Fatih Akin macht jetzt Horror. Rechtzeitig zur 69. Berlinale hat der deutsche Regisseur den Bestseller Der goldene Handschuh von Heinz Strunk verfilmt. Das Buch erzählt die Geschichte des realen Frauenmörders Fritz Honka, der seine Opfer in den Siebzigerjahren auf dem Hamburger Kiez aufgabelte. Der Roman lebt von den bukowskischen Bewusstseinsströmen seiner Figuren: Prostituierten, Kriegsveteranen, Wirtschaftswunderverlierern, Obdachlosen. Die allermeisten von ihnen sind Alkoholiker und hängen den ganzen Tag in der Kneipe Zum Goldenen Handschuh herum – wie Honka. "Manche sitzen zwanzig, dreißig Stunden hier", heißt es im Roman. "Einmal hing einer zwei Tage und Nächte bewegungslos auf seinem Hocker, der war schon tot, wegen des Schichtwechsels hat aber keiner was gemerkt." Die Stelle hat Akin wörtlich in seinen Film übernommen wie überhaupt an vielen Stellen Dialoge der Vorlage. Es sind die besten Momente des Films.

Die Menschen reden Hamburger Dialekt oder einen anderen, wenn das Leben sie aus ihrer Heimat nach St. Pauli verschlagen hat. Honka zum Beispiel kam aus Sachsen. 1951 ist er nach einem Selbstmordversuch aus der Ostzone geflohen und bald darauf in der Lüneburger Heide untergekommen bei einem Bauern, der es als erster Mensch gut mit ihm meinte. Doch das kleine Glück hielt nur zwei Jahre. Später hat ihn ein anderer Bauer so zugerichtet, dass Honka seine Zähne verlor und sein Gesicht deformiert blieb. Das steht alles im Roman. Fatih Akin hat sich dafür jedoch nicht interessiert. Er wollte nichts Biografisches, "keine Vergangenheit", sagt er im Interview nach der Filmvorführung. "Was weiß ich, warum der Honka so ist?" Seiner Ansicht nach war der Mann einfach "krank" und hatte "nicht mehr alle Tassen im Schrank". Also hat der Filmemacher alles Erklärende, Einordnende der Figur weggelassen. Zurück bleibt der blanke Horror.

Noch abrupter als der Roman blendet Akin direkt in das grausige Geschehen um den ersten Mord, den Honka begeht. Aus aller Nähe und in aller Länge sehen wir, wie er sich abmüht, eine Frauenleiche in einen Plastiksack zu stopfen. Es klappt nicht. Obwohl Honka die Beine der Frau und ihren Leib zu einem Paket verschnürt. Also will er alles zersägen. Nach ein paar zusätzlichen Schlucken Schnaps fängt er an. "Es ist nicht so einfach, jemandem den Kopf abzuschneiden", sagt Akin. Ist es vermutlich tatsächlich nicht, und insofern sind das Geräusch und die Länge der Einstellung, in der Akin diesen Akt dann inszeniert, so was wie realitätsnah. Und jedenfalls nichts für schwache Nerven.

Darauf einen Oldesloer Korn

Akin liebt das Horrorgenre. Darüber sei er überhaupt erst zum Filmemachen gekommen, sagt er, "schon Kinder mögen diesen Horrorkram". Und der Serienmörder sei ja auch so eine populärkulturelle Figur. Vielleicht bewegt sich sein Hauptdarsteller Jonas Dassler deswegen wie einst Boris Karloff als Frankensteins Monster. Wobei Akin lieber Fassbinder als Referenz nennt, vor allem dessen Melodram Händler der vier Jahrezeiten von 1972. Wegen der präzisen Beobachtung der Zeit damals und der Ausleuchtung: viel Neonlicht, viel Zigarettenrauch.

Die Tische im Goldenen Handschuh sind aus Resopal, die Vorhänge schwer und vom vielen Kippenqualm vergilbt, der Kaffee wird schwarz aus Tassen mit bunten Rändern getrunken, meist aber wird Oldesloer Korn gesoffen. Oder Fako, dann ist im Korn noch ein bisschen Fanta. Manchmal gibt's 'ne Knackwurst dazu. Akin hat ein unfehlbares Händchen dafür, dieses Milieu abzubilden; er erzählt auch gerne, dass er Zeitzeugen kennt, "Kiezleute", die sagen, genau so sei es gewesen. Reste dieser Szene existieren ja bis heute zwischen Hamburger Berg, Talstraße und Reeperbahn. Doch weil Akin seine Figuren jeder Geschichte beraubt hat, bleibt das Milieu vor allem Staffage, eine bis zum letzten Pin-up-Poster perfekte Kulisse für seinen Horrorfilm. Aus Geldmangel hätte Akin seine Romanverfilmung beinahe in die Jetztzeit verpflanzt, erzählt er. Heute sei den Leuten das Ende der DDR schließlich genauso präsent wie damals den Leuten das Ende des Zweiten Weltkriegs. Unterschicht gibt's immer. Mörder wie Honka auch. Schon möglich, dass der Film auf die gleiche Weise funktioniert hätte. Mit etwas weniger Schauwert.

Dass der Film jetzt im Internationalen Wettbewerb der Berlinale läuft, ist für Akin sicherlich ein Glücksfall. Noch ist sein nächstes Projekt nicht ganz in trockenen Tüchern. Der Goldene Handschuh könnte da eine gute Empfehlung sein. Schließlich soll Akin eine Stephen-King-Vorlage verfilmen.