Humor haben sie bei der Programmierung der ARD-Sonntagabendkrimis. Letzte Woche war Ulrich Tukurs Kommissar Murot damit beschäftigt, aus dem immer gleichen Tag herauszukommen, damit das Leben weitergehen kann. Und dann heißt diese Woche die Folge aus Franken ausgerechnet Ein Tag wie jeder andere (BR-Redaktion: Stephanie Heckner). Was hier allerdings als Ausdruck von Understatement gemeint ist. Denn in diesem Tatort (Drehbuch: Erol Yesilkaya, Schnitt und Regie: Sebastian Marka) ist wiederum wenig so wie in anderen. "Ich versteh das nicht", sagt Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) nach 43 Minuten – und nichts möchte die Zuschauerin an dieser Stelle lieber als ihr zuzustimmen.

Die erste Halbzeit ist noch nicht mal vorbei und das Ding scheint durch: Man hat dem verzweifelten Anwalt Peters (mit schicker Lockenfrisur und ansprechendem Schnauzer: Thorsten Merten) beim pünktlichen Erschießen eines Richters und einer Chemikerin zugeschaut. Ist mit ihm ins – Standortvorgezeige gehört dazu – Bayreuther Festspielhaus gegangen, wo er seinen dritten Mord begehen sollte am Milchproduzenten Koch (Jürgen Tarrach), von Ringelhahn aber gerade noch gestoppt werden konnte durch finalen Rettungsschuss. Der Täter ist tot – und zu allem Überfluss sitzt sein "Auftraggeber" Kessler (Stephan Grossmann) auch noch auf dem Platz im Parkett herum, um sich verhaften zu lassen. Da kann man schon mal nervös auf die Uhr schauen und sich fragen, was dieser Tatort eigentlich in der verbleibenden Zeit machen will.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die Antwort: Er wechselt einfach den Modus, um die Spannung weiter hochzuhalten. Kessler, der sein Baby wegen der vergifteten Milch von Koch verlor und dessen Ehe darüber kaputt ging, hat beim Rachefeldzug vorgebeugt, um es mal so dramaturgisch-funktional zu sagen. Er hat die Tochter von Anwalt Peters entführt, für deren Freilassung er ein Tête-à-Tête mit dem Milchproduzenten verlangt.

Darüber entspinnt sich eine erstaunliche Diskussion zwischen Voss (Fabian Hinrichs) und Ringelhahn, die tatsächlich einmal verschiedene Sichten in der Polizeiarbeit gegenüberstellt. Ringelhahn will auf die Forderung eingehen, um das Leben des Kindes zu retten, während Voss zugleich rational und engagiert ("Hier geht es doch gar nicht um deine Gefühle oder meine Gefühle oder unsere Gefühle") auf dem Prinzip Rechtsstaat insistiert.

Da hält sich etwas auf interessante Weise die Waage: Einerseits könnte man sagen, dass die "gefühlige" Reaktion von Ringelhahn mit ihrer Weiblichkeit klischiert wird. Andererseits ist Voss durch Hinrichs' eh so einzigartig eindringliches, gebremst-deklamierendes Sprechen als der sonderbarere, unkonventionellere Charakter markiert. Wenn dieser nun in seiner spezifischen Weise des Redens ("Fühlst du irgendwie mehr als andere?") auf schlichter Polizeiarbeit besteht, ist das durchaus überraschend.

Der Film folgt dann – und nach dem vergeblichen Versuch Ringelhahns, Koch freiwillig zum Gang in Kesslers Zelle zu bewegen – tatsächlich der Voss-Idee. Das heißt für Ein Tag wie jeder andere, dass Arbeit gezeigt wird. Leute, die Akten wälzen auf der Suche nach einem Hinweis. Eine Büro-Kaffeemaschine, die für die lange Nacht befüllt wird.

Und tatsächlich findet sich der Hinweis auf den Kauf eines Hauses im Wald, der kurz die Hoffnung nährt, die Arbeit könnte von Erfolg gekrönt werden. Als die Polizei dort jedoch nicht fündig wird, schwenkt Voss auf die Ringelhahn-Linie ein – was vielleicht der kritische, irgendwie schwache Punkt an der außergewöhnlichen Konstruktion des Krimis ist. Es wirkt, als habe dieser Tatort kurz gekostet von der Spannung, die Ermittlungsarbeit sein kann, wenn sie mit Präzision gezeigt wird und über die wechselnden Besuche bei Verdächtigen hinausgeht. Der Film macht auf dem Absatz kehrt und flüchtet sich in die Kinobilder, aus denen er seine Anregung bezieht.

Natürlich ist es logisch, dass solch ein Entwurf zurück will zu der gruseligen Konfrontation von Super-Bösewicht und prominentestem Opfer, bei der durch das Bangen, die ausführlich gezeigte Vorbereitung des Treffens erst die Gefahr bedeutet wird, die ein zwangsjackengefesselter, gelähmter Kessler in einer Zelle gegenüber Koch noch haben kann.

Ein Tag wie jeder andere entscheidet sich für die aufregendere, wenn man so will fiktionalisiertere, in jedem Fall emotionalere Form des Erzählens, obwohl dem Film zuzutrauen wäre, den nüchternen Professionalismus eben aufregend zu erzählen. Dass er noch ein As im Ärmel hat – die Sekretärin der Bayreuther Polizei ist Kesslers Ex-Frau (Karina Plachetka), die Koch vor dem Gang in die Zelle Gift in den Kaffee tut –, spricht für die durchdachte Geschichte. Ein bisschen schade ist aber schon, dass die Ermittlungsarbeit nur ein Holzweg sein darf, nachdem sie mit so viel rhetorischem Aufwand begründet worden ist.