Am 10. August 1993 ermordete in Oslo ein junger Mann, der sich den Fantasienamen Varg gegeben hatte, einen anderen jungen Mann, der sich den Fantasienamen Euronymous gegeben hatte, und diese Begebenheit ist seither untrennbar mit dem Musikgenre des Black Metal verschmolzen. Varg und Euronymous spielten in der norwegischen Band Mayhem, und der Mord und auch ein paar brennende Kirchen müssen bis heute wahlweise als Echtheitszertifikat des Bösen herhalten, das frivol umraunt oder besorgt besprochen wird, wann immer es um Black Metal geht. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis jemand dies alles als "Stoff" für einen Spielfilm begreift.

In Lords of Chaos möchte der Regisseur Jonas Åkerlund nun vor allem den Weg des Bandgründers Øystein Aarseth alias Euronymous (Rory Culkin) nachzeichnen, vom draculablassen Halbstarken mit Stalinposter im Jungszimmer zum prägenden Gitarristen eines neuen Genres, zum Kirchenanzünder und letzthin zum Mordopfer eines seiner Freunde. Erst einmal ist alles prima: Es gibt Volvofahrten durchs Heidiheidoheida-Norwegen, andere Halbstarke, die die Dämmerung für die eigentliche Menschheitsbeleuchtung halten, und gemeinsam wird ein wenig Satan angehimmelt, falls dies das richtige Verb ist. Euronymous' gerade gegründete Band Mayhem spießt Schweinsköpfe am Bühnenrand auf und spielt vor verzücktem Publikum, das kaum fassen kann, was es sieht: Der Sänger der Band, Dead, riecht an toten Tieren, schlitzt sich die Arme auf und faucht dabei bitterlich. Bald schießt er sich aber mit einer Schrotflinte in den Kopf – und Åkerlund zelebriert im Film die Details, vom Abschiedsbrief über die spritzenden Hirnmasse bis zur Körperhaltung der Leiche, die Euronymous als Erster gefunden habe. Angeblich soll er sogar ein Stück Hirn gegessen haben. Ob das alles so oder so ähnlich war, ist möglicherweise auch egal, die Legende geht eben so.

Lords of Chaos basiere auch auf Lügen, warnt Euronymous' Stimme bereits am Anfang, die sich im Verlauf des Films öfter aus dem Jenseits meldet, meist ein wenig überwitzelt, als habe hier ein Drehbuchautor milde geahnt, dass weite Teile der Story auf Spielfilmlänge andernfalls gar nicht so rasend interessant sind: Proben im Keller des Elternhauses, später alimentiert von den Eltern die Eröffnung eines Plattenladens in der nächstgrößeren Stadt, ein bisschen Geplemper im Kleinbürgertum. Das erklärt zumindest, warum Åkerlund so vieles mit disparaten ästhetischen Mitteln aufdonnert, mal mit seekranker Handkamera, mal mit anämisch entsättigten Farben, um vielleicht aus den Szenen einen Wert oder eine Tiefe zu erpressen, die sie von allein nicht hergeben. Um die Musik von Mayhem, die man zumindest ja immerhin für cartooneske Avantgardekunst halten kann, geht es übrigens nicht.

Natürlich läuft die Geschichte aus dem Ruder, als Kristian "Varg" Vikernes ins Spiel kommt, den Emory Cohen als dämonisches, dauerbeleidigtes Pummelchen spielt, was angesichts der zweifelhaften Karriere des rechtsextremen Vikernes ein wenig verniedlichend wirkt. Und den Konkurrenzkampf zwischen Euronymous und seinem späteren Mörder überführt Åkerlund dabei in die kleinste Konfektion des Teeniedramas. Im ersten Drittel sieht man Vikernes noch als trotteligen Fan der Band, der von Euronymous wegen eines Aufnähers gehänselt wird. Wenig später steigt er zum Bandmitglied und zum Oberstreber des Bösen auf, der seine Altbauwohnung mit Hakenkreuzen dekoriert, ein wenig mit Schwertern herumopert, aber im Grunde, so legt es der Film nahe, nur dazugehören möchte und es deshalb ein wenig übertreibt. Satans Schulhofbully aus verlorener Ehre. Zu Åkerlunds Laienpsychologie gehört es auch, dass ein anderes Mitglied des von Euronymous gegründeten "Schwarzen Zirkels" erst unentwegt Splatterfilme schaut und dann einen Homosexuellen im Park absticht. So was kommt hier immer von so was.

Offensichtlich bemüht sich der Film, zu zeigen, wie die obskure Theatralik und die Koketterie mit Gewalt ins tatsächlich Gewalttätige umschlägt. Wie aus dem übermütigen Spiel mit Symbolen plötzlich Ernst wird. Er findet allerdings dazu kein erzählerisches Verhältnis. Einerseits will Lords of Chaos auf leicht ironisierte Weise das Coming-of-Age des jungen Euronymous schildern, der das alles doch bloß zum Spaß angefangen habe. Andererseits luxuriert der Film ausgiebig in seiner ausgestellten Krassheit: Jeder Messerstich wird mit aufdringlicher Nähe und vampirischer Lust begafft, als solle damit ein Publikum befriedigt werden, das offenbar genau mitzählt, ob es auch genau 23 Stiche gewesen sind, wie es in der Wikipedia steht. Außerdem sieht so eine brennende Kirche ja immer ganz geil aus. Und wenn der tote Euronymous am Ende ein letztes Mal aus dem Jenseits spricht und den Zuschauer herausfordernd fragt, was dieser im Vergleich zur Geschichte von Mayhem denn kürzlich so gemacht habe, könnte man glauben, dass die 118 Minuten bloß weitere anderthalb Arbeitsstunden an dem Mythos sein wollen, der vermutlich selbst schon in alternativen Reiseführern für Norwegen verbreitet wird. Nun besteht die geringe Wahrscheinlichkeit, dass der Film besser wird, wenn man ihn rückwärts laufen lässt. Dies ist aber auch lediglich eine karge Hoffnung.

"Lords of Chaos" läuft ab 20. Februar in deutschen Kinos.