Läuft gerade für André Jung. Der beliebte Theatergrande ist im Magdeburger Polizeiruf: Zehn Rosen (MDR-Redaktion: Johanna Kraus) zu Gast, nachdem er erst im Dezember im Schwarzwald-Tatort zu sehen war. Das sind die Tücken bei der sogenannten Koordination der heterogenen ARD-Samstagabendkrimi-Filme – und die Zuschauerin zahlt die Zeche, um es im Modus zeitloser Beschwerdekultur zu sagen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Denn André Jung ist ein Spannungskiller. Wo er auftaucht, da ist er's gewesen. In Zehn Rosen spielt Jung den Polizeiausbilder Ulf Meyer, der kurz vor der Pensionierung steht und mit dem Revierboss Lemp (Felix Vörtler) dicke ist. Ins Spiel kommt Meyer, weil Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dixie Köhler (Matthias Matschke) von der Auftaktleiche auf eine Mordserie schließen – tote Frauen, deren Beine verschnürt sind. Meyer hatte in seiner aktiven Zeit mit einem der Altfälle zu tun.

Es liegt auf der Hand, was Jung zum Bösewicht qualifiziert. Hinter der eigentlich freundlichen, soignierten Erscheinung lauert ein Abgrund, in den man nicht erst lugen mag. Jungs Präsenz ist reine Potenz: Dass die eindringliche Stimme mit einem Mal von Höflichkeit und Zurückhaltung umschlagen könnte in Schneidigkeit und Autoritarismus, reicht als Ahnung schon aus.

Deshalb borgt sich das Fernsehen vom Theater ja solche Schauspieler – Gesichter, die unter der Mittagssonne des Bühnenhandelns von den Temperamenten der Dramenliteratur gegerbt worden sind. Die zeitliche Nähe von Jungs Besetzungen im ARD-Sonntagabendkrimi mag Pech sein für Magdeburg, es spricht daraus allerdings auch eine gewisse Schubladenhaftigkeit beim Casting. Gerade weil Jung das Böse so unscheinbar aussehen lassen kann, ließe sich der Schauspieler durchaus spannungsreich vielleicht einmal gegen diese Erwartungen interpretieren.

Der Schauspieler André Jung © Ingo Wagner/dpa

Pech hat diese Folge auch, da hier ein Einfall am Start ist, den der letzte Münchner Polizeiruf schon hatte: Ulf Meyer ist als Ausbilder ein Autorenbühnenbildner (so wie Barbara Auers Constanze Hermann in München), der für den Nachwuchs Settings entwirft, in denen der Ernstfall geprobt wird. Von der professionellen Inszenierung des Verbrechens ist es kein großer Schritt, die Spuren der eigenen Morde durch eine vermeintliche Serie von Taten zu tarnen.

Ins Zentrum der Erzählung schiebt der Polizeiruf derweil Pauline Schilling (Alessija Lause), eine Transperson, die ihr Geld im Blumenhandel verdient und die große Liebe sucht. Zehn Rosen kokettiert ausführlich mit potenziellen Pathologien, die sich an die Geschlechtsumwandlung in alter Zeit hätten heften lassen – in einem weniger aufgeklärten Umfeld früherer Jahre wäre eine solche Abweichung von der angeblichen Norm mit Täterschaft oder Mord bestraft worden.

Dass der Polizeiruf dieses Denken zur Obskuritätsbefeuerung noch einmal durchspielt, führt aber auch vor, wie schwer es fällt, sich von alten Mustern zu lösen. Eine gelingende Identitätsfindung ist zuerst ein emanzipativer Akt, auch wenn sie längere Wege nehmen mag als bei weißen, heterosexuellen Akademikersöhnen, die ihre Anzüge frühzeitig durch eine High-End-Großkanzlei tragen.

Angesichts der bislang, vorsichtig gesprochen, nicht unbedingt glücklichen Fälle des Magdeburger Teams erweist sich Zehn Rosen als auffällig gelungen (Drehbuch: Wolfgang Stauch, nach einer Vorlage von Martin Douven, Regie: Torsten C. Fischer). Die wechselnden Schauplätze der Ermittlung sind bei Weitem organischer zu einer Geschichte verarbeitet als das Hallo-Spencer-hafte Rumgezappe zwischen hier und da in der Folge vor einem Jahr. Die Figuren können reden und dürfen es – einen Exkurs, wie ihn der Brasch-Lover und Revier-Mediator Niklas Wilke (Steven Scharf) über psychische Lesarten des Beine-von-Leichen-Verschnürens raushaut, hört man nicht jeden Sonntag.

Nachdenklich stimmt nur, dass Magdeburg nach zuletzt Köln und Saarbrücken einer jüngeren Tendenz des ARD-Sonntagabendkrimis folgt: Wenn der Fall gelöst ist, wird nicht verhaftet, sondern erschossen (oder dramatisch vom Dach gesprungen). Ob sich darin gleich ein schwindender Glaube in die Institutionen des Rechtsstaates erkennen lässt, müsste bei einer Tasse Tee vielleicht noch mal intensiver diskutiert werden. Fürs Erste wirkt das Rambazamba-Finale wie Glutamat zur Thrillverstärkung und damit wie Misstrauen gegenüber der eigenen Erzählung: Es müsste am Ende nicht heftig nachgewürzt werden, wenn die sich schließende Geschichte nahrhaft war.