Umso schockierender war es für viele Kinogänger, als dieser Engel auf der Leinwand plötzlich den Teufel höchstpersönlich spielte: Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Der Untergang (2004). Der Film, produziert und geschrieben von Bernd Eichinger, war eine der umstrittensten deutschen Produktionen der vergangenen 20 Jahre. Die Kritik entzündete sich vor allem an der Frage, ob man den Massenmörder Hitler als ganz normalen Menschen darstellen dürfe. Ganz selbst sagte damals der Süddeutschen Zeitung, er hätte durchaus widersprüchliche Gefühle gehabt angesichts der Rolle, letztlich habe jedoch die Lust überwogen, wieder im deutschen Film präsent zu sein. Und schließlich habe er die Erkenntnis gewonnen: "Das kann man spielen." Dem Tagesspiegel sagte Bruno Ganz, er sei "stolz" gewesen, als er den Film das erste Mal gesehen habe.

Während Der Untergang ein zwiespältiges Echo in der deutschen Presse fand, wurde Ganz' schauspielerische Leistung überwiegend gefeiert. "Mehr Hitler im Kino war nie", schrieb Jens Jessen 2004 in der ZEIT. "Weder Alec Guinness noch Anthony Hopkins, die sich schon einmal an der Imitation versucht haben, sind dermaßen in der Rolle verschwunden wie Bruno Ganz. Man erkennt den Schauspieler nicht wieder, in nichts." Eine Vermenschlichung Hitlers könne man ihm nicht vorwerfen.

"Ich habe mir Mühe gegeben"

Tatsächlich verhinderte die Rolle nicht, dass Ganz danach wieder für den Part des freundlichen Alten besetzt wurde – wenn auch nicht immer zu seinem Besten. In Giulias Verschwinden (2009) spielte er zum wiederholten Mal den lebensweisen Charmeur, und auch das Drama Satte Farben vor Schwarz (2010), in dem er einen krebskranken Mann gibt, überzeugte die Kritik nicht völlig. In der Neuinszenierung von Heidi des Schweizer Regisseurs Alain Gsponer übernahm er 2015 die Rolle des Alm-Öhi.

Immer wieder zeigte Bruno Ganz aber auch in seinem späten Schaffen, wie präzise er eine Figur, einen Charakter sezieren konnte: In einem seiner letzten Filme, Matti Geschonnecks Romanverfilmung In Zeiten des abnehmenden Lichts, einer Familiensaga in der DDR, stellte er das unter Beweis. Seine Darstellung des Familientyrannen Wilhelm Powileit sei schlichtweg "atemberaubend", urteilte DIE ZEIT.

In Interviews gab sich Ganz meist bescheiden. Selbst nach mehr als 100 Filmrollen und unzähligen Bühnenauftritten machte sich der über 70-Jährige noch Sorgen um seine Karriere, äußerte Angst davor, keine altersgerechten Rollen mehr zu bekommen. Dem Magazin Bunte sagte er 2010, gefragt nach seinem Lebenswerk: "Ich habe mir Mühe gegeben, und vieles hat geklappt." Stolz sei er vor allem darauf, "den Vernichter Alkohol" besiegt zu haben. Nach jahrelanger Abhängigkeit habe er sich an die Anonymen Alkoholiker gewandt und seine Sucht überwunden.

Anlässlich seiner Rolle als krebskranker Journalist Tiziano Terzani in Jo Baiers Das Ende ist mein Anfang 2010 wurde Bruno Ganz häufig nach seiner persönlichen Lebensbilanz und der Einstellung zum Tod befragt. Dem ZEITmagazin sagte er damals: "Ich weiß nicht, wie viele Tode ich schon gespielt habe. In Sterberollen lernt man, dass es einem nicht hilft, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten."

Viel Zeit, sich vorzubereiten, hatte Bruno Ganz nicht. Im Sommer musste er aus gesundheitlichen Gründen ein Engagement bei den Salzburger Festspielen absagen. Am Morgen des 16. Februar starb der Schauspieler in seinem Haus in Zürich an den Folgen einer Krebserkrankung. Er wurde 77 Jahre alt.  

Berichtigung vom 17.2.: In einer früheren Fassung stand, Peter Stein habe gemeinsam mit Bruno Ganz die Schaubühne gegründet. Tatsächlich übernahm der Regisseur das 1962 gegründete Theater 1970 als künstlerischer Leiter.