Era Lapid war Cutterin und die Mutter von Nadav Lapid, jenes 43-jährigen Filmemachers, der am Samstagabend für seinen Film Synonyme den Goldenen Bären gewonnen hat. Er erzählt darin von einer Entwurzelung, dem Versuch einer beinahe gewaltvollen Selbstauslöschung: Yoav (Tom Mercier) ist ein junger Israeli, der nach Paris kommt, um seine Vergangenheit radikal hinter sich zu lassen. Er weigert sich Hebräisch zu sprechen und will ganz Franzose werden: sich französisch kleiden, französisch reden, eine Französin lieben.

Die Gründe, warum er seine Heimat so voller Wut ablehnt, erfahren wir nicht. Aber wir sehen ihn zittern vor Anstrengung, weil die Kamera mit ihm zittert. Sie ist unstet, nervös und sprunghaft: Wenn Yoav sich weigert, einen Blick auf die schöne Seine zu werfen, verweigert auch die Kamera diesen Blick. Die Bilder von Paris, schon von so vielen Filmemachern festgehalten, werden hier zu expressionistischen Abbildern von Yoavs Gefühlen. 

Era Lapid hat sie zu einer wechselweise dynamischen und ruhigen, subjektiven und beobachtenden Erzählung über Entfremdung und Sehnsucht nach neuer Heimat montiert. Ihr, seiner Mutter, widmet Nadav Lapid den Film. Das kann man im Abspann von Synonyme lesen und Nadav erinnert daran während seiner Dankesrede, nachdem er den Goldenen Bären entgegengenommen hat. Era Lapid ist während des Schnittprozesses im vergangenen Juli gestorben. "Was wir hier sehen ist die Arbeit ihrer letzten Tage", sagt ihr Sohn. Natürlich ist das ein außergewöhnlich emotionaler Moment der Preisverleihung. Dennoch kann er stellvertretend stehen für den gesamten Abschlussabend dieser 69. Berlinale.

Filmemachen ist existenziell, das machten viele der geehrten Filmschaffenden klar, wobei sie "existenziell" im Wortsinne auffassten: "entscheidend für ihr Leben". Da waren zum Beispiel jene drei jungen Filmemacher, die den Preis der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) für den besten Erstlingsfilm entgegennahmen für ihr Drama Oray um einen deutschen Muslim, der sich zwischen seiner Liebe und seinem Glauben entscheiden soll. "Vor zehn Tagen, bevor wir hier herkamen, saßen wir noch in unserem Büro und froren. Wir haben gerade keine Heizung in unserem kleinen Büro", sagte einer von ihnen. Von dem Preisgeld, 50.000 Euro, wollen sie die jetzt vielleicht reparieren.

In einem weit politischeren Sinne lebensentscheidend ist das Arbeiten dem – ebenfalls noch sehr jungen – sudanesischen Regisseur Suhaib Gasmelbari. Sein Dokumentarfilm Talking about Trees handelt von vier alten Freunden, die das Kino und die Filmkunst im Sudan voranbringen wollen. Gasmelbari hat dafür den Glashütte Original-Preis für den besten Dokumentarfilm des Festivals erhalten. Er widmete ihn "dem sudanesischen Volk", das gerade wieder zu Zehntausenden auf die Straßen geht, um gegen den Präsidenten Omar al-Baschir und für eine Erneuerung des Landes zu protestieren. "Film", sagt Gasmelbari, "ist eine Kunstform und eine Ausdrucksform von Widerstand." Diese Ansicht spiegelt schon der Titel seines Beitrags wider: Talking about Trees geht auf ein Zitat Bertolt Brechts zurück. In dessen Gedicht An die Nachgeborenen heißt es: "Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"

Wie weit geht Chinas Zensur?

Wie schädlich Schweigen sein kann, ist auch das Thema des chinesischen Wettbewerbsbeitrags So long, my Son von Wang Xiaoshuai. In einem epischen, sich über drei Generationen erstreckenden stillen Drama erzählt der Filmemacher von der Ein-Kind-Politik Chinas in den Jahren von 1979 bis zu ihrem offiziellen Ende 2015 und den dramatischen Folgen für die Menschen. Ein junges Paar verliert seinen einzigen Sohn. Die Schuld für die innere Not der verwaisten Eltern tragen Repräsentanten eines unerbittlichen Systems, die gleichzeitig die engsten Freunde des Paares sind. Wie tief solche Wunden sind, wie schlecht sie heilen und wie sie dann doch vielleicht nicht mehr so schmerzen, wenn endlich darüber gesprochen wird, zeigt der Film in dieser wunderbar komponierten Geschichte. 

Allein das Ende ist ein wenig zu süß und ruft unangenehme Gedanken an einen anderen chinesischen Wettbewerbsbeitrag wach, One second, der noch kurz vor der geplanten Berlinale-Premiere zurückgezogen wurde. Angeblich soll dabei die chinesische Zensur eine Rolle gespielt haben. Die Jury umging das Problem, mit ihrem Preis einen Film mit einem womöglich ebenfalls nach der Zensur ausgerichteten, da fast allzu versöhnlichen Ende zu prämieren, indem sie die fulminanten beiden Hauptdarsteller von So long, my Son als beste Schauspieler ehrte: Wang Jingchun als Vater und Yong Mei als Mutter.

Von der giftigen Wirkung von Schweigen handelt auch das dokumentarische Drama Gelobt sei Gott des französischen Filmemachers François Ozon, der sich damit einem für ihn ungewöhnlich komplexen und schweren Thema widmet: dem sexuellen Missbrauch innerhalb der Katholischen Kirche und der Vertuschung der Taten durch die Lyonnaiser Diözesankurie. Der Film basiert auf wahren Ereignissen zwischen 1986 und 1991 und einem Prozess, der in diesen Wochen auch vor Gericht verhandelt wird, weswegen Anwälte versuchen, den Start von Gelobt sei Gott in Frankreich zu verhindern oder wenigstens zu verschieben. Mit der ungewöhnlichen Verlagerung der Perspektive in seinem Film – Ozon rückt nacheinander drei unterschiedliche Männer in den Fokus der Handlung – schafft es der Regisseur, sowohl den sehr individuellen Umgang mit dem Trauma zu verhandeln als auch das schiere Ausmaß fassbarer zu machen. Zu Recht wurde er dafür mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.