Maryam Zarees Mutter floh 1985 mit ihrer damals zweijährigen Tochter aus dem Iran nach Deutschland. Worüber sie lange nicht sprechen konnte: Die Geburt fand im berüchtigten Foltergefängnis von Evin statt. Das Schweigen der Mutter nahm die heutige Schauspielerin, Autorin und Regisseurin zum Anlass, sich auf die Suche nach früheren Insassen und deren Kindern zu machen. Das Ergebnis ist ihr Film "Born in Evin", der auf der Berlinale zum ersten Mal gezeigt wird. Darin fragt sie: Kann die zweite Generation im Angesicht der Traumata der Eltern zu einer eigenen Stimme finden? Kann es Erlösung geben? 

ZEIT ONLINE: Frau Zaree, zu Beginn Ihres Films Born in Evin erzählen Sie eine Geschichte aus dem jüdischen Talmud: Über jedem Kind, das geboren wird, schwebt eine brennende Kerze. Das Kind trägt alles Wissen der Welt in sich. Doch ein Engel bläst die Kerze im Moment der Geburt aus, und das Kind vergisst …

Maryam Zaree: … wieder alles. Im Laufe seines Lebens dann muss es sich wieder an all das erinnern, was es vergessen hat.

ZEIT ONLINE: Diese Geschichte ist für den Film programmatisch. Was bedeutet sie Ihnen?

Zaree: Ich zeige im Film das erste Foto, das von mir nach dem Gefängnis gemacht wurde.

ZEIT ONLINE: Man sieht Sie als Baby in einem Plastikbottich baden.

Zaree: In der Off-Stimme frage ich: Was weiß dieses Kind, das ich nicht weiß? Der Film ist dann der Prozess, die Erinnerung wieder ins Bewusstsein zu heben.

ZEIT ONLINE: Sie haben erst mit zwölf Jahren von Ihrer Tante erfahren, dass sie 1983 im Gefängnis von Evin in Teheran geboren wurden. Hatten Sie überhaupt keine Erinnerung an diese Zeit?

Maryam Zaree: Im Rückblick würde ich sagen, ich habe es immer gewusst. Zumindest unterbewusst. Ich bin 1985 als Zweijährige mit meiner Mutter nach Deutschland gekommen und erinnere mich an diese Zeit natürlich nur sehr fragmentarisch. Ich hatte immer große Angst zu fragen: Was war da eigentlich los, woher kommen wir?

ZEIT ONLINE: Ihre Eltern haben sich in den späten Siebzigerjahren zunächst gegen das Regime des Schah engagiert. Warum wurden sie im Zuge der Islamischen Revolution in Evin interniert?

Zaree: Meine Mutter war zur Zeit der Revolution 1979 noch sehr jung, sie hatte mich bereits mit 18 Jahren bekommen. Sie träumte von einer anderen Gesellschaft, von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, sie war sehr idealistisch. Aber das Engagement meiner Eltern wurde erst intensiver, als der aus dem Exil zurückgekehrte Ruhollah Chomeini an die Macht kam und Islamisten die Revolution kaperten.

ZEIT ONLINE: Es gab eine berühmte Demonstration von Frauen gegen das Verschleierungsgebot. Man sieht Bilder davon in Ihrem Film. Zumindest was die Mode und den Lebensstil vieler Menschen anging, war der Iran vor der Revolution geradezu westlich geprägt.

Zaree: Und doch gab es die installierte Monarchie, die sich zwar dem Westen gegenüber geöffnet und Alphabetisierungsprogramme aufgelegt hatte, aber auch diktatorisch und äußerst repressiv war. Das Gefängnis von Evin gab es schon vor der Zeit der Islamischen Republik. Dort wurden Oppositionelle auch schon gefoltert.

ZEIT ONLINE: Die Gefolterten wurden die neuen Folterknechte?

Zaree: Manche von ihnen wurden das, ja.

ZEIT ONLINE: Wie Ihr Film schildert, gab es in diesem Gefängnis Zellen, in denen mehr als 60 Menschen saßen. Die Rationen bestanden an manchen Tagen nur aus einem Stück Brot. Wenn es Butter dazu gab, nährte man damit die schwangeren Frauen. Eine Protagonistin erzählt, wie sie den kleinen Sohn einer Mitgefangenen abzulenken versuchte, wenn die Mutter wieder mit blutenden Füßen aus dem Verhör kam. In jeder Nacht habe man Schreie und Schüsse gehört.

Zaree: Und im Jahr 1988 fand ein Massaker in Evin statt. Innerhalb weniger Monaten wurden Tausende umgebracht. Meine Mutter war da schon mit mir in Deutschland, aber mein Vater war doch noch im Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Wie haben Ihre Eltern das Gefängnis überlebt?

Zaree: Mit viel Glück und ohne sich selbst und andere zu verraten, was sehr schwierig war, denn es war ja ein ideologisches Gefängnis. Es ging darum, die Menschen in ihrem Inneren zu brechen. Viele wurden so lange gefoltert bis sie mit den Gefängniswärtern kollaborierten. Es wurde ein System innerhalb des Systems geschaffen, in dem konstant die Angst herrschte, dass einen ein Mitgefangener oder eine Mitgefangene denunziert. Manche Insassen mussten andere erschießen. Nur um dann später selbst hingerichtet zu werden. Natürlich waren diese Kollaborateure auch Opfer des Systems.

ZEIT ONLINE: Das erinnert an die Methoden der Nazis. Den direkten Nachfahren einer Generation, die eine Schreckensherrschaft erlebt hat, kommt eine besondere Rolle zu. Hat sich Ihr Blick darauf im Lauf der Recherche verändert?

Zaree: Absolut. Ursprünglich wollte ich in meinem Film nicht vorkommen. Ich wollte die Wahrheit erfahren, aber ohne über mich selbst erzählen zu müsse. Bald aber begriff ich, dass das die Fortsetzung des Schweigens der Elterngeneration bedeutet hätte, dass es darum ging, meine Stimme zu finden.

ZEIT ONLINE: Ihre Elterngeneration, die Überlebenden der politischen und religiösen Säuberungen im Iran der Achtzigerjahre, wollte, dass ihre Kinder eine Armee der Rechtschaffenen werden. So formuliert es eine Protagonistin in Ihrem Film. Sie sollten zu guten und erfolgreichen Menschen heranwachsen, auch um zu zeigen: Für eine Gesellschaft haben wir gekämpft .

Zaree: Man könnte von einem nonverbalen Auftrag an uns Nachgeborene sprechen, ja.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich in Ihrem Film auf die Suche nach Gleichaltrigen gemacht. Was haben Sie erfahren?