Das war's dann mit der 69. Berlinale. Und mit Dieter Kosslick. Am Samstagabend werden noch sieben Bären an 16 Wettbewerbsfilme vergeben, dann – so viel Metaphorik soll jetzt mal sein – fällt die letzte Klappe für den Direktor des größten deutschen Filmfestivals. 18 Jahre lang war er dort Chef. Bleibt die Frage: Und? Wie ist es jetzt am Ende ausgegangen?

Davon kann man natürlich nicht spoilerfrei erzählen. Nicht mal das Genre lässt sich einwandfrei bestimmen: Romanze? Groteske? Politthriller? Nur eines scheint klar: Das Ganze hatte Überlänge, vielerlei Erzählstränge und kein nahtloses Happy Ending. Aber zunächst eine Rückblende.

Im Mai 2001, da wurde er gerade 53, übernahm Kosslick die Berlinale-Leitung – organisatorisch und künstlerisch. Ein Doppeljob, in dem der Mann zu so etwas wie dem Mädchen für alles heranreifte: für Logistik, Filmauswahl, Sponsorensuche, Filmmarktorganisation, Publikumsbespaßung und Starhuldigung. Mit seinem schnoddrigen Charme hatte er bald schon viele in seinen Schal gewickelt (der übrigens nicht immer rot ist).

Als erstes bemühte er sich um die deutschen Filmemacher, nachdem diese sich enttäuscht vom Festival abgewandt hatten. Kosslick schenkte ihnen mit der Perspektive Deutsches Kino eine eigene Sektion und nahm sie auch regelmäßig in den internationalen Wettbewerb auf. 60 Mal liefen während der Ära Kosslick Filme unter deutscher Regie im Wettbewerb. Einer von ihnen, Gegen die Wand des damals gerade mal 30-jährigen Fatih Akin, wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Ein Jahr später erfand Kosslick den Talent Campus, einen Ort, an den er 500 junge Filmschaffende einlud, von international erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu lernen. Solche Entstaubungen und Neuerungen brachten Kosslick 2005 den Bundestverdienstorden ein und 2006 auf Vorschlag des damaligen französischen Staatspräsidenten Dominique de Villepin die Ehrenbezeichnung Chevalier dans l'Ordre national de la Légion d'Honneur. Um die 40 Filme liefen damals jedes Jahr im prestigeträchtigen Hauptprogramm. 2019 waren es 22.

Dennoch darf die Deutsche Presseagentur zum Abschied Kosslick als den Mann bezeichnen, "der das Festival so groß gemacht hat, wie es heute ist". Damit ist zum einen die schiere Anzahl aller Filme gemeint, die inzwischen am Potsdamer Platz und in etlichen anderen Berliner Kinos zu sehen sind, dieses Jahr etwa 400 (Im letzten Jahr vor Kosslick, 2001, waren es 319). Zum anderen die Anzahl der Menschen, die diese Filme gleich während des Festivals sehen.

Im vergangenen Jahr kauften die Cinephilen mehr als 330.000 Tickets. Und da war – allein im Wettbewerb – auch diesmal wirklich alles dabei: vom Hollywoodfilm mit hohem Oscarpotenzial wie Vice über Dokumentation (Varda by Agnès von der und über die französische Filmemacherin Agnès Varda), misslungener Horrorgroteske (Der Goldene Handschuh) und queerer Liebesgeschichte aus fernen Zeiten (Elisa & Marcela) bis zu wunderbar gefilmter, weiblicher Selbstermächtigung (Öndög). Kosslick nennt sein Festival daher gerne Festival der Vielfalt. Was im übrigen ziemlich genau der Slogan jener GmbH Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin ist, zu dessen Geschäftsbereichen die Berlinale gehört, seit Kosslick sie leitet. Von ihr erhält das Festival seitdem jedes Jahr Millionen an Fördermitteln. Dieses Mal 8,2 Millionen Euro, knapp ein Drittel des gesamten Berlinale-Budgets in Höhe von 26 Millionen Euro. Mehr Besucher bedeuten für diese Gesellschaft mehr Erfolg. Wer die Berlinale leitet, muss sich auch damit auskennen und entsprechende Zahlen liefern.

Festival der Vielfalt

Am bekanntesten wurde Kosslick auch international wohl damit, dass er immer seine politischen Absichten betont hat. "Verständigung, Toleranz und Akzeptanz sind auch heute die wichtigsten Voraussetzungen für Frieden. Mit dem diesjährigen Filmprogramm will die Berlinale dazu beitragen." Das sagte Kosslick zur Eröffnung seiner allerersten Festivalausgabe. Der Mann hatte da ein Politikstudium hinter sich, als Sprecher der Gleichstellungsstelle für Frauen gearbeitet und für die linke Zeitschrift konkret geschrieben. Er meinte es also vermutlich ernst. Und wenn er 2019 noch einmal den seit der zweiten Frauenbewegung immer wieder durchgenudelten Satz zitiert: "Das Private ist politisch", will er eben noch einmal mehr darauf hinweisen, dass die Unterdrückung gewisser Gruppen immer noch so wirkungsvoll ist, weil sie in manchen politischen Strukturen eben keine Vertreter haben.

Genau solche Machtverhältnisse rückt Kosslick mit der Auswahl seiner Filme in den Fokus. Armut, Umweltschutz, Kriege – er wollte auf dem roten Teppich nicht die heillose Welt vergessen. Legendär der leere Stuhl, den er 2011 demonstrativ für den iranischen Filmemacher Jafar Panahi auf die Bühne stellen ließ, weil dieser in seiner Heimat unter Arrest stand.

Manchmal waren solche Inszenierungen möglicherweise naiv. Wie in diesem Jahr, als Kosslick Vertreter der AfD einlud, sich auf der Berlinale den Dokumentarfilm Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto anzuschauen. Dabei leugnen die Parteimitglieder ja nicht den systematischen Massenmord an Juden, sondern einige von ihnen bekämpfen einen "Kult mit der Schuld", der ihrer Ansicht nach betrieben wird.