"Sie sind schon so lange mein Idol – ich habe nicht gewollt, dass es so kommt!", rief Olivia Colman von der Bühne Glenn Close zu. Es war die wohl größte Überraschung in dieser Oscar-Nacht, dass die 45-jährige Britin den Oscar als Beste Hauptdarstellerin in den Händen hielt, und nicht, wie erwartet, die bereits vielfach nominierte Glenn Close. Das unvermeidliche Kameraauge, das Close' Reaktion einfing, zeigte eine ältere Dame im Goldkleid, die Colmans Bedenken glaubwürdig und großzügig wegwinkte.

Als große Verliererin dieses Oscar-Abends kann sich Glenn Close trostweise mit einem anderen Emblem brüsten: Sie ist mit sieben Mal die am häufigsten nominierte Schauspielerin, die nie einen Oscar erhalten hat. Neben ihr rangiert noch Richard Burton mit ebenfalls sieben Nominierungen ohne Statue, übertroffen nur von Peter O'Toole mit acht ohne Sieg.    

Die perfekte Dankesrede hatte Close bereits im Januar bei der Verleihung der Golden Globes gehalten, wo sie und Colman beide als Beste Hauptdarstellerinnen ausgezeichnet worden waren, weil die Globes Drama (Close in Die Frau des Nobelpreisträgers) und Komödie (Colman in The Favourite) getrennt bewerten. Nachdem die 71-Jährige mit den für eine Schauspielerin ihres Alters üblichen stehenden Ovationen auf der Bühne empfangen wurde, erzählte sie von ihrer Mutter, die sich ein Leben lang ihrem Vater untergeordnet und dann mit über 80 ihr gegenüber beklagt habe, dass sie nichts erreicht hätte. Sie, die Tochter, habe das als so unwahr empfunden; ja, Frauen seien die "Pflegerinnen von Männern und Beziehungen", brach es aus Close heraus, "aber wir müssen auch unsere persönliche Erfüllung finden, unsere Träume verfolgen, uns sagen: Ich kann das, ich darf das!"

Es war nichts Neues, was Close da aussprach, dennoch gelang ihr in diesem Moment etwas Ungewöhnliches: Viele der weiblichen Stars im Publikum nickten unwillkürlich im Takt ihrer Worte, und schließlich riss es den Großteil des traditionell unaufmerksamen Golden-Globe-Auditoriums von den Sitzen zu einem Zwischenstehapplaus. So etwas hatte es lange nicht gegeben.

Closes' Worte trafen den Zeitgeist, die gesteigerte Aufmerksamkeit, die Hollywood benachteiligten Frauen seit einiger Zeit widmet. Vom Nicht-genug-geschätzt-Werden und Zurückstecken handelt auch Die Frau des Nobelpreisträgers. Obwohl Björn Runges Film nur lauwarme Kritiken bekommen hatte und außer der besten Hauptdarstellerin in keiner Kategorie nominiert worden war, ist er als Frauenporträt zeitgemäßer als viele andere. Als titelgebende Ehefrau eines narzisstischen Schriftstellers (Jonathan Pryce) mit Aussicht auf den Nobelpreis verbirgt Close mit stoischer Miene ihr Entsetzen darüber, mit wie wenig Talent dieser Mann "durchkommt" und auch noch verehrt und ausgezeichnet wird. Ihre Joan Castleman verkörpert die klassische Rolle der Ehefrau, die ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen immer zurückgestellt hat. Trotz all ihrer Zurückhaltung ist sie die Figur, mit der man sich identifiziert. Vor allem aber verhalf der Film Close zu einer Rolle, die sie in der Vergangenheit nur selten innehatte: die der Sympathieträgerin.

Vom Mauerblümchen zur Furie

In ihren ersten Filmrollen gab sie zwar ein paar Mal die liebevolle, natürliche junge Frau mit den Sommersprossen. In Garp und wie er die Welt sah (1982) war sie die feministische Mutter der Titelfigur; in Der große Frust (1983) das ruhige, selbstlose Zentrum einer Freundesgruppe, die Frau, die alle versteht. In Der Unbeugsame erschien sie als schöne, duldsame Freundin des von Robert Redford verkörperten Baseballers. So mauerblümchenhaft diese Rollen auch waren, so viel Aufmerksamkeit kam ihr damit zu: Nach drei Jahren im Filmgeschäft konnte Close schon drei Oscar-Nominierungen als Beste Nebendarstellerin vorweisen. Es war kein schlechter Einstieg für die gelernte Theaterschauspielerin, die 1947 in Connecticut geboren wurde.

Ihre große Karriere sollte aber erst beginnen, als sie Schluss machte mit den braven Rollen. Heute noch ist sie den meisten bekannt aus Eine verhängnisvolle Affäre (1987). Als Alex Foster verkörperte sie den Alptraum aller Männer: die unkontrollierbare Geliebte. Oder, wie es der Film von Adrian Lyne darstellte: die Verrückte. Dass Alex ins Haus ihres verheirateten, von Michael Douglas gespielten Liebhabers einbricht und das Familienhaustier, ein Kaninchen, in den Kochtopf steckt, prägte den Ausdruck Bunny Boiler. Eine Kurzformel für das alte Zitat vom Höllenzorn, der weniger grausam ist als die Rache einer verschmähten Frau. Aus heutiger Perspektive wirkt Eine verhängnisvolle Affäre mit seiner ungleichen Schuldzuweisung – der Ehebrecher wird zum Opfer stilisiert – schlicht altbacken.