stone liebt Lilien. Wenn er am Steuer seines Autos sitzt, singt er Jazz-Standards mit, die im Radio laufen. Earl lacht viel und flirtet gern, er mag es, im Mittelpunkt zu stehen. Zu Hause war er selten, suchte das Leben immer woanders. Als Ehemann und Vater hat er zwar versagt, aber er ist ein freundlicher Mensch. Wenn man in seinem Alter zurückblickt, bleibt Reue nicht aus. Earl ist 90 Jahre alt – und will noch einmal eine neue Karriere beginnen.

Lilien? Singen? Flirten? Soll das eine Figur von Clint Eastwood sein, der hier zum ersten Mal seit elf Jahren wieder eine Hauptrolle in einem von ihm inszenierten Film spielt, was er seit dem riesigen Erfolg mit Gran Torino nicht mehr getan hatte? Der Auftritt hatte 2008 das Bild noch einmal gefestigt, das man gemeinhin von Eastwoods Leinwandfiguren hat: zusammengebissene Zähne, zwischen denen eine Kippe hängt und durch die er Beleidigungen oder, wenn auch das zu viel der Worte ist, nur ein Knurren stößt. Einer, der mit geladener Knarre angeblich amerikanische Werte verteidigen zu müssen glaubt.

Neue Karriere als Drogenkutscher

In The Mule beginnt Eastwoods Earl zwar im biblischen Alter noch eine neue Karriere als Drogenkurier. Aber ein düsterer Schatten fällt damit nicht auf die Figur. Earl wird ganz im Gegenteil gerade deshalb ein von mexikanischen Drogenbossen geschätzter Fahrer, weil er mit seinen 90 Jahren keine Angst mehr hat und fröhlich pfeifend kiloweise Kokain durch die Gegend kutschiert. Kein Krimineller, sondern ein Menschenfreund, der von den unteren Rängen der Gangster zärtlich "tata", also Opa, genannt wird.

Dieser Earl und der Walt aus Gran Torino wirken bestenfalls wie entfernte Verwandte. Doch die Welt, die zwischen ihnen liegt, ist immer noch viel zu klein, um die Weite des Schaffens von Clint Eastwood zu fassen. Ihn auf das Bild seiner Rollen als eiskalter Killer und reaktionärer Rächer zu reduzieren, wäre fahrlässig. Eastwoods Karriere begann immerhin schon 1955, damals galt das Breitbildformat Cinemascope noch als technische Neuerung. Er hat mehr als 42 Hauptrollen gespielt, 37 Filme inszeniert und vier Oscars gewonnen. Heute ist er 88 Jahre alt und dreht noch immer beinahe jedes Jahr einen neuen Film, manchmal auch zwei.

Eastwood ist ein lebender Mythos, dessen Bedeutung für die amerikanische Filmgeschichte kaum überschätzt werden kann. Der US-Filmjournalist David Denby hat diese Einzigartigkeit so zusammenfasst: "John Ford ist nur in wenigen Stummfilmen aufgetreten; Howard Hawks war nie Schauspieler. Clark Gable, Gary Cooper, Spencer Tracy, James Stewart, Cary Grant, Humphrey Bogart, William Holden, Steve McQueen und Sean Connery inszenierten keine Filme. John Wayne zwei Mal, und schlecht; so wie Burt Lancaster. Paul Newman, Jack Nicholson, Warren Beatty, Robert Redford, Robert De Niro und Sean Penn versuchten sich bei einigen wenigen Filmen als Regisseure, mit gemischtem kommerziellem und künstlerischem Erfolg."

Genau das macht Eastwoods Karriere aus: Er schuf als Schauspieler mit dem Mann ohne Namen eine ikonografische Figur, ausgestattet mit einem äußerst fragwürdigen Männer- und Menschenbild, das er später revidierte und hinterfragte. Und sein Werk als Regisseur gehört schon jetzt zum Kanon der Hollywoodklassiker.

Nichts deutete darauf hin, als Eastwood in den Fünfzigern seine Filmkarriere begann. Ein äußerst gut aussehender junger Mann, über 1,90 Meter groß, ein kalifornischer Sonnyboy war er – aber als Schauspieler steif, mit minimaler emotionaler Bandbreite. Noch Jahre später, als er in den Italowestern von Sergio Leone erstmals den brutalen Schweiger spielte, lästerten die US-Kritiker über sein hölzernes Minenspiel. Es bedurfte einer TV-Serie, Eastwoods Karriere anzuschieben: Rawhide, zu Deutsch Tausend Meilen Staub, 217 Folgen von 1959 bis 1966, mit Eastwood als hitzköpfigem Vormann Rowdy Yates.

Schnell langweilte er sich mit den konventionellen Geschichten und fühlte sich unterfordert. Schon damals bekniete er die Produzenten, ihn einige Episoden inszenieren zu lassen, aber man ließ ihn nur einen Trailer filmen. Als Rawhide 1966 eingestellt wurde, nahm Eastwood dankbar das Angebot an, für den damals unbekannten italienischen Regisseur Sergio Leone in dem Western Für eine Handvoll Dollar die Hauptrolle des Man with No Name zu spielen. Er habe entschieden, es sei Zeit gewesen, den Antihelden zu spielen, sagte er später.