Es war, auf den ersten Blick zumindest, die Überraschung der diesjährigen Oscarnacht. Nicht die bereits zum siebten Mal nominierte Favoritin Glenn Close, nicht Lady Gaga und auch nicht die Comedy-Ikone Melissa McCarthy bekamen den Preis in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin zugesprochen. Stattdessen gewann ihn Olivia Colman, eine 45-jährige Britin, die in The Favourite ihren bislang größten und beeindruckendsten Kinoauftritt hatte.

Colmans ebenso komische wie berührende Dankesrede stand ihrer Leistung in The Favourite dann in nichts nach. Sie war spektakulär. Das sei nun doch "recht stressig", sagte Colman in Los Angeles und "zum Schreien: Ich hab einen Oscar!" Sie entschuldigte sich geradezu für ihre Auszeichnung bei der ebenfalls nominierten Close, die seit langer Zeit ihr Vorbild sei: "Ich wollte nicht, dass das so ausgeht." Ihrem Ehemann im Publikum sagte Colman dann noch voraus, dass er nun gleich zu weinen beginnen werde – sie hingegen, schnief, nicht.

Bis zu diesem Augenblick war es ein langer Weg. 20 Jahre sei es her, erzählte Colman auf der Bühne des Dolby Theatre, dass ihre Agentin sie unter Vertrag genommen habe. Da hatte die Tochter einer Krankenschwester und eines Immobiliensachverständigen gerade ihr Studium an der Bristol Old Vic Theatre School beendet und sich nach London aufgemacht.

Seither hat Colman durchgehend gearbeitet und für ihre Darstellungen in Fernsehen, Kino und Theater stets gute Kritiken bekommen. Das perfekte Timing einer Komödiantin, das Colman nun auch in ihrer Dankesrede unter Beweis stellt, kommt im Übrigen nicht von ungefähr: In der ersten Hälfte ihrer Karriere war sie überwiegend in Sitcoms wie Peep Show, Rev. oder Green Wing zu sehen, zuletzt spielte sie in der gefeierten Serie Fleabag von Phoebe Waller-Bridge deren neurotische Stiefmutter. Die ernsteren Rollen etwa als Tochter von Margaret Thatcher in Die Eiserne Lady (die von Meryl Streep verkörpert wurde) und als misshandelte Ehefrau in dem beim Sundance Festival prämierten Drama Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte kamen erst später. Doch selbst in ihrer britischen Heimat machten die Colman nicht zu einer sonderlich prominenten Schauspielerin – außerhalb der Kino- und Fernsehbranche.

Kino - Diese Filme haben Oscars gewonnen »Green Book« gewinnt den Hauptpreis, Bester Film, und zwei weitere Oscars. »Bohemian Rhapsody« wird mit vier Trophäen Abräumer des Abends. © Foto: Reuters TV

"Ich bin doch keine Taube!"

Ganz ähnlich wie ihr Landsmann Gary Oldman gehört Colman zu der kleinen Gruppe exzellenter Schauspielerinnen und Schauspieler, die derart in ihren Figuren versinken, dass ihr Wiedererkennungswert bei den Zuschauern gering ist. In vielen ihrer Rollen spielte Colman zudem die buchstäbliche Frau von nebenan, nett und ein wenig unscheinbar, schlicht gekleidet, mit unkompliziertem Kurzhaarschnitt. Die ganz eigene Mischung aus Understatement und Bodenständigkeit, aus Feinsinn und Derbheit in Colmans Spiel offenbaren sich aber erst bei genauem Hinsehen.

"Ich bin eigentlich eher eine Einsiedlerin", antwortete Colman, die seit 25 Jahren mit ihrem Ehemann Ed Sinclair liiert und Mutter von drei Kindern ist, schon 2016 bei einem Interview während der Berlinale auf die Frage nach möglichem Star-Rummel und großen Auftritten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie zumindest in ihrem Heimatland den Durchbruch als Charakterdarstellerin geschafft, insbesondere ihre Rolle als Kommissarin in der Krimiserie Broadchurch (2013) hatte sie bekannt gemacht; sie erhielt dafür ihren bereits dritten Bafta Award, die bedeutendste britische Auszeichnung für Leistungen in Film und Fernsehen. Und wurde plötzlich auch auf der Straße erkannt. "Wenn man ein paar Monate lang jede Woche bei mehreren Millionen Zuschauern im Wohnzimmer zu Gast ist, spürt man das schon im Alltag", sagte Colman damals in Berlin. "Richtig schlimm finde ich aber eigentlich nur, wenn Leute mich ungefragt fotografieren. Ich bin doch keine Taube!"