"Mit Framing können wir nichts anfangen", ließ die ARD noch im Sommer verlauten. Da hatte es wieder Kritik an der Talkshow hart aber fair gegeben: Die Redaktion übernehme beim Thema "Flüchtlinge und Kriminalität" das Framing – also den Deutungsrahmen – von Rechtspopulisten. Die Ankündigung der Sendung enthielt etwa diese Suggestivfragen: "Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?"

Einige Monate zuvor war es der Programmhinweis auf eine MDR-Radiosendung, die schließlich aufgrund öffentlicher Empörung abgesagt wurde: "Darf man heute noch 'Neger' sagen? Warum ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?" Und davor das Kanzlerduell vor der Bundestagswahl 2017 zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, an dem auch die ARD beteiligt war: Die Journalisten verbrachten große Teile der Sendezeit mit Fragen nach Flüchtlingen und dem Islam – und trugen damit erneut die Deutungsmuster von Rechtspopulisten in die mediale Debatte. Die ARD hat außerdem viel Zuschauerkritik, insbesondere aus Ostdeutschland, erfahren für ihre als einseitig wahrgenommene Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt und Russland. Framing spiegelt sich aber auch in der Wortwahl in Nachrichtensendungen: "Machthaber" und "Regime" zum Beispiel sind wertende Begriffe.

Viel ist geschrieben und geforscht worden darüber, dass Wirklichkeit nie völlig objektiv dargestellt werden kann, dass bei allem Bemühen um Neutralität auch die persönliche Weltsicht der Journalisten in ihrer Berichterstattung durchscheinen kann. Und dass eben andererseits beim Zuhörer und der Zuschauerin Sprache immer unterbewusst einen gewissen Deutungsrahmen im Gehirn aktiviert.

Umso besser, wenn die ARD inzwischen vielleicht doch etwas "mit Framing anfangen" kann. Die öffentlich-rechtliche Anstalt hat die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling mit einem Empfehlungspapier zum Thema beauftragt. Allerdings ist dieses sogenannte Manual, das über das Rechercheportal netzpolitik.org öffentlich geworden ist, leider nicht dazu gedacht, die Journalisten für einen besonnenen Umgang mit Sprache und Framing zu sensibilisieren. Es ist vielmehr eine Verteidigungsstrategie für ARD-Führungskräfte, die mithilfe dieser Handreichung lernen sollen, wie sie Angriffe von Kritikern ("Staatsfunk", "Lügenpresse") argumentativ parieren können.

Den Gegnern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit starken Argumenten zu begegnen, ist während der Glaubwürdigkeitskrise der Medien, in der "alternative Fakten" und Social-Media-Blasen den Diskurs bestimmen, von größter Bedeutung. Dass die ARD in der Legitimationsdebatte über die Rundfunkgebühren auf das Gut der objektiven, ausgewogenen Berichterstattung hinweisen will, ist richtig.

Fakten als moralisch aufgeladene "Munition"

Doch empfiehlt das Gutachten erstaunlicherweise weniger die sachliche Argumentation, sondern vielmehr die emotionale und moralische – eine Strategie, die durchaus manipulatives Potenzial hat. Es geht also gar nicht darum, wie man Framing vermeidet, sondern wie man es "wirkkräftig" einsetzt. So heißt es: "Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner." Mit Gegnern sind wohl auch Kritiker gemeint, die aller Wahrscheinlichkeit nach selbst Rundfunkbeiträge zahlen. Nur durch die "ständige Wiederholung neuer sprachlicher Muster über längere Zeit hinweg" könnten diese zu einer "realistischen Wahrnehmungsalternative" werden. "Fakten sind also zentral. Aber sie werden in einer öffentlichen Auseinandersetzung erst zu guter Munition, wo ihre moralische Dringlichkeit kommuniziert wird."

Nun fragt sich, worin die Autorin der Studie eine moralische Dringlichkeit sieht. Sie scheint die ARD selbst als Moralanstalt legitimieren zu wollen, anstatt als plurale, freie, demokratische Einrichtung. Wiederholt betont sie eine moralische Überlegenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und meint damit häufig lediglich Werte, die im Grundgesetz verankert sind und auf die sich natürlich auch privatwirtschaftliche Medien berufen.

Dabei geht es Wehling nicht nur darum, die ARD aufzuwerten, sondern offenbar, den "Gegner", gemeint sind wohl die Privatsender und Medienhäuser, abzuwerten. Sie schlägt Slogans vor wie: "Demokratie statt Umsatz", "Fernsehen ohne Profitzensur", "Demokratie statt ideologischer Monopolisierung" und "Unsere Redakteure strengen sich für die Bürger an, andere für den Profit". Ganz so, als fühlten sich Journalisten privater Träger nicht der Aufklärung ihrer Leserinnen und Leser verpflichtet.

Die ARD beeilt sich nun, zu erklären, dass es sich beim Framing-Manual "weder um eine neue Kommunikationsstrategie noch um eine Sprach- oder gar Handlungsanweisung an die Mitarbeitenden" handle, sondern lediglich "um Vorschläge aus sprachwissenschaftlicher Sicht". Von einzelnen Formulierungen, die Elisabeth Wehling vorschlägt, distanziert sich die ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab: "medienkapitalistische Heuschrecken" als Bezeichnung für die Privatsender etwa, auch "Profitzensur" oder "ungezügelter Rundfunkkapitalismus" lehne sie ab. Warum verwendet sie das Papier trotzdem als Grundlage für interne Workshops? Damit billigt sie schließlich ein Konzept, das den öffentlich-rechtlichen Auftrag grundsätzlich missversteht: moralisch-emotionale Aufladung statt Fakten und Einordnung.

Regionalität, Teilhabe, Identitätsstiftung, Information, Kritik und Kontrolle im Interesse der Bürger dank guter finanzieller Ausstattung: Die ARD hat viele Argumente auf ihrer Seite. Sich die populistischen Methoden derer zu eigen zu machen, die sie am liebsten zerschlagen wollen, wird ihr nicht helfen.