Es war dieser gütige Blick in seinen Augen. Ein Blick, der den Zuschauer glauben machte, dieser Mann habe im Leben alles gesehen, mit sich ausgemacht und befinde sich in völligem Frieden mit sich und der Welt. Vielleicht war es auch einfach die Rolle, die Bruno Ganz in Der Himmel über Berlin spielte, die einem diese Illusion nahelegte: die des Engels Damiel, der 1987, in der damals noch geteilten Mauerstadt, mit erstauntem wie liebevollem Blick in die Menschen hineinsah.

Die Rolle des gütigen älteren Mannes sollte den Bühnen- und Filmschauspieler noch lange begleiten. In dem wunderbaren Liebesfilm Brot und Tulpen (2000) von Silvio Soldini etwa spielt er einen melancholischen Kellner, der zum Bezugspunkt für eine italienische Hausfrau wird, die von ihrem Gatten an der Autobahnraststätte zurückgelassen worden ist. Ein Film, immer haarscharf am Rande des Kitschs, der aber doch ans Herz geht, weil Ganz eben nie die eine Geste zu viel macht. Sondern immer nur andeutet, was gerade in ihm vorgeht. 

Dass er einmal als geflügeltes Wesen und romantische Sehnsuchtsfigur für Frauen mittleren Alters agieren würde, hätte sich Ganz in seiner Jugend wohl nicht vorstellen können. Der Schweizer, am 22. März 1941 in Zürich-Seebach geboren, gehörte zu den jungen Wilden der deutschsprachigen Nachkriegstheaterszene. Zur Bühne gelangte der Sohn eines Fabrikarbeiters über die Freundschaft zu einem Beleuchter am Zürcher Schauspielhaus. Sein erstes Engagement erhielt der 21-Jährige am Jungen Theater in Göttingen, zwei Jahre später wechselte er ans Bremer Theater und kam dort mit den Regisseuren in Kontakt, die sein weiteres Bühnenleben prägen sollten: Peter Zadek und, vor allem, Peter Stein.

Gemeinsam mit ihm prägte Bruno Ganz einen neuen, als revolutionär empfundenen Theaterstil. Das sogenannte Regietheater zertrümmerte die ihrer Ansicht nach verstaubten klassischen Inszenierungen der Nachkriegszeit. Dekonstruktion nannten sie es; Aggression und Zerstörungswut attestierten ihnen ihre Kritiker. Einer der Höhepunkte dieser Theaterdebatte bildete 1969 Steins Inszenierung von Torquato Tasso mit Ganz in der Hauptrolle. Entsetzte Kommentatoren erkannten ihren Goethe nicht wieder, während andere eine wegbereitende Neuinterpretation des Klassikers sahen. Heute gilt der Tasso als eine der bahnbrechendsten Inszenierungen der deutschen Theatergeschichte.

Peter Stein zog 1970 mit einem ausgewählten Team an Schauspielerinnen und Schauspielern – darunter Bruno Ganz – weiter nach Berlin an ein kleines Theater am Halleschen Ufer: die Schaubühne. Unter den beiden wurde sie zu einem der einflussreichsten Theater Europas und Ganz zu einem der größten Bühnenstars im deutschsprachigen Raum. 1981 zog das Ensemble in den heutigen Bau am Lehniner Platz um, im Jahr darauf übernahm Ganz die Rolle des Hamlet unter der Regie von Klaus Michael Grüber – ein weiterer Höhepunkt seiner Bühnenkarriere. Die Verbindung zwischen Peter Stein und Bruno Ganz hielt an: 2000 spielte Ganz in dessen monumentaler 20-Stunden-Inszenierung des Faust die Titelrolle – eine Tour de Force, die ihm den Berliner Theaterpreis einbrachte. Die wohl größte Ehre seiner Zunft hatte der Schauspieler da schon erhalten: Josef Meinrad vermachte ihm 1996 den Iffland-Ring, eine Auszeichnung, die dem "jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen" wird.

Zu Ganz' Erfolg trug bei, dass er ein untrügliches Gespür dafür besaß, welche Künstler zu seiner Zeit die interessantesten Ansätze und Ideen hatten. Anfang der Siebzigerjahre, in der Hochzeit des Neuen Deutschen Films, klinkte er sich einige Jahre aus dem Theaterbetrieb aus und drehte ausschließlich Filme. Unter anderem mit Éric Rohmer (Die Marquise von O.), Peter Handke (Die linkshändige Frau), Reinhard Hauff (Messer im Kopf), Werner Herzog (Nosferatu) und Volker Schlöndorff (Die Fälschung). International bekannt wurde er aber in Wenders' Der Himmel über Berlin sowie mit seiner Rolle als sterbender Dichter, der einen kleinen Jungen rettet, in Theo Angelopoulos' Film Die Ewigkeit und ein Tag, der in Cannes 1998 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.