So ein Film ist der perfekte Geschenkartikel. Falls einem nicht viel Besseres einfällt, wie man den Gutschein für einen Wochenendtrip nach Paris oder New York überreichen soll, dann kauft man eine der DVDs aus dem Cities-of-Love-Franchise: New York, I Love You oder Paris, je t'aime oder demnächst eben Berlin, I Love You ("ick liebe dir" war wohl international zu sperrig – who knows) und pappt die Karte obendrauf. Passenderweise ziert das Coverbild ja immer ein Herz.

Anfang des Jahrtausends hatte der Produzent Emmanuel Benbihy die Idee, über seine Heimatstadt Paris einen Episodenfilm zu drehen. Schon klar, Paris, Stadt der Liebenden und so. Passte tatsächlich perfekt und Benbihy gelang es, allerlei Prominenz für Regie – Gus Van Sant, die Coen-Brüder, Alfonso Cuarón, Tom Tykwer – und Cast – Marianne Faithfull, Juliette Binoche, Willem Dafoe, Natalie Portman, Gérard Depardieu – zu gewinnen. Auch reiche, weltweit agierende Sponsoren fanden sich, wie Unilever, Santander oder Fiat.

Das Ganze verkaufte sich so gut, dass Benbihy direkt eine Version für New York angehen konnte. Wieder mit vielen Stars dies- und jenseits der Kamera. Cities of Love ging, wenn man so will, um den Globus. 2014 folgten Rio und Tbilissi. Für 2019 wurde Berlin geplant. Als Schauspielerinnen und Schauspieler wurden Helen Mirren, Keira Knightley, Mickey Rourke, Sibel Kekilli verpflichtet und als Regisseure neben anderen Dennis Gansel und Til Schweiger. Und der chinesische Künstler Ai Weiwei.

Was sich die Produzenten dabei gedacht haben, können wir nur mutmaßen: Der Film solle sich nicht nur an Til-Schweiger-Fans verkaufen, sondern auch an sogenannte Intellektuelle? Was sich Ai Weiwei dabei dachte, bei dem Kassenschlagerprojekt mitzumachen, ist ebenso rätselhaft. Jedenfalls lieferte er vermutlich (genau können wir auch das nicht wissen) wie immer etwas mit knalliger politischer Aussage ab. Höchstwahrscheinlich etwas krass Regimekritisches gegen seine Heimat China. Damals, als er den Beitrag erstellte, lebte er noch dort, weil er Ausreiseverbot hatte. Die achtminütige Berlin-Episode dirigierte er via Facetime. Inzwischen ist der ganze Film fertig. Am 8. Februar feierte Berlin, I Love You in den USA Premiere. Der Beitrag von Ai Weiwei (in dem übrigens Til Schweiger mitspielte) war allerdings nicht mehr dabei.

Wie konnte das passieren? Der herzige Anspruch der Cities of Love ist offenbar auf die herzlose Realität geprallt.

Berlin sollte nämlich nicht die letzte Station des Franchise bleiben. Als Nächstes entstehen Episodenfilme nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Shanghai. Und dort passte manchen Leuten offenbar Ai Weiweis Berlin-Beitrag nicht. Also forderten sie, dessen Episode aus Berlin, I Love You herauszuschneiden. Ai Weiwei erzählte der Deutschen Welle, die Produzenten hätten ihm gesagt, aufgrund seines politischen Status hätten sie sonst Schwierigkeiten bei weiteren Finanzierungen bekommen. Dieser Ausgang ist nun wenig überraschend. So eine Produktionsfirma ist schließlich nicht Amnesty International.

Auch die Berlinale soll abgelehnt haben

Ai Weiwei ist trotzdem sehr enttäuscht und spricht von Zensur. Er sagte, Chinas Einfluss beschränke sich inzwischen nicht mehr nur auf China, sondern sei global und betreffe sowohl die wissenschaftliche und akademische Weltgemeinschaft als auch die globale Kunst- und Unterhaltungsindustrie. Er behauptet, selbst die Berlinale habe die Bedingung gestellt, dass Berlin, I Love You nur ohne Ai Weiweis Episode laufen könne. Eine im doppelten Sinne verwirrende These: Zum einen unterstützt die Berlinale explizit von Zensur betroffene Filme. Sie zeichnete am vergangenen Samstag gar den chinesischen Wettbewerbsbeitrag, der sich kritisch mit Chinas Einkindpolitik auseinandersetzt, gleich mit zwei Silbernen Bären aus. Zum anderen versteht sich die Berlinale als politisches Festival. Zwar äußert sich die Berlinale-Leitung grundsätzlich nicht zu den Gründen, warum sie einen eingereichten Beitrag nicht in ihr Programm aufnimmt. Aber dass sie Berlin, I Love You nicht habe aufnehmen wollen, falls Ai Weiwei darin vorkomme, ist nicht plausibel. Es sei denn, sie fand den ganzen Beitrag aus künstlerischen Gründen unzureichend. Soll ja vorkommen.

Nun, Ai Weiwei kann sich trösten. Er ist nicht der erste Künstler, dessen Beitrag aus Benbihys Kino-Franchise herausgeschnitten wurde. 2009 entfernte man die Episode von Scarlett Johansson. Die Schauspielerin hatte sich für die New-York-Ausgabe als Regisseurin versucht. "Zu schlecht", sollen Insider gesagt haben. Der Produzent hielt sich mit so einem harschen Urteil schon damals zurück. Er nannte Johanssons Beitrag "unkonventionell". Und konventionell soll es doch bei Cities of Love, bitte schön, bleiben.