Deutschsprachige Serien waren zuletzt nicht gerade bescheiden. Das ZDF wagte sich an Patrick Süskinds Das Parfum, Sky an eine Neuauflage von Das Boot. Nun wird auf der Berlinale eine Serie vorgestellt, die sich eines der berühmtesten Werke der deutschen Filmgeschichte vornimmt: Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder aus dem Jahr 1931. M war nicht nur Langs erster Tonfilm, der Regisseur setzte auch erzählerisch und gestalterisch Maßstäbe. In der Geschichte um einen Kindermörder, der von der Polizei und von der Unterwelt gejagt wird, etablierte der Film sowohl den Typus des modernen, vernunftgesteuerten Kommissars als auch den des psychisch kranken Verbrechers. Berühmt ist die finale Szene, in der der Mörder (Peter Lorre) vor einem Tribunal der Unterweltgrößen steht und einen fairen Prozess für sich fordert. Das "fehlerhafte" Subjekt, das ausgerottet werden soll, die Hysterie, in der sich die Stadt befindet, und die Hetzparolen aus dem Munde des guten Bürgers – diese Motive wurden in der späteren Rezeption häufig als visionärer Blick auf den kommenden Faschismus interpretiert. 

Sich hinzustellen und zu sagen "Ich mach' mal eine Serie aus dem Ding", zeugt also von einem guten Maß an Selbstvertrauen. Das besitzt David Schalko zu Recht. Der Österreicher ist einer der innovativsten Filmemacher und Autoren des Landes. Bekannt wurde der 46-Jährige in Deutschland vor allem mit seiner Trilogie der Gier, die aus den Fernsehserien Braunschlag und Altes Geld bestand, sowie seinem 2018 erschienenen Roman Schwere Knochen. Während es in den Serien um das Gewinnstreben von Dorfbewohnern oder um die verkommene Familie eines reichen Patriarchen geht, handelt der Roman von einem Wiener Unterweltboss, an dessen Beispiel die Verrohung des gesamten Landes nach den unaufgearbeiteten Kriegserfahrungen erzählt wird. 

Eigentlich gute Voraussetzungen für einen Stoff wie M, der letztlich beschreibt, wie eine überreizte und brutalisierte Gesellschaft durch eine weitere Grausamkeit – den Kindesmord – nach Lynchjustiz schreit. Schalko baut seine sechsteilige Geschichte ganz klassisch auf: In der ersten Szene sieht man die kleine Elfie durch das verschneite Wien zur Wohnung ihrer Eltern laufen. Ein Clown spricht sie an, will ihr einen Luftballon schenken (eine Figur mit Kopf, Armen und Beinen, exakt wie im Originalfilm), doch Elfie läuft nach Hause. Dort wird sie von ihrer Mutter (Verena Altenberger) angeherrscht, weil sie ihre Jacke auf dem Spielplatz vergessen hat. "Wann geht es endlich um mich" seufzt die Mutter, nachdem sie ihr Kind im Pulli wieder in die Kälte hinausgeschickt hat, und setzt damit den Ton für das kommende Familiendrama.

Elsie kehrt nicht mehr zurück, auf dem Spielplatz findet ihr Vater (Lars Eidinger) nur noch ihre rote Jacke und einen alten Mann (Udo Kier), der alles mit seiner Leica fotografiert. Die Achtjährige ist das zweite verschwundene Kind in Wien, zuvor ist bereits ein aus Afghanistan geflohenes Mädchen aus dem Flüchtlingsheim nicht wieder nach Hause gekommen. Hier zeigt sich bereits Schalkos Wille, aktuelle Geschehnisse in die Geschichte zu integrieren; im Oktober 2015 wurde ein vierjähriger Junge vom Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin entführt, missbraucht und getötet.

Schalko, der das Drehbuch gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Filmeditorin Evi Romen, geschrieben hat, wuchtet der Mördersuche noch mehr Aktualität über, indem er einen rechtspopulistischen Innenminister (Dominik Maringer) installiert, der optisch dem amtierenden österreichischen Kanzler Sebastian Kurz und politisch dem amtierenden Innenminister Herbert Kickl ähnelt. Der fiktive Minister versucht, wenig verwunderlich, aus dem Verschwinden der Kinder Kapital für seine Zwecke zu schlagen, die Bevölkerung aufzuhetzen gegen Straftäter, Ausgangssperren zu verhängen und Grundrechte außer Kraft zu setzen. Seine partners in crime sind ein skrupelloser Medienunternehmer (Moritz Bleibtreu) und eine ihm hörige Polizeipsychologin (Julia Stemberger), die ihm aus erster Hand Informationen zum Fall liefert. 

Dieser Strang der Serie ist leider recht voraussehbar und auch schauspielerisch ziemlich einfältig. Der Innenminister ist ein eitler Geck, der sich als Sonnenkönig nackt vor den Spiegeln der Hofburg bestaunt, und auch Moritz Bleibtreus Medienboss durchschreitet ständig sein Imperium (gläsern, futuristisch) brüllend mit Handy am Ohr. All das wirkt ungewöhnlich belehrend für Schalkos Verhältnisse, einmal legt er seinem Innenminister sogar den Satz in den Mund: "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist." Norbert Hofer hat ihn gesagt, im letzten TV-Duell vor der wohl bizarrsten österreichischen Wahl des Bundespräsidenten im Frühjahr 2016. Die Möglichkeit von Notverordnungen, gar eines Ausnahmezustands, hing damals in der Luft, und es ist durchaus verständlich, dass Schalko diese Anspannung in M auslebt. Dramaturgisch sind diese Szenen allerdings ein Hemmnis für die Serie, weil sie durch den Hyperrealismus ihr mystisch-unheimliches Setting (Kamera: Martin Gschlacht) zerstören. Das betrifft auch die persönlichen Dramen, die sie sehr gekonnt aufbaut. 

Besonders ergreifend gelingt das Porträt der Eltern der getöteten Elsie. Lars Eidinger darf nach den exaltierten Psychopathenrollen endlich einmal einen stillen Part als Vater einnehmen, der vor dem Unbegreiflichen kapituliert. Das Kammerspiel, das Eidinger und seine Partnerin Verena Altenberger in ihrer grabeskalten Altbauwohnung entwickeln, ist gespenstisch. Zwei Menschen, jeder für sich in Schuld verstrickt. Eine größere Einsamkeit als in dieser Ehe kann man sich kaum vorstellen.

Auch die Charaktere auf der Ermittlerseite sind stimmig und relativ unkonventionell angelegt. Die etwas verschmuddelte Kommissarin (Sarah Viktoria Frick) schiebt sich ungerührt die Pizza in den Mund, während sie mit der Mutter eines potenziellen Opfers spricht. Gleichzeitig verfolgt sie den Fall mit größter Ernsthaftigkeit, auch wenn man ihre Motive nicht erfährt (im deutschsprachigen Fernsehgeschäft eine seltene Qualität!). Als ihre Vorgesetzte fungiert die abgeklärte Polizeichefin (Johanna Orsini-Rosenberg), die trotz aller Raubeinigkeit nicht gegen den schmierigen Innenminister ankommt.