Der Dieter und die Lone, die mögen sich von Herzen. Das glaubt man den beiden an diesem ersten Tag der Berlinale sofort. Er, der deutsche Festivalleiter, hat hier einen Job, der, so nehmen es viele wahr, vor allem darin besteht, mit offenen Armen auf andere zuzugehen und dabei freundlich zu lächeln. Sie ist Regisseurin und Drehbuchautorin aus Dänemark und hat Dieter diesmal einen Film mitgebracht, wie er ihn sich nicht schöner für die Eröffnung der letzten Ausgabe der Berlinale unter seiner Ägide hätte wünschen können – so warmherzig umarmt er den Zuschauer. Sozusagen.

The Kindness of Strangers spielt in New York, dieser kalten, chaotischen Stadt voller Fremder, und handelt von einer Handvoll Figuren, die es gerade besonders schwer im Leben haben. Dank ihrer Freundlichkeit und Menschlichkeit bekommen sie am Ende aber das, wonach sie sich mehr oder weniger insgeheim sehnen: Liebe. Hach.

Doch man würde dem Film und seiner Macherin Lone Scherfig unrecht tun, wenn man The Kindness of Strangers nun einfach mit dem schrecklichen, netten Wort Feel-Good-Movie abtäte. Dazu ist er zu gut gemacht.

Clara (Zoe Kazan) ist eine junge Mutter, die sich zu früh in den falschen Mann verliebt hat. Als der nicht nur gegen sie, sondern auch gegen ihre beiden Söhne gewalttätig wird, haut sie mit den Jungen ab. Wie eine Füchsin für ihre Welpen sucht sie in Manhattan nach Essen, nach einer Bleibe für die Nacht. Das Einzige, was für Clara zählt, ist das Wohl ihrer Kinder. 

Marc (Tahar Rahim) ist ein Ex-Häftling, der jetzt ein russisches Restaurant managt. Das kann er gut, mit Menschen kann er eher schlecht. Das unterscheidet ihn fundamental von Alice (Andrea Riseborough), die als Krankenschwester und im Zweitjob als Leiterin einer Selbsthilfegruppe mit dem pathetischen Namen "Vergebung" arbeitet und nichts anderes in ihrem Leben tut, als sich um andere zu kümmern. Daneben gibt es noch Jeff (Caleb Landry Jones), einen nicht gerade begabten, aber netten Kerl; John Peter (Jay Baruchel), einen von den Frauen heillos überforderten und überarbeiteten Strafverteidiger; und Timofey (Bill Nighy), einen alten Exil-Russen, dem das russische Restaurant gehört.

Sie alle sind auf ihre sehr persönliche Weise einsam. Und die Kunst von Scherfig besteht nun darin, dass sie die Wege ihrer Figuren sich kreuzen lässt, einmal, mehrmals, bis ein zartes Geflecht aus Beziehungen entsteht. Die treibende Kraft bei diesem Entstehen sind aber weniger dramaturgische Zufälle als die Menschlichkeit der Figuren, die titelgebende Kindness of Strangers. Weil jede und jeder von ihnen irgendwann lächelt, spricht, hilft, auf jemanden zugeht, lösen sich alle Dramen am Schluss zu einem rundum nahtlosen Happy End.