What happens in Berghain, stays in Berghain. Zu den utopischen Versprechen der Clubkultur zählt ja vor allem jenes: dass wir uns beim Tanzen, in den Momenten des kollektiven Rauschs und der Ekstase, in sicheren Räumen bewegen, also in Räumen, in denen wir uns sicher sein können, dass die Menschen, mit denen wir uns dort bewegen und uns entäußern und gehen lassen, dieselbe Sicherheit und dasselbe Miteinander suchen wie wir; dass sie genauso aggressionslos und weich und empfänglich für die Vibrationen der Party sind wie wir selbst; und das heißt im Umkehrschluss eben auch: dass all jene Menschen, mit denen es sich eventuell nicht so verhält – weil sie nur zum Aufreißen von irgendwem oder zum bloßen Gaffen in die Menge zu gelangen versuchen –, an der Tür zum Club bereits abgewiesen werden. Es gibt keine Freiheit ohne Kontrolle und Reglement, das ist in der Clubkultur nicht anders als in der restlichen Welt. Es gibt keine freien Räume ohne den Ausschluss von Menschen, bei denen man am richtigen Gebrauch der Freiheit zweifelt.

Aber wie erkennt man diese Menschen? Wie geht man mit ihnen um? Und was sind das für Leute, die ihnen den Zutritt zu diesen Freiräumen verwehren? Davon handelt David Dietls Film Berlin Bouncer, der am Sonntag auf der Berlinale seine Premiere feierte und am 11. April regulär in die Kinos kommt. Darin porträtiert Dietl drei Berliner Türsteher (englisch: bouncers), die seit den Neunzigerjahren das Gesicht der Clubkultur ihrer Stadt wesentlich mitgeprägt haben. Smiley Baldwin kam in den Achtzigerjahren als Militärpolizist aus den USA nach Westberlin und wirkte dann in der kulturellen Aufbruchszeit nach der Wende als Türsteher vor Clubs wie dem Delicious Doughnuts in Mitte, in denen die feierlustige Jugend aus Ost und West ihre eigene Wiedervereinigung vollzog. Sven Marquardt begann etwa zur selben Zeit, das Publikum bei Technopartys zu empfangen oder abzuweisen. Von 1998 an stand er an der Tür des Ostgut-Clubs und ab 2004 dann an jener der Nachfolgeinstitution Berghain. Frank Künster gelangte als Einlassverwalter der King Size Bar an der Friedrichstraße zu Ruhm.

Alle drei hat David Dietl über Jahre hinweg mit der Kamera begleitet und interviewt; alle drei erzählen von ihrer Tätigkeit und aus ihrem Leben und von den unterschiedlichen Wegen, die sie seit Beginn ihrer Türsteherkarriere eingeschlagen haben. Sven Marquardt, der im Ostberlin der Achtzigerjahre schon als Fotograf tätig war, hat nach der Eröffnung des Berghains wieder damit begonnen, in scharfschattig geschossenen schwarz-weißen Bildern die Protagonisten des Nachtlebens zu porträtieren, und zeigt seine Kunst inzwischen in Ausstellungen in aller Welt. Smiley Baldwin leitet heute eine eigene Security-Firma und vermittelt Türsteher an kulturelle Ereignisse jeglicher Art, etwa auch an die Berlinale. Frank Künster stand jahrelang stoisch an der Tür seiner Bar, die er am Ende auch als Geschäftsführer leitete, doch musste er sie 2017 schließen, weil die neu zugezogenen Nachbarn in der inzwischen gentrifizierten Berliner Mitte sich über den Lärm und die vielen Leute auf der Straße beschwerten.

So liegt denn generell ein elegischer Ton über diesem Film: Er handelt vor allem vom Älterwerden von Menschen, die sich auch mit 50 Jahren und mehr noch in einer Kultur bewegen, in der das Älterwerden in früheren Zeiten eigentlich nicht vorgesehen war. Und er handelt davon, dass im Berlin des Jahres 2019 die meisten Orte verschwunden sind, an denen das wilde Leben der unmittelbaren Nachwendezeit sich einstmals abgespielt hat; wo früher Clubs waren, stehen nun teure Townhouses, Flagship-Stores und Bioläden. Das ist freilich alles soweit bekannt, und je länger man den – fraglos schön fotografierten und gut moderierten – Gesprächen mit den drei älteren Männern zusieht, desto stärker würde man sich doch vielleicht wünschen, jenseits des nostalgischen Blicks auf eine versunkene Welt auch eine Idee davon zu bekommen, wie es sich im Berlin der Gegenwart feiert und lebt.